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Protestanten weltweit

Viele Jugendliche wenden sich ab vom Glauben an Gott.


Sie leben tausende Kilometer voneinander entfernt in völlig unterschiedlichen Kulturen – evangelische Christen auf der asiatischen Insel Borneo, in Amman/Jordanien und Kopenhagen/Dänemark. Ein gemeinsamer Wunsch verbindet sie: ihre Gemeinden sollen wachsen. Doch sie stoßen auf Widerstände – nicht nur in muslimischen Mehrheitsgesellschaften, auch in der liberalen westeuropäischen Demokratie. Über Chancen und Herausforderungen protestantischer Gemeinden hat Regina König mit Ehrenamtlichen aus Malaysia, Jordanien und Dänemark im Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg gesprochen.
 

Quelen Angudampai und Mabel Ngee-Fui Ho von der Insel Borneo. (Bild: Regina König / ERF Medien)
Quelen Angudampai und Mabel Ngee-Fui Ho von der Insel Borneo. (Bild: Regina König / ERF Medien)

Quelen Angudampai lebt in einem Paradies. 20 Millionen Touristen kommen Jahr für Jahr in ihre Heimat – nach Malaysia. Endlose Strände, ausgedehnte Mangroven-wälder, unzählige Orchideenarten – all das fasziniert Menschen aus der ganzen Welt. Auch in Quelens Heimatstadt, in Kudat auf der Insel Borneo, gibt es eine Touristenattraktion: ein traditionelles Langhaus. Touristen können Wohnungen mieten in diesem Langhaus und so das Leben nachempfinden, das der indigene Stamm, zu dem auch Quelen gehört, über Jahrhunderte geführt hat. „Und wenn die Touristen zu dem Langhaus gehen, kommen sie an unserer Bibelschule vorbei. Das ist eine gute Möglichkeit, ihnen unsere Einrichtung vorzustellen,“ erzählt sie. Quelen Angudampai unterrichtet selbst an dieser Schule. Das Seminar gehört zu ihrer Kirche, der „Protestant Church of Sabah“. Vor etwa vier Jahren hat ihre Gemeinde zusätzlich zur Bibelschule noch einen Kindergarten eröffnet. All das ist möglich in Malaysia, und seit der Wahl im vergangenen Jahr, bei der die Opposition die Regierungsgeschäfte übernahm, fühlen sich die Protestanten besonders im Osten des Landes noch freier als vorher, sagt Quelen: „Meine Kirche hat jetzt mehr Chancen in der Öffentlichkeit präsent zu sein und wir haben weniger Auflagen. Wir können jetzt offener zeigen, dass wir Christen sind.“

 

Trotzdem: das christliche Hilfswerk Open Doors setzt Malaysia auf die Liste der Länder, in der Christen verfolgt werden. Auf dem Weltverfolgungsindex nimmt es Platz 42 ein. Etwa 10 Prozent der Einwohner gehören einer christlichen Kirche an. Inwiefern fühlen sie sich eingeschränkt? Mabel Ngee-Fui Ho lebt auch auf Borneo, weiter im Norden. Ihre Gemeinde gehört zur „Basel Christian Church of Malaysia“, die ihre Wurzeln in China hat, wie Mabel selbst. In vierter Generation lebt ihre Familie in Malaysia. Auch zu ihrer Gemeinde gehören zwei Bildungseinrichtungen: ein Kindergarten und eine Grundschule. Alle Kinder sind hier willkommen, auch muslimische: „Jedes Kind, ungeachtet seiner Religion, lernt bei uns z. B. das ´Vater unser´-Gebet. Auch muslimische Kinder. Natürlich erklären wir den Eltern vorher, dass wir eine christliche Schule sind. Und wenn sie einverstanden sind, dass ihr Kind biblische Geschichten kennen lernen darf, sind sie willkommen.“ Ehrenamtlich engagiert sich Mabel in ihrer Gemeinde als Schatzmeisterin im Missionsausschuss. Doch Mission ist in dem islamischen Land nur eingeschränkt möglich: „Wir können Chinesen, den indigenen Völkern und allen anderen Religionsgruppen das Evangelium bringen, aber nicht den Muslimen. Das ist illegal, Muslimen von Jesus zu erzählen. Bei allen anderen ist es in Ordnung.“

Christsein in Jordanien

An dieses Gesetz muss sich auch Abla Alloush halten. Gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebt sie in der Hauptstadt von Jordanien, in Amman. Ihr Ehemann ist dort Pastor der einzigen evangelisch-lutherischen Gemeinde in ganz Jordanien. Verschiedene christliche Kirchen gibt es in dem kleinen Königreich: orthodoxe, katholische, auch wenige Freikirchen. Nur etwa 5 Prozent der 10,5 Millionen Einwohner sind Christen, mehr als 90 Prozent gehören dem Islam an. Grundsätzlich fördert die Regierung das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen, verboten sei hingegen der Wechsel vom Islam zum Christentum, betont die Pastorenfrau: „Auch wenn eine christliche Frau einen Muslim heiratet, muss sie zum Islam konvertieren.“

