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Besser als das Leben

Großvater. Vater. Sohn. In vielen Familien werden Vornamen, ganz besondere Erbstücke oder auch Berufe von Generation zu Generation weitergegeben. Michael Gerster schlägt in diesem Artikel die Brücke von seinem Vater zu seinem Sohn.

Ich saß in einem stickigen Großraum-Büro in der Nähe der Hamburger Reeperbahn. Plötzlich klingelte mein Handy, die Frau meines Vaters war dran. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, ich weiß nur noch: Ich saß wie in Trance auf einer kleinen Sitzgelegenheit neben meinem Schreibtisch und hörte zu wie sie mir erzählte, dass mein Vater ganz plötzlich gestorben sei. Vor zehn Jahren hatte er einen Schlaganfall bekommen und sich davon nicht komplett erholt, aber doch so, dass ich dachte, er würde noch lange mein Begleiter sein.

Unser Verhältnis war nie ganz einfach. Unterschiedliche Erwartungen, Schwierigkeiten, seine Liebe auszudrücken auf beiden Seiten. Meinem Vater fiel es seit dem Schlaganfall leichter, seine Gefühle auszudrücken, mir weniger. Dass mein Vater auf einmal der Bedürftige war, das fand ich schwierig. Doch ich dachte immer: Da ist noch so viel Zeit. So viel Zeit sich anzunähern, so viel Zeit, sich das zu sagen, was man sich schon lange sagen wollte. So viel Zeit zuzugeben, wie sehr man einander braucht.

Jetzt saß ich da und wusste: Keine Zeit mehr, die Vergangenheit zu bereinigen – und auch keine Zeit mehr, die Zukunft zu teilen. Einer meiner ersten Gedanken war: „Er wird nicht bei meiner Hochzeit dabei sein können“. Ich kannte damals meine jetzige Frau noch nicht einmal und trotzdem war das der Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Je älter ich wurde, desto wichtiger wurde es für mich, dass mein Vater bei den wichtigen Ereignissen in meinem Leben dabei ist: Abitur, Examen, der erste Job. All das konnte ich mit meinem Vater teilen. Den Bund fürs Leben zu schließen, das wusste ich, werde ich ohne ihn erleben.

Während ich diese Zeilen schreibe warte ich darauf, dass meine Frau und mein sieben Wochen alter Sohn mich von der Arbeit abholen. Zu gerne hätte ich die Freude meines Vaters erlebt, wenn ich ihm von der Geburt erzählte hätte, vom ersten Lächeln, von der ersten schlaflosen Nacht. Als mich mein Sohn das erste Mal mit schiefem Mundwinkel anlächelte, da sah ich in ihm das gleiche verschmitzte Lächeln meines Vaters. Ich bin traurig, dass mein Vater nicht dabei war, als diese kleinen Augen voller Freude strahlten, als sie mich zum ersten Mal bewusst erkannten.

Kurz nach seinem Schlaganfall, zehn Jahre vor seinem Tod, hatte sich mein Vater gewünscht, dass ein Vers aus der Bibel auf seinem Grabstein steht. Ein Vers, der ihn auch während dieser nicht einfachen Jahre getragen hat: „Deine Güte ist besser als Leben“.

Gott ist gut. Daran hat mein Vater festgehalten, als es sich auf der Intensivstation im Krankenhaus nicht danach anfühlte, dass es einen Gott gibt – und selbst wenn es ihn gäbe, dass er alles, nur nicht gut sei.

„Deine Güte ist besser als Leben“: Ich möchte meinem Sohn etwas mitgeben von der unbändigen Lebensfreude die mich ergreift, wenn ich Samstag morgens aufwache, aus dem offenen Fenster schaue und mir kalte, klare Waldluft entgegenströmt. Die ich spüre, wenn ich mit den unterschiedlichsten Romanhelden durch die Welt reise und Verbrechen aufkläre. Ich möchte ihm aber auch weitergeben, dass alle Lebensfreude eine Quelle hat, die reiner und klarer als die Freude selbst ist. Dass es einen Gott gibt, der nicht nur bei mir ist, wenn ich mich freue und wenn alles gut läuft. Dass es mal eine Welt gibt, wo es keine Tränen gibt. Und dass Gottes Güte noch besser als das Leben ist.

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