Kommentar Lesezeit: ~ 3 min

Verstrickt im Corona-Meinungswirrwarr

Wie Christen Orientierung geben können.


Maskenpflicht, Lock-Down, Kontaktverbot – Corona hat unseren Alltag einschneidend verändert. Aber was bringen die Maßnahmen? Unterschiedliche Meinungen sind im Umlauf und der Ton wird schärfer. Wie sollten Christen umgehen mit dem Meinungswirrwarr mitten in der Krise? Ein Kommentar von Regina König.
 

Gerade fällt die Haustür hinter mir ins Schloss, ich will Brötchen holen – aber hoppla, ich habe die Maske vergessen, also nochmal umkehren. Überhaupt, die Maskenpflicht – wie sinnvoll ist sie eigentlich? Anfang April waren sich Experten uneins, ob Atemmasken bei der Eindämmung der Pandemie tatsächlich helfen. Einen Monat später führten die Bundesländer die Maskenpflicht ein – im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften, zur Notbetreuung in Kitas.
 

Ja, und überhaupt…

  • …Schulen und Kitas. Sachsen preschte vor und öffnete als erstes Bundesland am 18. Mai Grundschulen und Kindertagesstätten. Doch ob Kinder nun weniger infektiös sind als Erwachsene, darüber streiten sich die Virologen bis heute.
  • …die Virologen: wie sinnvoll ist es, sie zu entscheidenden Ratgebern zu machen und aufgrund ihrer Einschätzung ein ganzes Land herunter zu fahren?
  • …der Lock-Down: hat er nun dazu geführt, dass es in Deutschland weniger Tote gibt, die an und mit dem Corona-Virus gestorben sind? Hatte sich denn nicht schon vor dem Lock-Down die sogenannte Reproduktionszahl unter 1 bewegt?

 

Fragen über Fragen, die zeigen: nach der Corona-Schockstarre haben die Deutschen die Lust am Streitgespräch wieder entdeckt. Und das ist gut so! Denn nur wer hinterfragt, bohrt tiefer und regt andere an, mitzudenken und konstruktive Lösungen zu finden.
 

Es steht viel auf dem Spiel

Schließlich steht viel auf dem Spiel: Gesundheit, Wohlstand, Freiheit. Und gerade deshalb ist es jetzt wichtiger denn je, nüchtern und besonnen zu bleiben. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Verschwörungstheorien gedeihen wie im Gewächshaus und immer häufiger werden Wissenschaftler und Politiker beleidigt – nicht nur auf der Straße während der Corona-Proteste, auch persönlich per Mail oder Briefsendung. Das Bundeskriminalamt spricht mittlerweile von Drohbriefserien.

Woher kommt diese Aggressivität? Sind manche Bürger überfordert von der Offenheit, mit der Politiker über ihre eigene Unsicherheit im Umgang mit der Krise sprechen und Entscheidungen revidieren? Sind sie verunsichert, dass Wissenschaftler öffentlich ihren Meinungsstreit austragen und im Laufe der Pandemie zu neuen Erkenntnissen kommen?
 

Der Ton wird rauer

Der Ton wird rauer in Deutschland – dazu tragen auch Pastoren bei wie Jakob Tscharntke von der evangelischen Freikirche Riedlingen in Baden-Württemberg.

Seine Predigt „Wie gehen wir als Christen mit dem Corona-Wahnsinn um?“ wurde über YouTube mehr als 80.000 mal aufgerufen. Darin bezeichnet er das Handeln der Bundesregierung als „Willkürherrschaft“. „Merkel, Spahn & Co“ seien „Politkasper, hinter denen Eliten sitzen, die wir nicht kennen.“ Die Maskenpflicht sei eine „Machtdemonstration der Herrschenden“ und der Lock-Down eine mutwillige Zerstörung der Lebensgrundlage vieler. Politik und Medien, so Tscharntke, „lügen, … wenn sie das Maul aufmachen.“

Unterschiedliche politische und wissenschaftliche Auffassungen nimmt Tscharntke zum Anlass, jegliches Vertrauen in unsere Institutionen zu zerstören. Er setzt eigene verstiegene Thesen wie die „der unbekannten Eliten“ dem Meinungswirrwarr zu. So entstehen Predigten, die infiziert sind mit Hass und Verleumdung. Das kann unserem Land mehr schaden als das Virus selbst.
 

Bislang ungekannte Herausforderungen

Fakt ist: Corona stellt unser Land vor neue Herausforderungen, auch Kirchen und christliche Gemeinschaften. Das Hinterfragen mancher Verordnungen hat längst begonnen: ´War es richtig, auf Gottesdienste zu verzichten? Sollen wir tatsächlich in unserer Gemeinde nicht mehr singen? Sollten wir lauter protestieren gegen die Auflagen zu Besuchen in Alten- und Pflegeheimen? Müssen wir uns an Kontaktbeschränkungen halten, wenn Kinder in der Gefahr stehen, in ihren Familien vernachlässigt zu werden?`
 

Fragen über Fragen, die es wert sind, gestellt zu werden. Christen sollten dafür eine Antenne haben und die Bereitschaft, unterschiedliche Meinungen anzuhören – in ihren Gemeinden, in der Nachbarschaft, am Küchentisch, in den sozialen Netzwerken. Dabei sollten sie sich allerdings beweisen als Menschen, die nüchtern und besonnen diskutieren, die den Respekt wahren, Fakten checken und die Wahrheit suchen. Streiten mit Anstand, jetzt ist die Zeit dazu – und vor allem mit Demut. Gerade letzteres in dem Bewusstsein, dass wir es mit einer Lage zu tun haben, die es so noch nicht gegeben hat, und in der jeder Mensch, also auch ich selbst, zu fehlbaren Einschätzungen kommen kann.



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Kommentare

Von Chris am .

"... dass Wissenschaftler öffentlich ihren Meinungsstreit austragen..."
Wenn es doch mal so wäre, dass die Wissenschaftler alle an einem Tisch sitzen.
aber leider haben Wieler und Drosten "besseres zu tun", wie sie sich äußerten.
Da wird doch die Spaltung vorgelebt.

Von Michael am .

Danke für diesen anregenden Artikel! Ohne zu verurteilen, werden unterschiedliche Positionen zur Sprache gebracht. Und es ist meines Erachtens richtig: Wenn wir uns die Köpfe nur mit Verschwörungstheorien heiß reden, finden wir keine gangbaren Lösungen. Bleibt zu hoffen, dass die Politik mit der Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beim Thema Faktencheck mutig vorangeht und die Fehler und Schwachstellen im Umgang mit der Krise dann auch beim Namen genannt werden - nachvollziehbar.

Von Jörg am .

Ich wiederhole mich. Die Autorin hat ein eigenartiges Verständnis von Vertrauen. Vertrauen ist nichts Verordnetes, das nur durch Kritik zerstört werden kann. Vertrauen ist etwas, das man sich erarbeiten muss. Nicht die Kritiker der Regierung zerstören Vertrauen, sondern die Regierung hat Vertrauen zerstört. Wenn jemand zu mir sagt, er kann mir nach allem, was ich in den letzten Jahren getan hätte, nicht mehr vertrauen, dann kann ich ihn deswegen nicht beschimpfen und ihm vorwerfen, er hätte jetzt aber das Vertrauen in mich zerstört.


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