Im Alltag wiederum sei das Miteinander zwischen Christen und Muslimen konfliktfrei, so empfindet das Abla Alloush. Als Architektin arbeitet sie für die Regierung – die meisten Kollegen sind Muslime. Doch: „Wir sind wie Freunde“, erzählt sie. Um das friedliche Zusammenleben in Jordanien weiter zu fördern, hat ihr Mann ein ökumenisches Zentrum gegründet. Jeden Samstag kommen 70 bis 100 Besucher: „Die Hauptaufgabe ist es, einen Kulturaustausch zu schaffen zwischen den Gästen. Es gibt politische Veranstaltungen, aber auch kulturelle Themen werden behandelt. Das Zentrum wächst: Christen aus anderen Konfessionen nutzen das Angebot, aber auch Muslime. So ist das ökumenische Zentrum zu einem Vorzeigeprojekt geworden für ein gutes harmonisches bürgerschaftliches Miteinander.“ 

 

Die Gemeinde selbst hingegen wächst zahlenmäßig nicht. 50 bis 70 Gottesdienstbesucher kommen jeden Sonntag, doch Kinder und Jugendliche fehlen, erzählt die Pastorenfrau. Einen Kindergarten musste die Gemeinde wieder schließen, aus finanziellen Gründen.

Die Volkskirche in Dänemark

Bent Loevschal kommt von der dänischen Insel Seeland. (Bild: Regina König / ERF Medien))
Bent Loevschal kommt von der dänischen Insel Seeland. (Bild: Regina König / ERF Medien))

Tausende Kilometer weiter nördlich, hoch oben im Norden, klagt auch Kirchvorsteher Bent Loevschal über den Mitgliederrückgang in seiner Kirche. Allerdings auf einem völlig anderen Niveau: Dänemark ist seit der Reformation traditionell evangelisch-lutherisch, doch mittlerweile gehören nur noch etwa 75 Prozent der Dänen ihrer Volkskirche an. „Und ich befürchte, dass für mehr als die Hälfte der Kirchenmitglieder der Glauben keine Bedeutung mehr hat in ihrem Leben.“ Woran liegt das? „Uns Dänen geht es sehr gut,“ sagt Bent Loevschal, der auch Kirchenparlamentarier im Bistum Roskilde ist. Was eigentlich ein Grund zur Freude sein sollte, ist für die Kirche zu einer der größten Herausforderungen geworden, so sieht das Bent Loevschal. „Es ist fürchterlich, das sagen zu müssen, aber das Leben ist zu einfach. Die soziale Absicherung ist sehr gut. Man fürchtet nichts und man denkt, man sei „Herr“ im eigenen Leben. Darum braucht man auch keinen Gott. Ich glaube, das ist ein Teil des Problems.“

 

Zuhause ist Bent Loevschal auf der Ostseeinsel Seeland, seine Kleinstadt liegt an einem Fjord. Gemeinsam überlegt er mit anderen Verantwortlichen in der Gemeinde, wie der Glaube auch für jüngere Menschen wieder attraktiv werden könnte. So haben sie neue Formate entdeckt und ausprobiert: z. B. Familiengottesdienste mit anschließendem Essen oder „Babygesang“. Auch zu den Muslimen im Stadtteil hat die Gemeinde Kontakte geknüpft. Etwa vier Prozent der dänischen Einwohner sind Muslime. Aber nicht jeder Imam findet es gut, wenn Christen zu einer gemeinsamen Feier einladen, so Bent Loevschal: „Wir haben auch negative Erfahrungen mit Imamen gemacht, die denken, dass diese Stadtteile zu ihnen gehören und wir kein Recht hätten, dort zu arbeiten. Es gibt aber auch gute Erfahrungen.“

Grundsätzlich wünscht sich Bent Loevschal „mehr Freude im Gottesdienst“: „Wir Lutheraner sind dafür bekannt, dass die Buchstaben wichtig sind und nicht so sehr Gefühle. Aber ich glaube, da können wir von Christen z. B. aus Afrika lernen und so interessanter werden für Außenstehende.“

Über die Entwicklung ihrer Gemeinde macht sich auch Mable Ngee-Fui Ho auf der Insel Borneo Sorgen. Immer mehr junge Christen geben ihren Glauben auf und wollen nichts mehr von Gott wissen, erzählt sie. Wenn so die Gemeinden schrumpfen, könnten auch ihre Rechte als Christen zurückgesetzt werden, befürchtet die malaysische Christin: „Christen in allen Ländern sprechen darüber, dass die jungen Leute an gar keinen Gott mehr glauben wollen. Doch ich hoffe, dass die Jugend wieder begreift: das Christentum ist nicht die Religion ihrer Vorfahren, sondern es ist ihre Religion heute.“ Sie bietet für Erwachsene und Kinder Kurse an, in denen sie lernen, verständlich über ihren Glauben zu sprechen.

Bibelschullehrerin Quelen Angudampai hofft auf mehr Nachwuchs in der Bibelschule, „denn Pastoren fehlen in Malaysia“. Ihr Wunsch steht stellvertretend für alle: „Mögen sich die Flügel unserer Gemeinden immer mehr ausbreiten hin zu anderen Orten!“


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