Interview Lesezeit: ~ 3 min

Auch Opfer kommen zu Wort

EKD-Synode spricht über Missbrauch in der Kirche.

 

 

Was, wenn das Kreuz an der Wand und das Gesangbuch auf dem Tisch nervös macht? Mit dieser Frage eröffnete gestern auf der EKD-Synode in Dresden die Bischöfin der Nordkirche, Kirsten Fehrs, den wohl emotionalsten Tagesordnungspunkt: die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche. Vom 10. bis 13. November tagte die Synode in Dresden, schwerpunktmäßig ging es um Frieden und Gerechtigkeit, doch gestern stand das Leid von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt, die in der Kirche sexuell missbraucht worden sind. Regina König verfolgt die Beratungen,

ERF Medien: Regina, in den vergangenen Jahren stand vor allen Dingen die katholische Kirche massiv in der Kritik wegen zahreicher Missbrauchsfälle. Wie gehen die Protestanten mit diesem Thema um?

Regina König: Grundsätzlich muss man wohl leider sagen, dass überall dort, wo Kinder und Jugendliche sind, Missbrauch möglich ist. Zuallererst, das ist die traurige Wahrheit, in der Familie. Dass eine Organisation, die mehr als 20 Millionen Mitglieder hat, auch betroffen ist, liegt auf der Hand. Im vergangenen Jahr hat sich die Synode mit einem 11-Punkte-Plan dazu verpflichtet, Aufarbeitung und Prävention voranzutreiben. In der Zwischenzeit wurden in den allermeisten Landeskirchen Meldestellen eingerichtet und darüber hinaus eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene. 1,3 Millionen Euro wurden bewilligt für Qualifikation von Mitarbeitern und Hilfestrukturen. Außerdem soll ein Betroffenenbeirat eingerichtet werden, damit die Opfer auf Augenhöhe die Aufklärungsprozesse mitgestalten können. Entschädigungszahlungen, so wie sie die katholische Kirche vorsieht, will die EKD allerdings nicht leisten. Bekannt sind bisher 770 Fälle sexualisierter Gewalt. 
 

ERF Medien: Zu Wort  kam vor der Synode auch eine Betroffene…

Regina König: Kerstin Claus vom Betroffenenrat hatte den Mut, stellvertretend für alle anderen Betroffenen vor der Synode zu sprechen. Sie machte deutlich, dass Betroffene ein Leben lang unter den Folgen sexuellen Missbrauchs leiden und forderte deshalb, dass Entschädigungszahlungen nicht von vorneherein ausgeschlossen werden dürften. Besonders betonte sie, dass nur im Miteinander Aufarbeitung gelingen kann. Deshalb begrüßt sie die Einrichtung des Betroffenenbeirats. Ich konnte auch persönlich mit ihr sprechen, hören wir rein in das Interview:
 

 

Vor der Synode betonte sie auch, dass nicht die Interessen der Kirche, z. B. ihre Institution zu schützen, im Vordergrund stehen dürften, sondern die Belange und Rechte der Opfer. 
Im vergangenen Jahr machte der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm Schlagzeilen mit dem Satz „Null Toleranz mit Tätern und Mitwissern“, doch Kerstin Claus ist überzeugt: bisher habe die Kirche nicht den Mut gefunden,  diesen Satz in die Praxis umzusetzen. Und sie warte auf einen Satz, der die Opfer in den Mittelpunkt stellt.


ERF Medien: Was wird weiter geplant zum Schutz von Kindern und Jugendlichen innerhalb der evangelischen Kirche?  

Regina König: Die EKD will mit einer Gewaltschutzrichtlinie ihre Mitarbeiter verpflichten, bei begründetem Verdacht Meldung zu machen, um so die Mauern des Schweigens zu brechen und eine weitere Million Euro soll in Schutzkonzepte, Prävention und Weiterbildung investiert werden. Außerdem will die EKD eine Dunkelfeldstudie in Auftrag geben, diese Studie aber nicht allein finanzieren. Unterstützung erhofft sie sich da u.a. von der Bundesregierung. Der Unabhängige Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes Wilhelm Rörig, sprach auch vor der Synode; er betonte, dass unverbindliches

 

Die EKD will mit einer Gewaltschutzrichtlinie ihre Mitarbeiter verpflichten, bei begründetem Verdacht Meldung zu machen, um so die Mauern des Schweigens zu brechen und eine weitere Million Euro soll in Schutzkonzepte, Prävention und Weiterbildung investiert werden.

 

 

 

Mitgefühl nicht ausreiche und forderte die Kirche dazu auf, sich mit maximaler Kraft für den Schutz von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Zum Schluss betonte die Sprecherin des Beauftragtenrates, die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, dass dieser Tag zwar einen Meilenstein markiert, aber der Weg noch weit ist. 


ERF Medien: Heute geht die Synode zu Ende, welche Beschlüsse sind noch zu erwarten?

Regina König: Schwerpunktmäßig geht es ja um die Frage des Friedens und der Gerechtigkeit. Ein Kundgebungsentwurf, der auf dem Tisch liegt, geht vom Vorrang der Gewaltlosigkeit aus. Es müsse darum gehen, so der Friedensbeauftragte der EKD, Renke Brahms, „militärische Gewalt … Schritt für Schritt zu überwinden, den eindeutigen Schwerpunkt auf die Prävention zu legen und die Forschung gerade im Bereich der zivilen Konfliktbearbeitung auszubauen.“ Vor der Synode hatte aber auch der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm unterstrichen, dass auch der sich schuldig machen kann in besonderen Situationen, der nicht die Waffe in die Hand nimmt und Unrecht geschehen lässt.


ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


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