Kommentar zum Tag der Arbeit Lesezeit: ~ 5 min

Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert

Die Geschichte des 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse.

 

 

Ist der 1. Mai als Tag der Arbeit, der seinen Ursprung sogar im „Kampftag der Arbeiterklasse“ hat, ein Feiertag, der Christen nichts angeht und einfach dazu einlädt, auszuschlafen oder einen netten Frühlingsausflug mit Freunden oder der Familie zu machen? Nein, meint Andreas Odrich. Er findet:

Der 1. Mai ist durchaus ein Tag, der zum Nachdenken einladen sollte über die Frage, was eigentlich der Wert von Arbeit und eine gerechten Entlohnung ist.

 

Früher war mehr Protest – so beklagte vor einem Jahr der NDR die sinkende Teilnahme an den traditionellen Gewerkschaftskundgebungen am 1. Mai zum „Tag der Arbeit“ und zitierte einen Soziologen: Das Profil der Arbeitsverhältnisse habe sich seit der Digitalisierung grundlegend gewandelt, die Gewerkschaften hätten diese Entwicklung jedoch verschlafen.
 

Die Kernfrage ist die Menschenwürde

Dabei ging es vor rund 130 Jahren, als der 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterklasse“ seinen Ursprung fand, um eine Kernfrage, die den Arbeiter am Fließband damals genauso betraf, wie den postmodernen Menschen in seinem PC-Homeoffice heute. Und sie betrifft erst recht den Paketboten, der ihm „just in time“ die Ware aus dem Internethandel frei Haus liefert – aktuell sogar so sehr, dass der Bundesarbeitsminister sich dieser Tage genötigt sieht, ein Gesetz zur Verbesserung der Lage von Paketboten auf den Weg zu bringen.

Die Kernfrage ist nicht weniger als die Kernfrage nach der Menschenwürde. Sie lautet „Erhält ein Mensch für seine Arbeit einen angemessenen Lohn, mit dem er seinen Lebensunterhalt und sogar den seiner Familie bestreiten kann?“
 

Die Antwort musste blutig erkämpft werden

Die Geschichte des 1. Mai als Feiertag ist leider alles andere als idyllisch. Ursprünglich kommt der 1. Mai als Tag der Arbeit aus den USA. Er wurde geboren während der rasenden Industrialisierung in den 1880er und 1890er Jahren – einer Zeit in ähnlichen Umbrüchen, wie wir sie heute erleben. Die prekären Verhältnisse führten schließlich dazu, dass die Arbeiter anfingen, sich gemeinschaftlich zu wehren. Es kam zur Gründung von Gewerkschaften. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen am 1. Mai 1886 in Chicago gab es Tote und Verletzte auf Seiten der Arbeiter und der Polizei. Dieses Ereignis brannte sich so nachhaltig ins kollektive Bewusstsein ein, dass bereits vier Jahre später der 1. Mai 1890 zum „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ erklärt wurde, selbstverständlich ohne gesetzlicher Feiertag zu sein.
 

Maifeiertag als Gegenstück zu kirchlichen Feiertagen

Obwohl auch Menschen in der Kirche begannen, sich im Zuge der riesigen sozialen Herausforderungen zu engagieren, wie Johann Hinrich Wichern auf protestantischer oder Adolf Kolping auf katholischer Seite, sahen Gewerkschaften und politische Parteien, die sich die Belange der Arbeiter zu eigen machten, in Christen und Kirchen keinen Partner. So wollten die Sozialdemokraten in der Weimarer Republik den 1. Mai bewusst als Gegenstück zu den kirchlichen Feiertagen etablieren, fanden dafür aber keine Mehrheit.
 

„Arbeit macht frei“ als Perversion

Ausgerechnet die Nationalsozialisten führten den 1. Mai in Deutschland als gesetzlichen Feiertag ein, und das bereits 1933. Wahrscheinlich, weil sich so ein Tag im Frühling sehr gut für prächtige Aufmärsche und Fahnenschwenken eignete und die National-„Sozialisten“ auch die Arbeiterklasse geschickt hinter sich bringen wollte. Die Perversion erreichte ihren Höhepunkt, als die Nationalsozialisten über die Tore der Konzentrationslager, wo Menschen jüdischen Glaubens und politische Gegner systematisch in Massen ermordet wurden, schrieben: „Arbeit macht frei“.
 

