Bericht Lesezeit: ~ 7 min

Es war der Versuch eines Denkens pro Israel

Bischof Hans Jürgen-Abromeit zu den Reaktionen auf sein Seminar bei der Allianzkonferenz.

 

 

Ein Seminar mit dem Titel „Zwei Völker – ein Land. Eine biblische Vision für Frieden zwischen Israel und den Palästinensern“, das Bischof Hans-Jürgen Abromeit aus Greifswald am 1. August 2019 auf der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg gehalten hat, führte zu heftigen Reaktionen. Angeführt von der Bild-Zeitung wurde Abromeit von verschiedenen Seiten eine Anti-Israelhaltung attestiert und sogar Antisemitismus vorgeworfen. Auch seine eigene Nordkirche distanzierte sich von dem Seminarinhalt, in dem Abromeit den Deutschen eine Überidentifikation mit dem Staat Israel attestiert. Andreas Odrich hat für ERF Plus mit Abromeit über sein Seminar, seine Intentionen und seine Haltung zu Israel gesprochen. Dieses Gespräch geben wir hier wörtlich wieder. Der Wortlaut ist bis auf ein paar grammatikalische Glättungen, die der Lesbarkeit geschuldet sind, erhalten geblieben.

 

ERF Medien: Herr Bischof, können Sie sich die Empörung als Reaktion auf ihr Seminar erklären, auch ihre eigene Nordkirche hat sich ja von ihren Seminar-Äußerungen distanziert?

Abromeit: Richtig erklären kann ich mir die Aufregungen nicht. Ich verstehe es, weil diejenigen, die sich geäußert haben, ja gar nicht meinen Vortrag zur Kenntnis genommen haben, sondern aufgrund von sehr verkürzten Agenturmeldungen dann ihre sehr entschiedenen Meinungen vorgetragen haben. Es ist ganz klar, dass es sich nicht um einen anti-israelischen Vortrag handelt sondern um einen pro-Israel Vortrag. Ich bin bewegt auch durch eine lange Verbundenheit mit Israel, dass es leider im Friedensprozess zwischen Israel und Palästina mindestens in den letzten 20 Jahren keine Fortschritte gegeben hat.

Ich habe mir für dieses Seminar vorgenommen, die Bibel zu lesen und mal zu fragen, ob es hier Ansatzpunkte gibt, die vielleicht auch aus den bisher eingeschlagenen Gleisen herausführen, und ich bin da auch fündig geworden. Sicher sind dies Aussagen, die nicht so einfach wahrzunehmen sind und auch nicht so ganz einfach in praktische Politik zu übersetzen sind. Wenn es aber zum Beispiel im Propheten Hesekiel 47 ab Vers 21 heißt, dass es zu einem gemeinsamen Wohnen zwischen den Israeliten und den anderen dort wohnenden kommen soll, dass sie dort auch Erstbesitz haben sollen, also auf Dauer eine Koexistenz. Oder dieses Wort Jesu, das mir sehr nachgeht aus der Bergpredigt, Matthäus 5,5, ich übersetze es einmal so: „Selig sind die Gewaltlosen, die Sanftmütigen, denn sie werden das Land, das Erdreich besitzen.“ Das zeigt, dass es hier doch irgendwie um ein Miteinander derer, die jetzt im Lande leben, gehen muss. Ich weiß auch, dass der Weg dorthin steinig ist, aber das ist die Perspektive, die ich als Christ diesen Texten entnehme.

 

ERF Medien: Sie haben in dem Vortrag aber auch, soweit er uns vorliegt, die Rolle Israels und der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern kritisiert.

Abromeit: Ich denke, dass wer bei einem solchen Konflikt, der ja immer auch wieder tödlich geworden ist, zu einer Friedenslösung kommen will, die berechtigten Interessen beider Seiten berücksichtigen muss. Jemand, der das in einer ausgezeichneten Weise getan hat, ist nach meiner Einschätzung der frühere israelische Premierminister Jitzchak Rabin. Er wusste, dass man einen Frieden nur mit seinem Gegner schließen kann. Man kann nicht solange warten, bis der Gegner die eigene Überzeugung übernommen hat. Er ist sehr auf die Palästinenser zugegangen und ist dann von einem jüdischen Extremisten erschossen worden und damit ist der ganze Prozess ins Stocken geraten. Aber solche Leute wie Rabin braucht es einfach, die etwas wagen.

Ich fühle mich erinnert an das Wort Jesu, dass man seine Feinde lieben muss. Nur dann, wenn man auch mal versucht, die Welt mit den Augen der Feinde zu sehen, und schaut, was deren Perspektive ist, wird man zu einem Ausgleich kommen. Der hebräische Begriff des Schalom meint genau das: keinen gesetzten Idealzustand, sondern einen Status, das jeder mit seinen Bedürfnissen zum Zuge kommen kann. Friede hat immer eine Art von Kompromisscharakter.

 

ERF Medien: Die Deutsche evangelische Allianz fühlt sich dem Staat Israel und den Juden auch aufgrund der deutschen Geschichte eng verbunden. Wie war denn die Reaktion der Seminarteilnehmer (Wir selbst waren als Redaktion nicht anwesend). Wie haben Sie die Diskussion aus Ihrer Sicht erlebt?

Abromeit: Es gab zu allen Teilen natürlich Nachfragen. Aber es war ganz erstaunlich, dass hier ein großes Hören war. In dem Seminar hat es auch Rückfragen gegeben, ob der Vortrag nicht zu stark pro-palästinensisch war. Ich war zum Beispiel aber auch überrascht, dass ein junger Jurist am Ende gesagt hat, er hätte auf jeden Fall gespürt, wie ich versucht hätte, einigermaßen neutral beide Seiten in den Blick zu nehmen. Ich glaube, dass mir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dies auch abgespürt haben.

