Interview Lesezeit: ~ 7 min

Offene Baumärkte – offene Kirchen!

Christen in Sachsen feiern wieder Gottesdienst. Landesbischof Bilz spricht von „kreativer Zwischenphase“.

 

 

„Wenn in Baumärkten Blumentöpfe verkauft werden, möchten Christen auch wieder Gottesdienst feiern“, so der sächsische Landesbischof. Nach konstruktiven Gesprächen mit der Landesregierung habe man sich darauf geeinigt, unter besonderen Auflagen Gottesdienste bereits wieder ab dem 26.04.2020 möglich zu machen. Außerdem betont Tobias Bilz im Gespräch mit ERF Medien, dass die Seelsorge in Krankenhäusern, Pflege-und Altenheimen in Sachsen gewährleistet ist. Regina König hat mit dem Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens gesprochen.
 

Gespräche zwischen Kirchenleitung und Landesregierung auf Augenhöhe

ERF Medien: Herr Landesbischof, eigentlich fährt Sachsen in der Corona-Krise einen restriktiven Kurs: Bis Montag galt eine Ausgangssperre und Sachsen gehört zu den ersten Bundesländern, die eine Maskenpflicht eingeführt haben. Mit welchem Argument konnten Sie denn nun die Landesregierung überzeugen, das Gottesdienstverbot schneller aufzuheben als alle anderen Bundesländer?

Tobias Bilz: Welches Argument es am Ende war, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass wir sehr gute persönliche Gespräche mit Vertretern des Freistaates hatten, in denen auf beiden Seiten dem anderen zugehört wurde. Zum einen lastet auf der Landesregierung ein großer Druck, weil die Bürger wieder zurück zur Normalität wollen. Aber die Regierungsvertreter machen sich Sorgen, dass die gewonnenen Ergebnisse gefährdet werden. Und das nehme ich absolut ernst.

Zum anderen ist es für uns Christen aber schwer zu verstehen, dass Blumentöpfe im Baumarkt verkauft werden können, aber Gottesdienste weiterhin verboten bleiben sollen. Beim Gottesdienst geht es ja nicht nur um Gemeinschaft, sondern auch darum, Gott zu ehren. Das gehört zum Kern des Glaubens. – Tobias Bilz, Landesbischof Sachsen

 

Ich erlebe die Staatsregierung und auch die Ministerpräsidenten so, dass sie persönlich mit viel Gottvertrauen unterwegs sind. Sie sind tatkräftig und sehen, was jetzt wichtig ist, achten aber auch auf die Dinge, die dahinter liegen.
 

Einlassbeschränkungen und Hygieneregeln sollen Gottesdienste ermöglichen

ERF Medien: Nun unterliegen die Gottesdienste, die ab dieser Woche gefeiert werden dürfen, starken Beschränkungen. Nur 15 Menschen dürfen teilnehmen, plus Pastor und Kantor. Große Stadtkirchengemeinden wie die Thomaskirche in Leipzig oder auch die Frauenkirche in Dresden haben schon gesagt, dass das für sie keine Option ist. Aber es gibt ja nun viele Gemeinden auf den Dörfern und in kleineren Städten. Brauchen die jetzt Türsteher, wie man sie aus der Clubszene kennt, die entscheiden wer reinkommt und wer draußen bleiben muss?

Tobias Bilz: Zunächst muss ich noch einmal sagen, dass es sich um zwei Sonntage handelt. Denn am 4. Mai soll es eine Nachfolgeregelung geben, die sich dann an den aktuellen Infektionszahlen orientiert. Das heißt, wir sind in einer kreativen Zwischenphase. Der Freistaat hat von uns ein Schutzkonzept gefordert, in dem ein paar Punkte festgehalten sein müssen. Da gehört die Beschränkung auf 15 Personen mit rein. Das orientiert sich an den Zahlen, die vorher schon für die Teilnahme an Beerdigungen gegolten haben. Wir hatten den Eindruck, dass wir jetzt erst mal nur vorsichtig öffnen und nicht gleich in die Vollen gehen können. „Türsteher“ wird es in dem Sinne nicht geben, aber es gehört zu unserem Schutzkonzept, dass in jedem Gottesdienst eine verantwortliche Person festgelegt sein muss, die darauf achtet, dass die Maßnahmen eingehalten werden.
 

