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Liebt eure Feinde

Die Fronten im US-Wahlkampf dürfen sich nicht verhärten.


Seit Wochen sind die Wahlen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten am 3. November 2020 eines der bestimmenden Themen schlechthin. Und das nicht nur in den USA, sondern auch hier bei uns in Deutschland. Die Debatten werden dabei zuweilen so hitzig geführt, als würden wir selbst den Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen. Dabei spalten diese Wahlen wie kaum andere Präsidentschaftswahlen zuvor Familien, Freundeskreise, Gemeinden und Stammtische. Bei uns aber vor allem in den USA selbst. Ist „God’s own Country“ noch zu retten? Andreas Odrich hofft Ja, und zwar genau mit Gottes Hilfe.

 

Auf einmal ging es doch. Die TV-Debatte in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober zwischen dem amtierenden Präsidenten der USA, dem Republikaner Donald Trump, und seinem Herausforderer, dem Demokraten Joe Biden, verlief gesittet. Die beiden Männer konfrontierten sich nicht mehr mit Gebrüll und Durcheinanderreden, sondern mit Argumenten. Dabei mussten ihnen die TV-Leute durch ein festes Regelwerk zwar vorher ein bisschen auf die Sprünge helfen, aber es ging.
 

Demokratie ist Debatte und Ringen

Mich hat diese dritte und letzte Fernsehdiskussion der Spitzenkandidaten vor der Wahl am 3. November ein wenig aufatmen lassen. Denn schließlich sind die USA eine der ältesten modernen Demokratien, und so muss es auch bleiben. Debatten und das öffentliche Ringen um Meinungen, selbst mit der Erkenntnis, dass es bestimmte, nicht vereinbare Positionen gibt, zeichnen eine Demokratie aus. Sie unterscheiden sie deutlich und wohltuend von Autokratien und Diktaturen. Man kämpft gemeinsam um den richtigen Weg und trägt eine Entscheidung am Ende auch mit, selbst wenn sie nicht der eigenen Meinung entspricht. Die glatte, kalte Fassade einer Diktatur hingegen wird immer nur ein Potemkinsches Dorf bleiben. Ein Kartenhaus, das irgendwann zusammenstürzt, weil die Menschen besser als ihre Unterdrücker wissen, was hinter den Kulissen wirklich läuft.
 

Alles nur kalkulierter Medienrummel?

Aber vielleicht waren die TV-Duelle der Präsidentenbewerber auch alle samt und sonders nur inszeniert. In einer Welt der Medien, die ständig um Aufmerksamkeit buhlen müssen, eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Für die Politiker und für die TV-Sender. Erste Debatte ein Skandal mit Durcheinanderschreien, große Aufmerksamkeit garantiert. Zweite Debatte der Vizekandidaten im großen Kontrast wohltuend sachorientiert, ein Hingucker. 

Und nun noch einmal der dritte Anlauf als friedfertigere Variante der beiden Hauptbewerber, auch das will man noch einmal gesehen haben, und wissen, ob sie es durchhalten werden – Einschaltquoten in allen drei Fällen gesichert, so lässt es sich zumindest interpretieren.
 

Eine zutiefst gespaltene Gesellschaft

Doch ich wüsste nicht, was schlimmer ist, echte Aufregung oder nur ihre Inszenierung. Letztere wäre sogar das schlimmere Spiel mit dem Feuer. Denn dass die USA eine zutiefst gespaltene Gesellschaft sind, ist in den letzten Jahren erschreckend deutlich geworden. Dies hat zweifellos mit der polarisierenden Art des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump zu tun – ganz bestimmt nicht mein Weg.

Ich wundere mich aber auch, dass es die Demokraten nicht schaffen, Trump einen jungen, frischen, unverbrauchten Kandidaten (gerne auch eine Kandidatin) als Hauptbewerber entgegenzusetzen.  Ich frage mich: Ist die Antwort auf einen älteren Mann ein noch älterer Mann wirklich die Lösung? Aber das ist nicht mein Problem.

Fest steht, dass die Gräben zwischen den Menschen auch schon vorher da gewesen sein müssen, also auch schon unter Obama, Bush und Clinton. Sonst könnten sie jetzt nicht dermaßen breit auseinanderbersten. Und auch für diese Männer gab es als Präsidenten der Weltmacht Nummer eins nie etwas anderes als „America first“, sie haben es nur nicht immer so brachial und offensiv vorgetragen wie ihr aktueller Amtskollege.
 

Erschrecken über die vielen Gräben

Ich maße mir nicht an, USA-Experte zu sein. Ich kann nur festhalten, was mich in diesen Tagen bewegt und erschüttert. Ich nehme mit Erschrecken wahr, dass mir alle Menschen, die ich in den letzten Wochen zu diesem Thema gefragt habe, weil sie als Amerikaner oder als Menschen, die enge Verbindungen in die USA pflegen, alle das gleiche berichtet haben: Es gibt viele tiefe Gräben, viel Konfrontation, viel Abschottung, viel Sprachlosigkeit, bis in die Familien hinein. Da sind die alten Gegensätze zwischen Nord- und Südstaaten. Da gibt es die tiefe Kluft zwischen den Menschen an den Küsten auf der einen Seite und den Menschen im Landesinneren auf der anderen Seite.

An den Küsten werden die Medien gemacht (Ostküste – die großen Zeitungen, Westküste – die Filmindustrie), und die Menschen im Landesinneren müssen damit leben und werden von den Küstenbewohnern gerne als Fly-Over bezeichnet, weil man im vielschichtigen Sinne des Wortes per Flugzeug über sie hinweg schwebt. Dazu kommen die Gräben zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß, zwischen den älteren Babyboomern und den jüngeren Millenials.