 

ERF Medien: Sie haben laut der Nachrichtenagentur idea auch gesagt, dass die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte eine Überidentifikation mit dem Staat Israel hätten. Kann man denn überhaupt als Deutscher mit den Gräueltaten des Dritten Reiches im Gepäck eine Überidentifikation mit Israel haben. Wie haben Sie das gemeint?

Abromeit: Ich glaube, dass sich dies bei einem sensiblen Menschen (ich würde das auch für mich in Anspruch nehmen für bestimmte Phasen meines Lebens) aufgrund der unglaublich großen Schuld, die die Deutschen auf sich geladen haben, leider auch Christen in Deutschland (auch die beide großen Kirchen in Deutschland haben ja gegenüber der Shoa versagt) - dass man dann in eine Lage kommt (das ist fast normal), zu sagen, jetzt müssen wir alles tun, damit auf jeden Fall Israel nicht wieder zu Schaden kommt. Das kann dazu führen, dass man dadurch praktisch einen blinden Fleck bekommt. Das ist aber nicht gut. Man muss seinen Blick weiten, dass da eben noch dieses palästinensische Volk ist. Das lebt dort auch und kann überhaupt nichts für den Holocaust. Irgendwie müssen die Palästinenser am Ende auch eine Lösung haben, mit der sie leben können. Es geht gar nicht darum, die Verantwortung und die Verpflichtung gegenüber Israel zurückzufahren. Im Gegenteil. Ich würde sagen, gerade weil ich eine Verantwortung für Israel verspüre, muss am Ende auch eine realistische Lösung herauskommen, und nicht nur eine, die nur auf dem Papier funktioniert.

 

ERF Medien: In dem Konferenzvortrag haben Sie über das Christusbild der Deutschen Christen gesprochen, und sinngemäß gesagt, dass dies ein falsches Heldenideal gewesen sei, bei dem die Deutschen Christen ausgeblendet hätten, dass Jesus aus dem nahen Osten kam und Jude war.

Abromeit: In Zusammenhang mit dem zweiten Kapitel des Hebräerbriefes wird deutlich, dass Jesus eben nicht dieser Held gewesen ist, sondern dass er durch sein Leiden die Erlösung der Welt bewirkt hat. Aber ein Held leidet nicht. Jesus hat ja auch über Jerusalem geweint und hat gesagt, wenn du doch erkennen würdest, was zu deinem Frieden dient. Dieses Leiden, das auch zu Aushalten der Wirklichkeit dazugehört, damit auch die Erlösung erwirkt werden kann, das hatten die Deutschen Christen nicht im Blick, und es ist ausgesprochen lächerlich, Jesus zu einem arisierten Helden zu machen, was überhaupt keinen Anhalt an irgendeiner historischen Wirklichkeit hat. Ich habe auch in meiner Dissertation über die Christologie Dietrich Bonhoeffers ein ganzes Kapitel über die Frage geschrieben, dass Jesus nicht nur Mensch sondern auch Jude geworden ist, der sich bewusst in die Geschichte seines Volkes hinein gestellt hat. Das ist etwas, was wir auch außerhalb des Neuen Testaments nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Und das hat natürlich auch für heute eine große Relevanz.

Deswegen sage ich, wir sind als Christenheit auf Israel gewiesen und auch auf das Schicksal des jüdischen Volkes bezogen. Und gerade weil ich dort große Sorgen habe, wie es wohl für das Volk Israel weitergehen kann, deswegen habe ich mich hier eingesetzt. Das war wirklich der Versuch eines Denkens pro Israel.

 

ERF Medien: Wir haben von den zugespitzten Reaktionen gesprochen, die es auf offizieller Ebene gegeben hat, gesprochen, was hat Sie persönlich erreicht?

Abromeit: Sehr viel, es gibt eine Unmenge von E-Mails und sogar einige Telefonanrufe. Das was bei mir angekommen ist, sind 60% bestärkende Reaktionen, Stimmen, die gesagt haben: Gut, dass jemand mal nicht die bestehenden Stereotypen wiederholt und es gab rund 40% eher negative Reaktionen. Manches bestärkt eigentlich, was ich gesagt habe, weil viele einfach ein alttestamentliches Wort zitieren es sofort auf die aktuelle politische Situation. Und das habe ich versucht, in meinem Vortrag aufzugreifen, und habe gesagt, dass nach meiner Einschätzung viele Christen mit der Bibel um.

 

ERF Medien: Würden Sie den Vortrag heute noch einmal so halten. Und was ist Ihre Botschaft an die Juden in Deutschland und an die Menschen in Israel?

Abromeit: Ich würde mir den Vortrag noch einmal Wort für Wort genauer anschauen. Ich habe gemerkt, dass das Wort Überidentifikation offensichtlich Irritationen auslöst und vielleicht auch Wirkungen, die ich nicht beabsichtigt habe. Ich habe eigentlich in meinem Vortrag die Verbindung zu Israel deutlich gemacht, die Verantwortung, die aus der deutschen und christlichen Schuld an der Shoa herrührt, habe ich sehr stark betont. Ich würde mir das noch einmal genaue angucken, ob die Formulierungen alle so stehen bleiben können. Aber im Grundduktus ist das, was ich da gesagt habe, eine notwendige Aussage und ich glaube, dass die zukünftige Entwicklung uns zeigen wird: wir kommen nicht darum herum, die Perspektive zu weiten.
 

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Beiträge zum Thema

 

 

 

 

 


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.