Interview Lesezeit: ~ 4 min

Das Eigentliche ist der Kampf gegen Israel

Journalist Johannes Gerloff über die Rolle des palästinensischen Islamischen Dschihad.

 

 

Seit Dienstagmorgen beschießen palästinensische Anhänger der Terrororganisation Islamischer Dschihad israelische Siedlungen mit Raketen. Es scheint eine der gefährlichsten Eskalationen seit längerer Zeit zu sein. Das Raketenfeuer hatte begonnen, nachdem Israel den Anführer der Terrorgruppe Palästinensischer Islamischer Dschihad, Baha Abu al-Ata, gezielt getötet hatte. Zu Donnerstag wurde eine Waffenruhe ausgehandelt, die aber kurz danach schon wieder gebrochen wurde. Katja Völkl sprach daher mit dem Journalisten Johannes Gerloff, der seit mehr als 25 Jahren in Jerusalem lebt.


ERF Medien: Wie ist denn die Situation momentan (Donnerstagnachmittag, 14.11.2019), gibt es weiterhin Raketenbeschuss?

Johannes Gerloff: Es ist so, dass es seit Dienstag eine neuere Eskalationsstufe gibt. Aber für die Menschen, die direkt am Gazastreifen leben, gibt sich die Situation so, dass durch die ganzen Jahre hindurch ständig Raketengefahr war. Ständig immer wieder mal mehr und mal weniger gab es Raketenalarme und es sind Raketen gefallen. Und Baha Abu al-Ata war derjenige, der für diesen Beschuss des südlichen Israels verantwortlich war, und der jetzt offensichtlich, soweit es gesagt wird von den verantwortlichen Sicherheitsbehörden, auch so eine Art tickende Zeitbombe war. Das heißt, dass er Größeres vor hatte, und Israel praktisch schon seit zwei Jahren die Bombe für Herrn Abu al-Ata bereit hatte, und den Mann auf die Abschussliste gesetzt hatte, um hier mehr Ruhe zu schaffen. Es ist also nicht so, dass hier plötzlich etwas explodiert wäre, und sich plötzlich etwas Grundlegendes geändert hätte.


ERF Medien: Das heißt, dass diese Terrororganisation Islamischer Dschihad auch schon vorher, quasi regelmäßig in Erscheinung getreten ist, denn wir in Deutschland denken immer zuerst an die Hamas.

Johannes Gerloff: Der palästinensische Islamische Dschihad ist quasi die kleine Schwester der Hamas. Wenn ich das einmal so vergleichen darf – die Hamas sagt, wir müssen uns um die Gesellschaft kümmern und z.B. Krankenhäuser bauen, wir müssen die Menschen ganzheitlich sehen, während der Islamische Dschihad sagt, nein, da verschwendet ihr eure Zeit, kümmert euch nicht so viel um Soziales, das Eigentliche ist dran, und das Eigentliche ist der Kampf gegen Israel. Der Gründer des Islamischen Dshihad war ein Arzt, der schon in den 90er Jahren von Israel erschossen wurde auf Malta. Das ist also eine Sache, die sich lange hinzieht – solange es die Hamas gibt, solange gibt es auch den Islamischen Dshihad. Das sind zwei Geschwister, die ständig miteinander laufen. Der Islamische Dshihad ist sehr viel kleiner, wobei das in Gaza nicht bedeutet, dass er klein ist, das sind dort ungefähr 10.000 Kämpfer.


ERF Medien: Es gab ja diverse Reaktionen - aus dem Iran, der USA und eines UN-Nahostbeauftragten. Israel sei ein „skrupelloses und Kinder mordendes Regime“, hieß es am Dienstag in einer Stellungnahme auf der Webseite des Außenministeriums der Islamischen Republik Iran. US-Vizepräsident Mike Pence bekräftigte indes Israels Recht auf Selbstverteidigung. Die Terrorgruppen des Gazastreifens förderten lieber Gewalt, als das Leben der Bewohner Gazas zu verbessern, so Pence. Der UN-Nahostbeauftragte, Nickolay Mladenov, verurteilte am Mittwoch den „willkürlichen Beschuss“ ziviler Ziele in Israel als „absolut inakzeptabel“. Wie beurteilen Sie die Situation? [Dass es aus dem Iran Kritik an Israel gibt, verwundert nicht, weil der Islamische Dschihad vom Iran finanziert wird.

Johannes Gerloff: Wenn Sie über den Iran informiert werden wollen, dann fragen Sie die iranischen Flüchtlinge, die in Deutschland. Ich habe manche im Laufe meiner Vortragsreisen getroffen und die können Ihnen sehr genau sagen, dass dort ein Regime an der Macht ist, das den Terrorgruppen sehr nahe ist, und zum Beispiel den Islamischen Dshihad finanziert. Deshalb ist klar, wie der Iran sich äußert. Wie das jetzt einzuordnen ist, was interessant ist momentan, dass Israel momentan im Rahmen dieser Auseinandersetzung nicht ein einziges Mal die Hamas angegriffen hat, und die Hamas sich an diesem Raketenbeschuss auch nicht beteiligt hat.

Das ist ein Novum in dieser Auseinandersetzung, das ist sehr spannend zu beobachten, das hängt auch damit zusammen, dass innerhalb der Hamas ein Führungswechsel stattgefunden hat in den vergangenen Jahren, und offensichtlich scheint sich die Hamas in eine Richtung zu bewegen, in der sie sich um die Bevölkerung kümmert, im Gegensatz zum palästinensischen Islamischen Dshihad. Da sind Entwicklungen im Gang, die hochinteressant sind, die wir aber längerfristig beurteilen müssen, das geht jetzt nicht so schnell.
 

ERF Medien: Das heißt, dass man nicht befürchten muss, dass sich die Hamas noch in den Konflikt einschaltet?

Johannes Gerloff: Das wissen wir nicht, es scheint auch innerhalb der Hamas ein Machtkampf zu toben oder vorhanden zu sein, ich weiss, dass es hohe Hamaskommandeure gibt, die ihren Führer Yahya Sinwar dazu bewegen möchten, einzugreifen, aber er scheint bisher standzuhalten. Dann wäre Israel auch gezwungen, Hamasziele anzugreifen. Aber die Lage ist sehr, sehr kompliziert. Herrn Sinwar saß 22 Jahre in israelischen Gefängnissen. Ihn kennen die Israelis sehr gut, der kennt die Israelis sehr gut. Da scheint sich etwas zu tun, das geht nicht in die Richtung, dass die Hamas sich jetzt bekehrt, und plötzlich pro Israel wird, aber da scheinen sich Spielregeln zu ergeben, die eventuell auf eine neue Situation hinführen könnten. Aber jetzt nicht in der Richtung, dass man denkt, hier bricht der Friede aus, sondern es ist die Frage, wie man hier eine Ruhe erreichen kann, und eventuell manches auch für die Menschen hier tun kann.


ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.
 


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