Väter sind auch nur Menschen

Manchmal verstehe ich Gott nicht. Obwohl ich ihm eigentlich in meinem langen Leben immer vertraut habe. Na ja – mehr oder weniger. Lest hier die Geschichte von Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak zu töten.

Manchmal verstehe ich Gott nicht. Obwohl ich ihm eigentlich in meinem langen Leben immer vertraut habe. Na ja – mehr oder weniger. Lest hier die Geschichte von Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak zu töten.

Abschied


Als er mich damals aus Ur in Chaldäa, einer Stadt in Mesopotamien, herausrief und mich auf eine lange Reise schickte, wusste ich nicht, wie das Ganze enden würde. Es fiel mir schon schwer, mich aus meiner Verwandtschaft, aus meiner Heimatstadt und aus meinem Geburts- und Vaterland zu verabschieden, mich von allem Bekannten zu trennen. Aber da war ja der „Ruf“ des Allmächtigen – und dem wollte ich unbedingt vertrauen. Na, denn, auf ins Unbekannte! Solange ER denn an meiner Seite mitwanderte.

Reich, aber einsam

Im Land Kanaan angekommen ging es immer auch wieder durch Höhen und Tiefen, aber da mich Gott zum einen mit Wohlstand segnete und mich auch in vielen Gefahren bewahrte, war ich mit meinem Leben eigentlich ganz zufrieden. Eigentlich.

Denn etwas nervte mich dann doch schon: Sara – meine Frau – und ich hatten keine Kinder. In einer Gesellschaft, in der Kinderlosigkeit als Strafe Gottes angesehen wurde, litten wir zunehmend unter unserem Handicap. Zumal Gott uns ja auch Nachkommen versprochen hatte. Das war eben so ein Punkt: Alle Versprechen hatte der Allmächtige bisher eingehalten, aber einen Stammhalter, der war noch nicht geboren. Und langsam wurde es auch zeitlich knapp, denn Sara bekam ihre Tage immer unregelmäßiger. Wenn Gott da noch was organisieren wollte, dann musste er sich beeilen.

Umwege

Obwohl mir Gott noch einmal ganz deutlich zusicherte, dass das mit meinem Nachkommen klar gehen würde (und ich glaubte ihm das auch vollkommen), erwischte mich meine Frau einige Zeit später mit ihrem Vorschlag auf dem linken Fuß: Vielleicht hätten wir den Schöpfer falsch verstanden und ich würde schon einen Sohn zeugen können – nur eben mit einer anderen Frau. Gut, das war in unserem Bekanntenkreis gang und gäbe, aber für mich war die Ehe mit Sara heilig. Bis zu dem Tag, als sie mir ihre Dienerin abends ins Zimmer schob.

Geklappt hat es ja und diese Hagar wurde doch tatsächlich von mir schwanger! Auf die Idee, dass man Gott nicht „nachhelfen“ braucht, wenn er etwas verspricht, kam ich erst, als er nicht mehr mit mir sprach. Und das 13 Jahre lang!

Doch noch

Und dann geschah das Wunder doch noch! Sara, obwohl schon 90-jährig, gebar mir endlich den ersehnten Stammhalter. Wir nannten ihn Isaak („Lachen“), weil er uns wieder die Freude ins Leben gebracht hat. Was war es auch toll, ihn aufwachsen zu sehen, mit ihm zu spielen, ihm die alten Geschichten von Gott und der Welt zu erzählen. Und auch, wie lange wir auf ihn gewartet haben.

Das war’s

Eines Tages redete Gott wieder mit mir und stellte eine Forderung: „Nimm deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, gehe auf einen der Berge, den ich dir zeigen werde und opfere ihn dort auf einem Altar.“ Damals waren Opfer als Zeichen der Ehrerbietung und Anbetung normal, aber in dem Augenblick habe ich Gott nicht mehr verstanden. Erst müssen wir so lange warten, bis er uns diesen Jungen schenkt und dann soll ich ihn – selbst – wieder töten? Das kann es doch nicht gewesen sein.

Auf die Idee, diesen Auftrag nicht auszuführen kam ich gar nicht, denn ich hatte den Allmächtigen als heilig und mächtig erlebt.

Um es kurz zu machen – wir gingen diesen schwersten aller Wege, und dann lag er da angebunden auf dem Altar, bereit, zu sterben. Dass es mir das Herz brach, dass diese Wunde wohl nie mehr heilen würde, dass ich Gott nicht mehr begriff – all das würde bis zu meinem Lebensende unauslöschlich in meine Gefühlswelt eingebrannt sein.

Der Ersatz

Im buchstäblich letzten Augenblick rief mir ein Engel zu: „Du hast den Test bestanden. Tue dem Jungen gar nichts. Ich weiß jetzt, dass Du große Ehrfurcht vor Gottes Willen hast – deshalb wird dieser dich auch in allem segnen.“ Und dann sah ich auch diesen Widder, mit seinen Hörnern in einem Gestrüpp festgehalten, den ich an der Stelle meines Sohnes dann opferte.

Was die Beziehung zu Isaak angeht, die war schon vorher besonders innig, aber durch unser gemeinsames Erleben waren wir – Vater und Sohn – noch einmal auf ganz spezielle Weise verbunden.

Und das noch

Menschen späterer Generationen würden keine Opfer in dieser Form mehr bringen. Aber sollte Gott, der allein Kinder zu geben vermag, auch nicht über ihr weiteres Leben entscheiden können?

Gott weiß übrigens auch sehr genau wie es einem Vater zumute ist, der seinen Sohn sterben sieht. Immerhin war er auf dem Hügel Golgatha dabei, als Jesus in großer Qual ausrief: „Es ist vollbracht!“ – Da starb Jesus als Stellvertreter an der Stelle von Menschen, die Strafe für ihr Versagen und ihre Schuld verdient hatten. Und kein Engel rief im letzten Augenblick: „Hört auf!“ Und Gott sah zu, wie sein Sohn gemartert und getötet wurde.

P.S. Die ganze – und deutlich längere – Geschichte von Abraham und seinen Sohn Isaak kann man gut im 1. Buch Mose in der Bibel nachlesen. Aber auch die Informationen über Jesus und seinen Vater. Es ist echt spannend!


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.