ERF Medien: Aber was schlagen Sie den Gemeinden vor, wie das zu handhaben ist? Wenn ich an unsere Kleinstadtgemeinde denke, da kommen sonntags in der Regel 50 bis 70 Personen. Wie sortiert man da aus?

Tobias Bilz: Manche Kirchengemeinden arbeiten mit einem Anmeldesystem, sodass sich die Leute im Voraus melden, die in die Kirche gehen möchten. Andere bieten Kurzgottesdienste an, also 30 Minuten. Das ist auch unter den Gesichtspunkten der Ansteckungsgefahr sehr günstig. Wenn es schon voll ist, geht man noch eine Runde spazieren und kommt nach einer halben Stunde wieder.

Eines aber möchte ich noch hinzufügen: In unserer Verordnung, die der Freistaat gemacht hat, steht auch, dass man beim Landkreis oder bei einer Kreisstadt Ausnahmeregelungen beantragen kann. Wenn die Gemeinde begründet, warum die Zahl 15 in einer großen Kirche nicht hilft, dann wird geschaut, ob noch eine andere Lösung möglich ist. Das heißt, wir haben eine Kombination von Vorgabe und individueller Gestaltung vor Ort.
 

ERF Medien: Dessen ungeachtet müssen ja auch noch Hygieneregeln beachtet werden. Welche sind die wichtigsten?

Tobias Bilz: Vor allem eineinhalb Meter um Personen herum Abstand halten. Wir haben uns dafür entschieden, dass ein Mundschutz dringend empfohlen wird. Außerdem ist eine offene Tür wichtig, sodass nicht jeder an den Türgriff fassen muss. Beim Einlass soll es Markierungen auf dem Fußboden geben, damit der Abstand eingehalten wird. Und am Anfang des Gottesdienstes wird nochmal nachgefragt, ob jeder Gottesdienstbesucher symptomfrei ist. Das ist zwar etwas Formales, aber es ist trotzdem wichtig. Das sind die wesentlichen Punkte.
 

Kirchliche Seelsorge muss gewährleistet werden

ERF Medien: Kirche muss auf Distanz gehen – auch dort, wo sie eigentlich besonders gebraucht wird, nämlich in Alten- und Pflegeheimen und in Krankenhäusern. Also genau dort, wo Nähe, Trost und Anteilnahme nun notwendig wären. An der Basis rührt sich in dieser Hinsicht immer mehr Kritik: Die Kirche sei zu zaghaft, sie müsse gerade jetzt verstärkt an der Seite der Schwachen stehen. Was ist denn Ihre Meinung : Wie kann der Spagat gelingen, die Mitarbeiter zu schützen und gleichzeitig den Kranken und Einsamen nahe zu sein?

Tobias Bilz: Die Seelsorge in den Heimen ist bei uns grundsätzlich geordnet. Für die Alten- und Pflegeheime und auch für Krankenhäuser sind Seelsorger und Seelsorgerinnen zugeordnet, die dort Dienst tun. Für uns ist es wichtig, dass die Zugänge dort erhalten bleiben. Das steht auch in unserer neuen Verordnung. Das heißt, bei Schwerstkranken und Sterbenden kann, wenn denn gewollt, ein Seelsorger gerufen werden.
 

