Geschwister - zwischen Konkurrenzdenken und Liebe

Es waren einmal vier Geschwister: Die Eine war zurückhaltend und etwas muffig, die Andere charmant und anpassungsfähig. Der Nächste hinterfragend, aber auch harmonisch, der Kleinste freundlich und nett. So lebten sie glücklich und zufrieden. Nur manchmal hatte man den Eindruck, dass jeder sich in seiner Rollenzuweisung gefangen fühlte...

Es waren einmal vier Geschwister: Die Eine war zurückhaltend und etwas muffig, die Andere charmant und anpassungsfähig. Der Nächste hinterfragend, aber auch harmonisch, der Kleinste freundlich und nett. So lebten sie glücklich und zufrieden. Nur manchmal hatte man den Eindruck, dass jeder sich in seiner Rollenzuweisung gefangen fühlte.

Es scheint sie zu geben: die Rebellen und Jasager, die Pechvögel und Glückskinder, die Ehrgeizigen und Faulen, die Nesthäkchen, die Prinzen und Friedensengel.

Familie ist schon etwas sehr prägendes und wenn man viele Geschwister hat, ist es normal, dass jeder einen besonderen Platz einnimmt. Ich bin die Älteste und wie die Fachpresse es ja öfters beschreibt, tatsächlich diejenige, die eher gewissenhaft und treu ist und einen relativ hohen Anspruch an sich hat.

Als Kind und Jugendliche war ich sehr schüchtern, fühlte mich einsam und verkroch mich in meiner Literaturwelt. Ich wollte alles richtig machen, gleichzeitig rebellierte ich innerlich gegen einige Regeln, die ich als völlig absurd empfand. Zusätzlich hatte ich den Eindruck, ich wäre abgestempelt: ”Du bist kompliziert, verschlossen und unfreundlich!” hörte ich nur allzu oft. Das belastete mich, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren. Neidisch war ich insbesondere auf meine Schwester, deren Leben so einfach aussah, alles flog ihr zu, dachte ich: Sie war in einer tollen Clique, zog zuerst von zu Hause aus, hatte viel früher einen Freund, heiratete zuerst, bekam zuerst ein Kind. Tauschen wollte ich zwar nicht mit ihr, aber ich fand es so ungerecht.

Erwachsen geworden führte jeder sein Leben, wir trafen uns gelegentlich. Zu meinem jüngsten Bruder hatte ich weiterhin einen besonders engen und vertrauensvollen Kontakt. Vor acht Jahren dann trafen wir uns zur Vorbereitung zum 60. Geburtstag unserer Mutter. Wir tauschten uns intensiv miteinander aus, auch gerade über unsere Erfahrungen als Kinder, unsere Wahrnehmung voneinander. Das war ausgesprochen heilsam. Wir merkten: Jeder hat so seine Schwierigkeiten gehabt und Positives und Negatives erlebt.

Seitdem treffen wir uns nun regelmäßig ein ganzes Wochenende im Jahr ohne unsere Familien. Vertrauen und Verständnis füreinander sind hier kontinuierlich gewachsen. Das empfinden wir Vier als sehr bereichernd für unser eigenes Leben.

Wir merkten, dass Geschwisterpositionen unser Leben prägen. Auch wenn sie nicht den oben genannten Klischees immer entsprechen, ist es wichtig, sich tiefer gehend damit auseinander zu setzen. Mit seinen Stärken und Schwächen, aber auch mit abwertenden Glaubensaussagen, die unser Leben bestimmen und belasten können.

Auch heute noch neige ich zu Perfektionismus und Gewissenhaftigkeit, was manchmal unbarmherzig rüberkommen kann. Auf der anderen Seite weiß ich auch um meine besonderen Gaben und Merkmalen. Noch heute zucke ich zusammen, wenn ich höre: ”Du siehst so muffig aus, ist irgendwas”, obwohl ich mich gar nicht so empfinde. Doch ich weiß, Gott hat mich und uns als ganz unterschiedliche, kreative und schöpferische Menschen geschaffen. Und er möchte, dass wir uns neu auf die Spurensuche machen nach unseren Gaben und Fähigkeiten und ihm damit dienen, ohne uns dabei in Rollen pressen zu lassen, die uns den Atmen nehmen, uns einengen und letztendlich bewegungsunfähig machen.

Anhand meiner Geschwister (und mittlerweile auch an meinen unterschiedlichen wunderbaren Söhnen) merke ich, wie vielfältig sich Gott das gedacht hat. Und das genieße ich sehr und immer mehr ohne Konkurrenzdenken.

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