Und schließlich sind da auch die Klüfte zwischen Christen, von denen die einen Donald Trump als den Retter konservativer Werte sehen, während die anderen wiederum zutiefst bestürzt sind über seine Art zu regieren und aufzutreten, was für sie so gar nichts mit den Werten, die er doch angeblich retten will, zu tun hat.

Die Bürgerkriegsähnlichen Szenen, die man von manchen Demonstrationen gesehen hat, mögen hoffentlich nicht der Normalfall sein. Sie erzeugen nur stärkere Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken und in den klassischen Medien als der normale Alltag. Doch letztlich sind sie ein Symptom und zeigen, dass radikale Kräfte in dem aktuellen Klima dieses gespaltenen Landes prächtig gedeihen.

Es wird daher die vordringliche Aufgabe des zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staat in seiner Vorbildfunktion sein, die Menschen zu befrieden und wieder zueinander zu führen.
 

God’s own Values

Was also kann helfen in „God’s own Country“ aber auch bei uns hier, wenn wir uns die Köpfe heiß reden über die Präsidentenwahl in den USA. Ich lade ein, wieder ganz neu auf „God’s own Values“ zu setzen, auf „Gottes eigene Werte“. Der biblische Befund zeigt, was da zählt:

  • Demut. Nicht im duckmäuserischen Sinne, sondern in dem Bewusstsein, dass auch meine Meinung nicht die allein selig machende ist. Andere Menschen kommen zu anderen Erkenntnissen. Das ist ganz normal. Es gibt verschiedene Meinungen, aber meine ist nicht die einzig richtige, das habe ich in Demut zu akzeptieren. Der Nabel der Welt ist Gott – nicht ich.
     
  • Feindesliebe. Der rote Faden der Bibel ist die Feindesliebe. Es gibt keine Aufforderung, meine Feinde zu hassen. Im Gegenteil: Jesus Christus ruft explizit zur Feindesliebe auf und setzt damit einen Wert, der Nachhaltigkeit prägt. Ich muss deshalb nicht die Meinung des anderen übernehmen. Aber ich lasse ihn in seiner Würde und in seiner Auffassung unangetastet. Wenn dies auf Gegenseitigkeit beruht und gegenseitig praktiziert wird, ist das meiste schon gewonnen.
     
  • Einander zuhören. Nicht verurteilen, nicht verdammen, sondern zuhören. Menschen nicht in Schubladen packen, sondern ihre Geschichte ernst nehmen, sich in sie hineindenken. Das geht nicht im Eiltempo-Wisch-Wisch-Verfahren am Smartphone mit Däumchen hoch oder runter. Dies braucht Zeit. Aber sich aufeinander einlassen ist ein wichtiger Schritt, um über Gräben hinweg wieder Brücken zu bauen.
     
  • Vor dem Hasskommentar erstmal nachdenken. Soziale Medien schüren Emotionen und setzen uns in Dauerstress. Wir sollen sofort reagieren, wir sollen nicht besonnen sein, wir sollen etwas raushauen und teilen, neue Vernetzung entstehen lassen und Daten generieren, die uns besser kategorisieren. Das flutscht viel besser und schneller mit Hass als mit Liebe. Eine Hasstirade runterhacken, das geht wie der Blitz, eine gute Liebeserklärung schreiben, das macht hingegen richtig Arbeit.
    Also erstmal nachdenken und nicht kopflos Tweets und Kommentare in die Landschaft schießen und andere damit runtermachen. Auch das ist ein Schritt, der dabei hilft, dass sich die Fronten nicht verhärten. Dies gilt für Staatsoberhäupter genauso wie für Kneipenphilosophen. Denn Extremisten definieren sich in der Regel  durch Abgrenzung und Hass auf andere. Wenn dem aber der Boden entzogen wird, schrumpft auch für Extremisten der Nährboden. 
     
  • Ernstlich fragen „Ist es das wert?“ Wenn in Familien, Freundeskreisen, Gemeinden und Vereinen tatsächlich nicht mehr miteinander geredet wird, weil die politischen Meinungen weit auseinandergehen, dann lohnt sich dringend, noch einmal inne zu halten und zu fragen: Ist es uns das tatsächlich wert? Wollen wir uns tatsächlich über dieses Thema dermaßen zu entzweien? Haben nicht ganz andere Werte gemeinsam, auf die wir uns besinnen und an denen wir anknüpfen sollten? 
    Bedenken wir: Der Brudermord von Kain an Abel war ein schreckliche Katastrophe, die viel Leid produziert hat. Dieser Brudermord steht ganz bewusst gleich auf den ersten Seiten der Bibel. Und zwar als Warnung, aber ganz bestimmt nicht als Betriebsanleitung für spätere Generationen.
     

Ich habe einen Traum

Und so habe ich einen Traum. Dass die Menschen in den USA sich wieder auf diese lebenswerten Werte besinnen, und dass wir es in unseren Debatten auch tun. Dass wir schlussendlich alle wieder zurückfinden zu einer Debatte, die wir hoffentlich nicht nur zum Schein in einer sachorientierten Form führen.

Nicht abgrenzen, nicht in Gräben verschanzen, sondern in Demut und gegenseitiger Achtung auf einander zugehen und gemeinsam gedeihliches Miteinander gestalten, das ist die Art Menschwürde, die Gott für uns vorgesehen hat. 



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