„Kritik darf und muss sein!“

Tobias Bilz: Außerdem ist es mir wichtig zu sagen: Kritik darf und muss sein. Dass die Gesellschaft immerfort die aktuelle Lage diskutiert, ist ein ganz wesentlicher Teil unserer Freiheit und muss in der Kirche möglich sein. Denn das führt zu einer Debatte, die Erkenntnisgewinn bringt. Es ist mir sehr wichtig, dass wir in einem offenen Austausch stehen, weil das auch uns, die wir Verantwortung tragen, für das Denken und Entscheiden wichtige Hinweise gibt. Ich wünsche mir ausdrücklich eine kirchliche und eine gesellschaftliche Debatte – Was geht hier gerade ab und was macht das mit uns? Wie muss darauf reagiert werden? Ansonsten müssen wir eine gesellschaftliche aber auch kirchliche Achtsamkeit entwickeln. Ich bekomme tolle Berichte auch aus der Landeskirche, wie darauf geachtet wird, dass man beieinander bleibt.

Insgesamt heißt es für mich: Uns werden Krisen zugemutet, aber da steckt auch das Wort Mut drin. Ich wünsche mir, dass wir uns nicht zu lange mit den Beschwerlichkeiten aufhalten, sondern immer schauen, was daraus Gutes entstehen könnte und was Gott uns damit sagen will. – Tobias Bilz, Landesbischof Sachsen

 

Da sind wir in einem ganz lebendigen Prozess. Ich denke bei allem Schmerzlichen und Schwierigen – wir denken natürlich an die konkret Leidenden zuerst – kann auch aus dem Ganzen Gutes entstehen.
 

Corona biete die Chance, Grenzen zu überschreiten

ERF Medien: Trotzdem, Kirche muss – körperlich gesehen – auf Distanz gehen wegen der Ansteckungsgefahr. Viele Protestanten haben ihre Kirche bisher allerdings sowieso als eine ferne Institution erlebt, die nichts mehr mit ihrem Leben zu tun hat. Die Zahl der Kirchenaustritte ist bundesweit in den vergangenen Jahren gestiegen. Was denken Sie: Wird die Corona-Krise diesen Trend wie unter einem Brennglas weiter verstärken?

Tobias Bilz: Ich denke insgesamt eher nicht. Aus zwei Gründen: Wenn man eine Sache mal eine Zeit lang nicht hat, lernt man sie schätzen. Das ist in vielen Belangen so. Das heißt, wir können neu fixieren was an unserer Kirche und an unseren Glaubensäußerungen schätzenswert ist. Und die Möglichkeiten, die wir jetzt haben, verwischen ein bisschen die Grenzen zwischen „drinnen“ und „draußen“. Und zwar im Blick auf Kirchenzugehörigkeit, Mitgliedschaft, Engagement und so weiter.

Nur als ein Beispiel: Angenommen, jemand streamt einen Gottesdienst und schaut ihn sich im Wohnzimmer an. Dann kommt ein anderes Familienmitglied zur Tür rein und fragt „Was guckst du da?“, schaut vielleicht drei Minuten zu und nimmt einen Gedanken auf. Das heißt, die Krise sorgt auch dafür, dass wir Grenzen überschreiten. Ich mache mir definitiv keine Sorgen darüber, dass die Corona-Krise im negativen Sinne ein Katalysator sein könnte. Ich würde eher denken, es könnte das Gegenteil eintreten.
 

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


Landesbischof Bilz
Landesbischof Bilz (Foto: evlks)

Tobias Bilz ist seit dem 1. März 2020 Bischof der ev.-lutherischen Kirche Sachsens. Der Theologe und gelernte Instandhaltungsmechaniker arbeitete bis 2017 als Landesjugendpfarrer in Sachsen, zuletzt war er eingesetzt als Dezernent für Gemeindeaufbau und Seelsorge. Tobias Bilz ist verheiratet und Vater von drei Söhnen. Am kommenden Samstag wird er offiziell eingeführt in das Amt des Landesbischofs. Auch an diesem Festgottesdienst werden nur 15 Gäste teilnehmen – dreitausend waren ursprünglich geplant.



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