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Kirchenmitgliederrückgang: „Der Weg Gottes mit uns.“

Ende August wird Ilse Junkermann ihr Amt als Landesbischöfin der EKM niederlegen.

 

 

Ruhig und besonnen tritt Ilse Junkermann auf, zugewandt. Was sie sagt, wägt sie ab, vorschnelle Reaktionen sind nicht ihre Sache. Und doch hat sie mit manchen Äußerungen harsche Kritik ausgelöst, z.B. als sie Anfang des Jahres den neuen Bundesländern einen Nachholbedarf an Demokratie attestierte. Zuletzt sorgte sie für Aufsehen mit dem Vorstoß, 130 km/h als Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen mit Hilfe einer Petition umzusetzen.
 

Ilse Junkermann (Foto: EKM)
Ilse Junkermann (Foto: EKM)

Im August geht ihre 10-jährige Amtszeit als Bischöfin der evangelischen Christen in Thüringen und weiten Teilen  Sachsen-Anhalt zu Ende. Und sie bereut es nicht, sich eingemischt zu haben in Politik und Gesellschaft: „Es gibt keinen Bereich in dieser Welt, in den Gottes Wort nicht spricht. Und wir müssen Sein Wort in dem Bewusstsein weitergeben, dass das Evangelium eine gute Botschaft ist, aber auch eine, die ermahnt. Uns muss allerdings auch klar sein, dass unsere Einmischung immer diskutiert werden muss und umstritten sein wird.“
 

Öfter als andere Bischöfe eckte sie an

Beunruhigt zeigt sie sich über den Wahlerfolg der AfD im Osten des Landes bei der Europawahl. „Das beunruhigt mich, weil offenbar die Ängste, die die AfD schürt, wirken. Und da haben wir eine ganze wichtige Aufgabe als Christen, Jesu Wort zu folgen ´In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden´. Denn Angst reduziert den Menschen und nimmt ihm seinen klaren Verstand.“

Klartext redet sie auch in den eigenen kirchlichen Reihen. Schonungslos offen stellt Junkermann fest: „Als Kirche sind wir am Ende mit unseren bisherigen Ideen.“ In Thüringen und Sachsen-Anhalt gehören weniger als 20% der Bevölkerung einer Kirche an, Einsparungen beim Personal, deshalb unerlässlich. Trotzdem: mehr als dreißig missionarische Projekte wurden während ihrer Amtszeit angeschoben und finanziell unterstützt. „Die Projekte machen deutlich, welche innovative Kraft, wie viele Ideen und welche Schätze an Menschen Gott schenkt.“

So haben sich z.B. in Gotha junge Familien entschlossen, in eine Plattenbausiedlung zu ziehen, um vor Ort von Gott zu erzählen. Oder im Harz tourt ein Bus mit Gemeindepädagogen und Pfarrern über die Dörfer, um mit Andachten und Spielen Kindern und Jugendlichen das Evangelium verständlich zu machen.
 

„Wir sind am Ende mit unseren bisherigen Ideen.“

Kirche in der Minderheit, was nach der „Freiburger Studie“ in ganz Deutschland in etwa 40 Jahren Wirklichkeit sein wird, ist in den neuen Bundesländern schon lange Realität. Ilse Junkermann sagt, sie selbst, gebürtig aus Baden-Württemberg, habe als Bischöfin im Osten gelernt, ihren Glauben neu zu buchstabieren. „Es hat mich noch sprachfähiger gemacht, weil deutlich wurde, wie wichtig es ist, in nachvollziehbaren und verständlichen Worten von meinem Glauben zu erzählen. Das verändert den eigenen Glauben, wenn man ihn neu buchstabieren muss.“
 

Kirche in der Minderheit: „Den Glauben neu buchstabieren lernen“

Im Kirchenmitgliederrückgang sieht Ilse Junkermann „den Weg Gottes mit uns“. Und hofft, dass die EKD noch viel mehr als bisher die Erfahrungen der Christen in der ehemaligen DDR wahrnimmt und daraus lernt für die Zukunft. „Wir haben nur noch in wenigen Regionen hier im Osten volkskirchliche Verhältnisse. Wir sind anders, und doch wird unser Anderssein noch viel zu wenig gesehen im Rahmen der EKD. Unsere Geschichte als Kirche in West und Ost kann aber nur eine gemeinsame werden, wenn man sich gegenseitig überhaupt wahrnimmt.“
 

„Jesus Christus hält mich.“

Ende August wird Ilse Junkermann ihr Bischofsamt niederlegen. Ihr Nachfolger ist Friedrich Kramer, jetzt Leiter der ev. Akademie in Sachsen-Anhalt. Gern wäre sie selbst bis zu ihrem Ruhestand vier weitere Jahre im Amt geblieben, doch das lehnte die Kirchenleitung ab. So wechselt Ilse Junkermann an die Uni Leipzig, um dort eine neu gegründete Forschungsstelle zu leiten: „Kirchliche Praxis in der DDR. Kirche in Diktatur und Minderheit“. „Das Bischofsamt hat mich verändert“, sagt die 62-jährige - und meint das positiv, trotz mancher erfahrener Kritik. Denn ihre Beziehung zu Jesus Christus sei in den vergangenen zehn Jahren inniger geworden. „Mein Leben hängt nicht daran, dass ich gut ankomme und Bestätigung finde, sondern es hängt daran, dass Jesus mein Leben trägt und bestätigt und dass es darin auch gehalten wird, und zwar umfassend.“


Ilse Junkermann studierte Evangelische Theologie in Tübingen und Göttingen. Sie war Pfarrerin in Horb am Neckar und Stuttgart. 1994 wurde sie Studienleiterin für Pastoraltheologie und Predigtlehre am Pfarrseminar in Stuttgart, 1997 Oberkirchenrätin der württembergischen Landeskirche. Am 21. März 2009 wählte die Synode der frisch fusionierten „Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland“ Ilse Junkermann zur Landesbischöfin. Von 2011 bis 2018 war sie Stellvertretende Leitende Bischöfin in der VELKD.  Für sie wird ab 1. September 2019 befristet bis August 2023 an der Universität Leipzig die Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR“ neu eingerichtet.


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Kommentare

Von Jörg am .

Die EU-Wahl, nicht Europawahl, zeigt vielmehr, dass die Klima-Ängste, die in Deutschland über ÖR-Fernsehschleife in allen Kanälen geschürt wurden, faule Früchte getragen haben und die Grünen Christenhasser zum Erfolg gepusht haben. Hier hat Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal.


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