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Corona hat dramatische Auswirkungen für Obdachlose

Für die Berliner Wohnungslosen verschärft sich die Lage, bietet aber auch neue Chancen.

 

 

Ein seltener Anblick: Der Berliner Kurfürstendamm ist nahezu verwaist. Am Brandenburger Tor stehen nicht, wie sonst üblich, Trauben von Touristen. Die Straßen und Fußgängerzonen sind so leer wie sonst nur in den großen Schulferien. Die deutsche Hauptstadt ist im Corona-Shutdown. Und das trifft besonders obdachlose Menschen. Es gibt kaum noch jemanden, den sie anbetteln können. Hoffnung und Hilfe bietet die Berliner Stadtmission. Sie packt unter anderem sogenannte Notfallpäckchen für Menschen, die auf der Straße leben. Gleichzeitig erlebt Stadtmissions-Mitarbeiterin Barbara Breuer: Immer mehr Menschen wollen aussteigen und suchen ein eigenes Dach über dem Kopf.
 

Einkommensquellen fallen weg

„Das Pfandflaschensammeln ist nahezu unmöglich geworden, weil kaum noch Leute unterwegs sind, die sie wegwerfen. Auch der Verkauf der Obdachlosen-Zeitungen, die sie in der Straßenbahn, S-Bahn und U-Bahn anbieten, fällt weg, weil auch dort kaum noch jemand unterwegs ist. Die Menschen benutzen ihre Autos, fahren Fahrrad oder bleiben einfach ganz zu Hause. Das Betteln oder Schnorren ist dadurch natürlich schwierig, wenn niemand mehr da ist, der etwas in den Becher wirft“, beobachtet Barbara Breuer.

Viele Menschen, die auf den Straßen Berlins leben – eine offizielle Zählung geht von rund 2000 aus – sind nicht in der Lage oder wollen keine staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen. Dazu kommen Menschen aus Osteuropa, die keinen Anspruch auf Unterstützung haben.

Deshalb sind Barbara Breuer und ihre Kollegen im vollen Einsatz: „Wir von der Berliner Stadtmission haben bisher versucht weiterhin möglichst alle unsere Angebote aufrechtzuerhalten. Unsere Notübernachtung haben wir verlängert. Normalerweise wäre sie Ende März geschlossen worden, aber jetzt bleibt sie bis Ende April geöffnet.“

Das ist ein wichtiger Beitrag für einen halbwegs geregelten Tagesablauf in Corona-Zeiten.
 

Verpflegung und Ermutigung in Nothilfe-Päckchen

Ein Frühstück bekommen die Gäste in der Stadtmission. Dort können sie sich auch in der letzten noch geöffneten Kleiderkammer mit neuer Wäsche versorgen. Aus Hygienegründen sind die Räume der Bahnhofsmission am Zoo allerdings geschlossen. Hier ist sonst der Anlaufpunkt für ein warmes Mittagessen. Stattdessen verteilt die Berliner Stadtmission jetzt sogenannte Nothilfe-Päckchen.

„Die Päckchen enthalten ein Brötchen oder belegtes Baguette, ein Stück Obst, eine Flasche Wasser und auch Hygieneartikel. Und ganz wichtig: ein Ermutigungskärtchen in verschiedenen Sprachen, die unsere Gäste sprechen. Darauf ist ein geistlicher Spruch, ein ermutigendes Wort. Wir geben in den Päckchen – über 1000 Stück am Tag – immer einen kleinen Trost mit auf den Weg.“
 

Zeiten der Veränderung

Die Christen der Berliner Stadtmission merken: Corona-Zeiten sind in ganz besonderer Weise Zeiten der Veränderung. Mancher möchte sein Leben auf der Straße sogar hinter sich lassen und sehnt sich nach einem Dach über dem Kopf. Das ist geschehen, als die City-Station, ein kleines Café mit Notübernachtung am Kurfürstendamm, im März wegen der Abstandsregeln geräumt werden musste.
 

Barbara Breuer erzählt: „In der Nacht, als das passiert ist, hatten 19 Leute dort übernachtet. 18 dieser obdachlosen Menschen haben gesagt, dass sie bereit sind, in eine feste Bleibe zu gehen. Für sie wurde innerhalb weniger Stunden auch eine Übernachtungsmöglichkeit und eine dauerhafte Bleibe für vier Wochen gefunden. Sogar jemand, der im Rollstuhl sitzt und ein behindertengerechtes Zimmer brauchte, konnte untergebracht werden – auch das hat geklappt. Das hat uns gezeigt, dass die Menschen die Not wirklich spüren und merken, dass die Situation dramatisch wird und deshalb bereit sind ihr Leben auf der Straße zumindest für eine Zeit aufzugeben.“

Ein kleiner Hoffnungsschimmer auch für Obdachlose im Zeichen der Corona-Krise. 

 



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