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Gesellschaftsspiele sind kein Kinderkram

Gesellschaftsspiele erleben einen Boom und sie sind lange kein Kinderkram mehr.

 

„Totgesagte leben länger!“ Das Sprichwort wird immer dann bemüht, wenn Personen oder auch Dinge sich viel länger halten als von allen angenommen. „Totgesagte leben länger!“ das gilt auch für Gesellschaftsspiele, die einen regelrechten Boom erleben.

Als in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten Computerspiele massenhaft verbreitet wurden, da haben viele Experten schon das Ende für das klassische Gesellschaftsspiel vorhergesehen. Und spätestens als dann Online- und Smartphone-Spiele zu einem weltweiten Phänomen wurden, war vielen klar: mit analogen Brett-, Karten- und Würfelspielen werden kaum noch junge digital geprägte Menschen zu begeistern sein. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Seit etlichen Jahren verzeichnen klassische Spieleverlage Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich.
 

Spieleverlage erleben Wachstum 

Aus Anlass der weltgrößten Messe für Gesellschaftsspiele Ende Oktober in Essen hat die Branche auch für dieses Jahr wieder gestiegene Umsätze gemeldet. Der Verbund der wichtigsten Spieleverlage im deutschsprachigen Raum schreibt dazu:

"Seit 5 Jahren zeigt das Spielebarometer Hochdruck an. Auch in 2019 hat sich das kontinuierliche Wachstum fortgesetzt und ist wieder um über 4% gestiegen. Im Lauf der letzten 5 Jahre hat die Branche somit um über 40% zugelegt. Gewinner sind vor allem Familien- und Erwachsenenspiele. So sind die Familien-Strategiespiele und die klassischen Erwachsenenspiele um jeweils 14% gewachsen. Während der Medienkonsum beim TV rückläufig ist, treffen sich immer mehr Menschen, um gemeinsam zu spielen. (Quelle: NPD Eurotoys)"

Und auch die Spielemesse selbst hat einen neuen Besucherrekord vermelden können. Waren es im vergangenen Jahr noch 190.000 Besucher, so kamen in diesem Jahr 209.000 Menschen in die Essener Messehallen. Ein Zuwachs von zehn Prozent auf einem bereits sehr hohen Niveau. Wer Messebesucher fragt, warum sie sich für Gesellschaftsspiele begeistern, der hört meist das Wort Gemeinschaftserlebnis. Die direkte Begegnung mit Menschen ist wichtig, die mit Freunden und solchen, die es durch das Spielen werden.
 

Immer mehr Erwachsene spielen

Besonders bemerkenswert: Es sind nicht etwa, die Kinder, die vermehrt spielen, sondern es sind Erwachsene, Studenten und ältere Jugendliche, die das Gesellschaftsspiel für sich entdeckt haben. Spiele sind also kein Kinderkram. Die Generation der "digital Natives" legt das Smartphone und Tablett zur Seite, um sich Auge in Auge begegnen, unterhalten und miteinadner spielen zu können. Soziologen sprechen von "direkter sozialer Interaktion", die die Menschen suchen und schätzen. Die Renner sind dabei seit einigen Jahren Escape-Spiele, die mit ihren Rätseln zum Knobbeln einladen. Der Verbund der Spieleverlage nennt dann auch Brainteaser- und Logikspiele als größte Gewinner unter den Spielen. Beliebt seien aber auch Würfel- und Wortspiele. Und das nicht nur bei jungen Leuten und Erwachsenen im mittleren Alter. Immer wieder werden Seniorenkreise zu Spielekreisen und auch Nachbarschaftshilfen bieten inzwischen Spielenachmittage an.

Aber nicht nur in Deutschland boomt das klassische analoge Gesellschaftsspiel. Es ist inzwischen ein weltweites Phänomen, das sich besonders in den asiatischen Ländern Japan und Südkorea, aber auch in Südamerika und sogar im Iran bemerkbar macht. Das spiegelt sich wiederum bei der Spielemesse in Essen wider. Es sind immer mehr Aussteller und Verlage aus mehr als 50 Ländern, die weit über 1500 Spieleneuheiten vorgestellt haben.
 

Spiele sind eine Sprache, die verbindet

 

Zunehmend werden auch die vielfältigen Möglichkeiten im Bereich der Pädagogik gesehen, die Spiele bieten. Das war dann auch Thema zahlreichen Vorträge auf der diesjährigen Spielmesse in Essen. Ein eigener Tag für Pädagogen wurde abgehalten. Eine der Referentinnen war Petra Fuchs. Die Sozialarbeiterin betreibt das Spielecafé der Generationen in Pfarrkirchen. Sie nutzt Gesellschaftsspiele in vielen Bereichen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, aber auch generationenübergreifend. Gerade in der Arbeit mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen hat sich der Einsatz von Gesellschaftsspielen als positiv erwiesen. Petra Fuchs sieht die unverselle Sprache von Spielen hier als ganz große Stärke der Gesellschaftsspiele an. Diese Sprache verbindet Menschen über Kulturen und Kontinenten, aber auch über Generationen hinweg. Christliche Gemeinden bieten deshalb Spieleevents an, um die verschiedenen Generationen einer Gemeinde in Kontakt zu bringen. Nirgends gelingt das leichter als beim Spiel. Das gilt natürlich auch für Familien. Und so können Spiele Familien und die Gesellschaft positiv prägen.
 

Spiele in der Mitte der Gesellschaft

Die wichtige Bedeutung des Spiels für Familie und Gesellschaft hat unter anderem Bernward Thole schon früh erkannt. Er war 1978 eines der Gründungsmitglieder der Jury, die seit 1979 das Spiel des Jahres kürt. Anliegen der Gründer dieses Preises war es, dass Spiele in die Breite der Gesellschaft kommen und das ihr Wert nicht nur als Kulturgut erkannt wird. Gute Spiele fördern und fordern alle Beteiligten, sie bringen Menschen zusammen und vermitteln eine emotionale Erfahrung, die es in dieser Art sonst kaum gibt. Der Erfolg hat den Initiatoren recht gegeben. 40 Jahre nach der ersten Preisverleihung an das Spiel "Hase und Igel" haben Spiele ihren Platz mitten in die Gesellschaft gefunden. Sie sind keineswegs mehr nur das Faible einer kleinen Randgruppe von Nerds. Gesellschaftsspiele haben den Stellenwert, den sie verdient haben. So gesehen könnten Spiele noch ein sehr langes Leben haben. 

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