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Ostern wird kraftvoller denn je

EKD-Ratsvorsitzender verteidigt Entscheidung, auch zu den Feiertagen keine Gottesdienste in Kirchen zu halten.

 

 

Seit Mitte März sind alle Kirchen in Deutschland für Gottesdienste geschlossen. Das bleibt auch über die Osterfeiertage so, dem höchsten Fest der Christen. Ausgesprochen wurde das Verbot im Einvernehmen mit den Kirchenleitungen aller Konfessionen, um die Ansteckungsgefahr durch Corona auch an dieser Stelle zu minimieren. „Wir sagen ja zu allem, was hilft, die Gefahr und das Risiko zu vermindern“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm damals zur Begründung.

Jetzt steht Ostern vor der Tür und es gibt einige Proteste und sogar Klagen gegen das Gottesdienstverbot – die Kirchen dürften an diesen hohen Feiertagen nicht geschlossen bleiben. Regina König von ERF Medien hat deshalb mit dem EKD-Ratsvorsitzenden gesprochen.
 

Das Evangelium verbreitet sich trotz geschlossener Kirchen 

ERF Medien: Herr Bedford-Strohm, am Karfreitag werden Sie keinen Gottesdienst zur Sterbestunde feiern, Ostersonntag werden Sie weder zu einer Osternacht einladen noch zu einem bunten Familiengottesdienst. Es wird in keiner Gemeinde Deutschlands ein Osterfrühstück geben und auch Ostermontag bleiben die Kirchen kalt und leer. Wie geht es Ihnen mit dieser Aussicht?

Heinrich Bedford-Strohm: Erstmal: Natürlich feiern wir Karfreitag, Ostern und auch die Osternacht - und zwar kraftvoll! Aber natürlich ist es sehr, sehr schmerzlich, dass wir das nicht in unseren vertrauten Kirchen tun können. Aber es geht ja darum, dass dieses Virus sich nicht weiter ausbreitet. Wenn die Experten sagen, dass Versammlungen, wie wir sie haben, tatsächlich dazu führen können, dass das Risiko für schwache und verletzliche Personen steigt, dass Menschen sterben – dann müssen wir alle miteinander dazu beitragen, die Beschleunigung der Neuinfektionen zu verhindern und alle Wege, die dafür nötig sind, auch wirklich gehen. Das ist der Hintergrund warum wir ja gesagt haben – so schwer uns das fällt und so schmerzlich das ist. Aber ich muss auch in aller Klarheit sagen:

Dass wir die Gottesdienste nicht in unseren Kirchen in vertrauter Weise feiern können heißt doch nicht, dass sich die starke und wunderbare Botschaft des Evangeliums nicht überall ausbreiten kann. – EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm

 

Denn wir haben ja schon jetzt die Erfahrung gemacht, dass wir in dieser Zeit mehr Menschen mit unseren Gottesdiensten erreichen als je zuvor in den letzten Jahren. Die Einschaltquoten für die Radio- und Fernsehgottesdienste sind in die Höhe geschnellt. Auch das sind Wege, auf denen der Heilige Geist die Herzen der Menschen erreichen kann.
 

Gemeinden reagieren kreativ

ERF Medien: Nun ist aber der Ostersonntag dann der vierte Sonntag in Folge, an dem es bundesweit keine Gottesdienste geben wird. Welches Feedback haben Sie bisher aus den Gemeinden zum Gottesdienstverbot bekommen?

Bedford-Strohm: Natürlich ist es für uns alle schmerzlich. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Gemeinden ganz toll reagieren. Die Pfarrerinnen und Pfarrer überlegen sich, welche neuen kreativen Formate wir finden können, um die Menschen zu erreichen. Dabei machen wir die Erfahrung, dass da ganz vieles aus dem Boden schießt, was uns auch für die Zeit nach der Corona-Krise wichtige Hinweise geben kann, wie wir Menschen erreichen. Das sind richtig beglückende Erfahrungen in dieser Situation und das verdanken wir all denen, die sich jetzt nicht zurückziehen oder grollen, sondern einfach die Ärmel hochkrempeln und Ideen umsetzen. Das ist ein Geist des Aufbruchs, der in dieser schweren Zeit Kraft verbreitet.
 

