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Revolution der Gebete und Kerzen

Pilgerwanderung und Gottesdienste zum Tag der deutschen Einheit.


Bratwurst, Bier, Jazz, Schlager und die Hoffnung auf einen sonnigen Frühherbsttag – der Tag der Deutschen Einheit. Rund eine halbe Million Menschen wollen ihn allein in Kiel feiern, dort wo in diesem Jahr die 16 Bundesländer die zentralen Feierlichkeiten unter dem Motto „Mut verbindet“ ausrichten. Bundesratspräsident Daniel Günther hofft auf „einen Tag der Freude“. Zum Auftakt laden die Kirchen zu einem ökumenischen Gottesdienst ein. Danach steigt die große Sause. Beten – nur Beiwerk oder gute Grundlage?

Man hat die friedliche Revolution auch die Revolution der Gebete und Kerzen genannt. Denn unauslöschlich gehört zur Geschichte um die deutsche Wiedervereinigung, dass die wesentlichen Impulse aus den Kirchen kamen; wenn auch nicht immer direkt, waren es dennoch vor allem die protestantischen Kirchen, die den DDR-Bürgerrechtlern, und denen, die nicht mehr klar kamen mit dem DDR-Regime, ein Dach boten, unter dem sie sich versammeln konnten.
 

Keine Gewalt

„Schwerter zu Pflugscharen“, dieses Teilzitat aus dem Propheten Micha der kirchlichen Friedensbewegung prägte auch den Geist der friedlichen Revolution. Immer wieder riefen Kirchenvertreter, wie der Leipziger Pfarrer der Nikolai-Kirche, Christian Führer, die Menschen dazu auf, friedlich zu bleiben und bei den Demonstrationen keine Gewalt zu üben. Diese Gewaltfreiheit, diese Freiheit, keine Gewalt zu üben, weichte schließlich die Mauer auf und machte die deutsche Einheit möglich. Und so wird immer wieder ein SED-Funktionär zitiert, der gesagt haben soll: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ 
 

Auch heute noch bewusst danken und beten

Heute scheint die Erinnerung an die geistlichen Wurzeln zunehmend zu verblassen. Und doch gibt es Menschen, die nicht nur die Erinnerung an die Gebete der friedlichen Revolution wach halten wollen, sondern auch heute noch ganz bewusst im Gebet für die deutsche Einheit danken und Fürbitten halten wollen für ein Land, das „zunehmend wieder zu zerreißen“ droht. Doch diesmal sind es nicht die großen Kirchen, die sich an die Spitze der Bewegung setzen, sondern vergleichsweise kleine Bewegungen und Gemeinschaften wie die Liebenzeller Mission, die Fokularbewegung und die Christusbruderschaft Selbitz. Mit einer Pilgerwanderung entlang des ehemaligen Todesstreifens wandern von Norden und von Süden ab dem 3. Oktober die Beter aufeinander zu, um sich am 9. November zu einem Abschlussgottesdienst in Werningerode im Harz zu versammeln. Und auch wenn die Namen der Orte unspektakulär klingen – hier hat sich in der gewaltsamen Teilung von Dörfern und Familien deutsche Geschichte und deutsches Leid ereignet mit über 300 Toten, die Mauertoten in Berlin noch nicht mitgezählt.
 

Nur Fototermin

Acht Ministerpräsidenten haben für die Pilgerwanderung die Schirmherrschaft übernommen. Zur Auftaktpressekonferenz wird es aber laut einer Information, die ERF Medien vorliegt, nur einen Fototermin geben. Die Pilgerwanderung nicht einfach nur weglächeln hingegen will die die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, sie wandert auf zwei Abschnitten mit, und hat schon im April 2019 die Hörerinnen und Hörer von ERF Plus dazu eingeladen, sich an der Gebets-Pilgerwanderung zu beteiligen, weil Lieberknecht „den Mauerfall für eine Sternstunde der Geschichte“ hält. 

Der Mauerfall ist eine Sternstunde der Geschichte. – die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht

 

Gott streckt seinem widerspenstigen Volk die Hände entgegen 

Gott danke sagen für die Deutsche Einheit und für Demokratie beten - das will auch der Theologe Bernd Oettinghaus aus Frankfurt am Main. Viele Jahre hat er den Runden Tisch Gebet geleitet, eine Initiative der Lausanner Bewegung aus dem pietistischen Raum der evangelischen Kirche - Politik und vor allem Deutschland liegen Bernd Oettinghaus besonders am Herzen. Und deshalb engagiert er sich nicht nur für die Pilgerwanderung sondern gestaltet alljährlich am 3. Oktober auch einen Dankgottesdienst auf dem Frankfurter Römer mit, der von der Evangelischen Allianz und dem Arbeitskreis christlicher Kirchen Frankfurt verantwortet wird. Traditionell hat der Gottesdienst gegen Abend zwischen Imbissbuden und Jazzmusik mitten unter den flanierenden Gästen der Stadt ganz selbstverständlich seinen Platz. Gastredner und Zeitzeuge in diesem Jahr ist Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident und Mitbegründer der Ost-SPD nach der friedlichen Revolution. 
 

Beten für eine neue Einheit

Zunehmend spüre man wieder eine Zerrissenheit in Deutschland, sagt Bernd Oettinghaus, doch Gott strecke nach Jesaja 65,2 „seinem widerspenstigen Volk seine Hand entgegen“, dafür könne auch ganz bewusst zum Tag der Deutschen Einheit gebetet werden - nicht in einem nationalistischen Sinne sondern im Sinne von 2006, als die Deutschen als „weltoffene Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft ihr positives Verhältnis zu ihrem Land wiederentdeckt und gefeiert haben“.
 

Kerzen und Gebete auf dem Marktplatz

Doch es müssen gar nicht die großen und spektakulären Veranstaltungen sein. So lädt die Projektgruppe 3. Oktober, zu der neben Oettinghaus und Lieberknecht auch der Landes-Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche Sachsens, Carsten Rentzing, und verschiedene Bundestagsabgeordnete gehören, die Menschen in Deutschland dazu ein, „an ihrem Ort, in ihrer Stadt auf einem öffentlichen Platz mit Kerzen und Gebeten gemeinsam zu feiern und Gott die Ehre zu geben“. 
 

Schwierigkeiten nicht unter den Tisch kehren

„Mit Dankbarkeit von dem Wunder vor 30 Jahren“, sollen die Menschen erzählen „und dabei nicht die Schwierigkeiten im Zusammenwachsen unter den Tisch kehren“, so wünschen es sich die Veranstalter. Vielmehr sollen die Menschen „ein Zeichen der Hoffnung und des Zusammenhaltens an ihrem Ort setzen“. Und dies kann man in der Tat mehr oder weniger spektakulär in Kiel bei der zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit, unter dem Brandenburger Tor in Berlin oder an einem kleinen Ort am Rande des ehemaligen Todesstreifens mitten in Deutschland.
 

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