So weit und doch so nah

Manchmal wünschen wir uns die eigene Familie ganz weit weg. Manchmal sehnt man sich nach ihr, weil man selbst ganz weit weg ist. Helga Grev über Überlebensstrategien für Zeiten, in denen von der Familie getrennt leben muss.

1. Versuche auf das Positive zu schauen.

Meine Beziehung zu meiner Familie ist nicht gerade eng, aber nichts desto trotz gilt: Sie gehört zu mir und ich liebe sie. Als ich vor 10 Jahren nach Deutschland kam, dachte ich dennoch, ich würde meine Freunde eher vermissen als meine Familie. In den 10 Jahren jedoch haben sich meine Freunde nicht mehr gemeldet, aber meine Familie ist immer noch für mich da und ich merke, die Entfernung hat unsere Beziehung positiv verändert.

2. Versuche den Kontakt zu pflegen.

Ich versuche meine Mutter regelmäßig anzurufen. Im Durchschnitt klappt das 2x im Monat. Da mein Vater nicht mehr so gut hört, ist das Telefonieren mit ihm eher sinnlos, dafür schreibt er mir öfters „altmodische“ Briefe und Karten, über die ich mich immer sehr freue. Auch wenn er nicht viel schreibt, ist es trotzdem ein Zeichen, dass er an mich denkt und sich die Mühe macht, in seinem Alter (er ist 83) wegen mir zur Post zu laufen. Zu meinen Geschwistern habe ich E-Mail Kontakt. Ich habe ein Bankkonto eingerichtet, in dem ich monatlich einen Beitrag einzahle, um wenigstens 1x im Jahr meine Familie in den USA besuchen zu können. Wenn ich heute bei meiner Familie bin, merke ich, dass die Zeit, die wir zusammen verbringen, viel intensiver ist. Wir reden mehr miteinander und wir unternehmen auch viel mehr. 

3. Versuche die Situation zu akzeptieren und mach das Beste draus.

Wenn ich auf meiner Couch sitze und mit meiner Mutter telefoniere, vergesse ich, dass ich um die 2000 km von ihr entfernt bin. Ich genieße es sehr mit ihr zu telefonieren. Wir haben uns immer viel zu erzählen. Doch wenn ich auflege, wird mir die Entfernung wieder bewusst. Das tut dann schon weh. Aber es war meine eigene Entscheidung und wenn ich mir überlege, wie meine Abwesenheit die Beziehung zu meiner Familie verbessert hat, bereue ich meine Entscheidung nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt mehr von meiner Familie habe als vorher. (Meiner Mutter fiel es schwer meine Entscheidung zu akzeptieren. Auch sie hat ihre Familie hinter sich gelassen, als sie vor 46 Jahren in die USA ausgewanderte, um meinen Vater zu heiraten. Damals hatte sie aber nicht die Möglichkeiten, die mir heute zur Verfügung stehen und erlebte eine sehr schmerzhafte Zeit. Sie rettete sich in ihre neue Familie.) 

4. Versuche die Vorteile der Situation zu erkennen. 

Die Umstellung, so weit weg zu sein, war am Anfang nicht einfach für mich. Ich habe lange zuhause bei meiner Mutter gewohnt, weil ich das Gefühl hatte, mich um sie kümmern zu müssen. Meine Geschwister haben andern Orts studiert und meine Eltern waren getrennt. Da es aber ständig Streit zwischen uns gab, habe ich mir schließlich im gleichen Ort eine Wohnung gesucht. Das entspannte die Situation und ich konnte immer noch für sie da sein. Wer hätte gedacht, dass der nächste Schritt mich dann so extrem weit weg führen würde? Aber Gott hat einen Plan für alles. Seitdem ich hier bin, sehe ich das viel deutlicher, vor allem in Hinblick auf die letzten 10 Jahre. Durch die Entfernung hat sich unsere Beziehung verbessert. Ich habe auch gesehen, dass meine Mutter auch ohne mich klarkommt. Durch meine Eigenständigkeit habe ich viel über meine eigenen Fähigkeiten und Grenzen gelernt.

Egal wie die Situation bei Dir zuhause ausschauen mag, könnten diese Überlebensstrategien weiterhelfen, denn sie sind unabhängig von den Einflüssen anderer. Es kommt einzig darauf an, wie Du die Situation siehst, und was Du daraus machst.

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