Nicht aus Angst gehandelt – sondern um Leben zu retten

ERF Medien: Allerdings sind nicht alle Christen vollkommen einverstanden mit diesem Gottesdienstverbot. Einzelne Gemeinden und Christen haben dagegen geklagt und in Berlin und Hessen sind Verfahren anhängig. (In der Zwischenzeit hat das Verwaltungsgericht in Leipzig die Regelung des Gottesdienstverbotes zum Schutz gegen Corona bestätigt.) Auch der frühere ZDF-Moderator Peter Hahne hat sich zu Wort gemeldet: Er wirft den Kirchenleitungen vor, bereitwillig und in vorauseilendem Gehorsam kleinbeigegeben zu haben, noch bevor es Verbote des Staates gegeben hätte. Was entgegnen Sie ihm und diesen Argumenten?

Bedford-Strohm: Wir haben nicht aus Angst vor Sanktionen oder aus Zwang diesen Beschluss gefasst, sondern weil wir dazu beitragen wollen, dass Leben gerettet werden. Aus meiner Sicht ist es nicht nachvollziehbar und findet meinen deutlichen Widerspruch, wenn Menschen jetzt gegen diese Regelungen klagen oder die Kirchen dafür kritisieren.

Wenn wir gegen den Rat der Experten die bisherige Form unserer Gottesdienste mit allem Nachdruck versuchen beizubehalten, obwohl wir wissen, dass dabei Menschenleben auf dem Spiel stehen, dann widersprechen wir zutiefst unserer eigenen Botschaft. – Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender

 

Gegenüber der Öffentlichkeit ist das die schlechteste Form für das Evangelium einzutreten. Die Menschen würden nicht nachvollziehen können, warum sie in ihrem Privatleben und in anderen Zusammenhängen strengste Regelungen einhalten müssen und für die Kirchen eine Ausnahme gemacht würde, obwohl die Risiken besonders für die Verletzlichen und Schwachen damit steigen. Deswegen ist unser jetziger Umgang mit diesen Regelungen Ausdruck unserer Leidenschaft für das Evangelium. Denn Gott lieben und Nächstenliebe sind untrennbar miteinander verbunden.
 

Jesus hat die gleichen gottverlassenen Erfahrungen gemacht

ERF Medien: Unsere Freiheit in Deutschland wird ja nicht nur durch die Einschränkung der Religionsfreiheit beschnitten. Auch weitere zahlreiche Ausgangsbeschränkungen haben unseren Alltag verändert: Familien müssen die ungewohnte Enge miteinander ertragen, Alleinstehende leiden unter Einsamkeit. Was haben Karfreitag und Ostern in dieser ganz besonderen Zeit der Corona-Krise zu sagen?

Bedford-Strohm: Wir haben sehr viel zu sagen. Gerade in diesen Tagen ist unsere Botschaft eine richtig starke Botschaft. Denn das, was die Menschen jetzt erleben, die in den Krankenhäusern liegen und vielleicht mit dem Tod ringen, oder die trauernden Angehörigen, die nicht wirklich von ihren Lieben Abschied nehmen können – das sind Erfahrungen die Jesus Christus kurz vor seinem Tod selbst gemacht hat. Er war einsam im Garten Gethsemane und hat dort gebetet: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, wenn es sein kann.“ Er hat am Kreuz geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Menschen machen in dieser schweren Zeit vielleicht sogar diese gottverlassene Erfahrung. Wir haben dafür Worte und können diese Erfahrungen aufnehmen, weil unser Herr Jesus Christus sie selbst gemacht hat. –  Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender

 

Damit können wir in dieser Zeit auf Ostern zugehen und am Ostersonntag sagen: Christus ist auferstanden! Der Tod hat nicht gesiegt, sondern das Leben und wir alle werden durch Jesus Christus in das neue Leben mit hineingenommen. Ostern fällt in diesem Jahr nicht aus – es wird vielleicht kraftvoller denn je gefeiert werden!
 

Den Osterruf vom Balkon und Videochat anderen zurufen

ERF Medien: Welcher österliche Brauch ist Ihnen auch in diesem Jahr ganz besonders wichtig, worauf werden Sie auch privat nicht verzichten?

Bedford-Strohm: Natürlich der Osterruf „Der Herr ist auferstanden“ und dann die Antwort „Er ist wahrhaftig auferstanden“. Das kann man auch vom Balkon oder vom Fenster aus anderen Menschen zurufen oder per Telefon oder Videochat miteinander teilen. Diesen Sonntag werde ich nach dem Gottesdienst im Wesentlichen mit meiner Frau verbringen und digital mit anderen Menschen verbunden sein. Das ist für mich das Allerwichtigste, denn Ostern ist ein Fest der Beziehung. Ein Fest der Beziehungen zu Jesus Christus und damit immer zugleich auch ein Fest der Beziehung zu anderen Menschen.
 

ERF Medien: Vielen Dank für dieses Gespräch und gesegnete Ostern!
 

 

Heinrich Bedford-Strohm ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland und Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.



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