Hände falten – oder: Wenn die Kraft nicht mehr ausreicht

Sechs sehr lebhafte Kinder zu erziehen – das ist ganz gewiss nicht einfach. Zumal sie diese Aufgabe oft alleine erledigen musste, da ihr Mann tagsüber zur Arbeit war und abends dann wenig Nerven hatte, sich noch um die Kinder zu kümmern. Es war eine andere Zeit als heute…

Sechs sehr lebhafte Kinder zu erziehen – das ist ganz gewiss nicht einfach. Zumal sie diese Aufgabe oft alleine erledigen musste, da ihr Mann tagsüber zur Arbeit war und abends dann wenig Nerven hatte, sich noch um die Kinder zu kümmern. Es war eine andere Zeit als heute…

Mit regelmäßigen Pflichten im Haushalt und Garten aufzuwachsen war nicht so toll, da die Schulkameraden meist freie Nachmittage hatten, aber wir haben es alle ganz gut überlebt. Zumal der Schrebergarten so gute Erträge lieferte, dass man das eh schon knappe Geld für die wichtigeren Dinge ausgeben konnte. Und auch die Ausflugstouren per Fahrrad in die nähere Umgebung blieben in guter Erinnerung.

In einem Acht-Personen-Haushalt läuft trotz guter Organisation und strenger Ordnung auch nicht immer alles glatt. Da werden Kinder krank und stecken die restlichen auch noch an, da will der Kohlenhändler sein Geld, welches aber schon verbraucht ist und der Tag ist oft viel zu kurz für alle Aufgaben, die erledigt werden wollen.

Das Schlafzimmer

Und immer, wenn die Wogen hoch schlugen oder ein nicht zu umgehendes Hindernis auftauchte, da tauchte unsere Mutter ab. Sie nahm gerade diejenigen Kinder, derer sie habhaft werden konnte, an die Hand und die zwei, drei oder auch vier Personen schlossen die Schlafzimmertür hinter sich. Und dann knieten alle am Bett hin.

Ich kann mich kaum an ein spezielles Gebet erinnern, geschweige denn an den genauen Wortlaut. Aber eines ist mir bis heute gut in Erinnerung geblieben: Da sprach eine Frau mit ihrem Gott, als säße er vor ihr. Und sie erzählte ihm einfach, was gerade anlag und was sie nicht im Griff hatte. Öfters tauchten solche Formulierungen auf wie: „Herr, du weißt ja…“ oder: „Wie du ja selbst siehst, läuft gerade dies oder jenes nicht.“ Und das Ganze im normalen, öfters auch dringlichen Tonfall, aber nicht vorher extra perfekt vorformuliert. Nein, sie redete mit dem Allmächtigen gerade so, wie es ihr ums Herz war. Und erlebte natürlich die denkbar interessantesten Gebetserhörungen. Und wir als Kinder mit ihr!

Am Ende

Jahrzehnte später, ihr Mann war längst verstorben, nahmen auch ihre eigenen Kräfte merklich ab. Sie, die von Jugend an beherzt in einem Geschäftshaushalt mit anpacken musste (unterm Ladentisch lagen die Schulbücher, in die sie zwischen den einzelnen Verkaufsaktionen immer mal wieder einen Blick hineinwarf), später lange Jahre engagiert einen „Familienbetrieb“ (wie man es heute formuliert) managte, danach wieder den Berufseinstieg packte und lange Jahre in leitender Stellung auch erfolgreich war – sie schaffte es zunehmend schwerer, das tägliche Leben zu bewältigen. Hinzu kamen Schwächeanfälle. Das Haus war zu groß geworden und die Treppe in ihre Etage zu steil und lang. Endlich entschloss sie sich, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Aber schon wenige Tage nach dem Umzug erfuhr sie die Nachricht: Leukämie.

Danach ging es recht schnell. In der Uniklinik stellte man nach der ersten Chemotherapie keine Wirkungen fest. Ihre Töchter nahmen sie dann zu sich in ein Krankenhaus an ihrem Wohnort. Dort konnte sie täglich Besuch haben, zusätzliche Pflege und Gespräche.

Singen und Traurigkeit

Ich erinnere mich noch gut den letzten Besuch bei ihr. Wir scherzten, sangen zusammen alte Glaubenslieder (sie natürlich alle auswendig), beteten, erzählten – und dabei klinkte sie sich manchmal aus. Die Kraft ging zu Ende. Und dann der Abschied: „Wir sehen uns spätestens im Himmel wieder.“

Traurig fuhr ich danach zum Flughafen, wohl wissend, dass es das letzte Treffen war. Aber ich nahm ein Bild mit – das Bild ihrer gefalteten Hände. Wenn auch der Körper an vielen Stellen nicht mehr seinen Dienst versah – dass Beten immer geholfen hatte und auch in dieser Stunde des Übergangs in eine andere Welt, das war ihr sehr wohl bewusst. Und vielleicht hat sie leise auch wieder gesagt oder gedacht: „Herr, du weißt ja…!“

Der Regenbogen

Bei ihrer Beerdigung wählten wir einen Text aus der Geschichte der biblischen Hanna, ihrer Namensvetterin, aus. Diese Frau aus alter Zeit brachte ihre Not in einer eindrucksvollen Abhängigkeit vor Gott. Sie weinte und flehte und schüttete ihr Herz aus. Und Gott erhörte sie und erfüllte ihre Bitte, machte sie wieder fröhlich. Ob das lesen dieser Erlebnisse unsere Mutter prägte? Auf alle Fälle hatten beide Geschichten große Parallelen. Das reale Gespräch mit dem Allmächtigen, die erfahrbare Hilfe nach dem Reden mit Gott – das stand auch bei der Trauerfeier im Mittelpunkt.

Und als wir vom Grab weggingen, sahen wir diesen Regenbogen. So, als ob unsere Mutter uns von oben einen besonderen Gruß zusenden wollte: „Ich habe es jetzt weit besser, als ihr es euch vorstellen könnt. Aber solange ihr noch da unten leben müsst, denkt dran: Das Wichtigste sind gefaltete Hände!“


Kommentare

Von Anne-Maria Kreye am .

Lieber Herr Meißner,
dieser Bericht über Ihre Mutter hat mich tief gerührt. Vielen Dank dafür! Ich hatte auch gläubige Eltern und Ihr getrostes Heimgehen miterlebt.
Ich möchte diesen Bericht gern in der nächsten Woche in unserem Frauenkreis vorlesen.
Ihnen wünsche ich Gottes Segen!
Anne-Maria Kreye


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