Die Bibel fordert zu menschenwürdiger Bezahlung auf

Dass die gerechte Entlohnung von Arbeit mit der aufrichtigen Wertschätzung des einzelnen Menschen zu tun hat, zeigt hingegen die Bibel. Dies ist letztlich eine der Grundfesten, auf die sich Menschen in der Zivilisation verständigt haben. Der Apostel Paulus fasst diesen Grundsatz zusammen, in dem er an seinen Schüler Timotheus formuliert (1 Timotheus 5,18): „Es steht geschrieben (5. Mose 25,4): „Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“; und: „Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.““ Natürlich lassen sich daraus keine detaillierten Lohntabellen ableiten –aber der Grundsatz ist klar:

Wer mit seiner Arbeit jemanden eine Leistung zur Verfügung stellt, soll dafür auch angemessen und menschenwürdig bezahlt werden.

 

Kirchen als Vorbild – weitgehend?

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Frankreich die sogenannten Arbeiterpriester, die bewusst in den Fabriken arbeiteten, um im eigenen Einsatz die Welt der Arbeit und die Nöte der Arbeiter besser verstehen zu können. Heute gehören Gottesdienste zum 1. Mai durchaus zum Angebot der Kirchen, dort spielt der besagte Vers von Paulus immer wieder eine Rolle. Außerdem gibt es in vielen Landeskirchen sogenannte kirchliche Dienste in der Arbeitswelt, etwa in der Nordkirche. Die Antwort auf die Frage, inwiefern Kirche hierbei immer vorbildlich ist, ist zumindest mit einem Restrisiko versehen.

So gibt der größte kirchliche Arbeitgeber, die Diakonie, die zudem auch einer der größten Arbeitgeber in Deutschland ist, an, dass sich rund 90% der angeschlossenen Einrichtungen an Tarifverträge halten und zeigt in einer selbstgemachten Videoumfrage nur zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich allesamt gut bezahlt fühlen. Bleibt zu fragen, ob die anderen 10% ebenfalls angemessen entlohnt werden. Genährt wird dieser Zweifel durch einen Beitrag auf dem Internetangebot der Evangelischen Kirche evangelisch.de, der 2012 auf der Basis einer Studie der dem DGB nahestehenden Hans-Böckler-Stiftung darüber berichtet, dass es auch bei kirchlichen Arbeitgebern eine „Zweiklassengesellschaft“ gebe.
 

Sind wir nach 130 Jahren weiter?

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich zunächst in West-Deutschland die Soziale Marktwirtschaft durchgesetzt. Sie wurde bei der Wiedervereinigung 1990 als Wirtschaftsordnung für Gesamtdeutschland festgeschrieben. Die soziale Marktwirtschaft regelt das Zusammenspiel zwischen freiem Markt und gerechter Entlohnung. Aber es gibt noch viel zu tun. Noch im vorigen Jahr rechnete der Deutsche Gewerkschaftsbund vor, dass zwischen 1,8 und 2,7 Millionen Beschäftigte in Deutschland unter dem gesetzlichen Mindestlohn arbeiten. Und auch das Gefälle zwischen weiblichen und männlichen Pflegekräften ist zum Beispiel noch lange nicht im Lot: Eine Pflegekraft verdiente im Jahr 2012 laut Lohnspiegel.de der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung im Durchschnitt rund 2.400 Euro, Frauen dabei weniger, Männer mehr.
 

Missstände immer wieder ansprechen

Es gibt also eine ganze Reihe von Baustellen und längst nicht jede Arbeiterin und jeder Arbeiter bekommen den Lohn, dessen sie laut Paulus eigentlich wert wären – auch nicht immer in der Kirche. Hier hilft nur eins: die Missstände immer wieder ansprechen. Und schauen, was ich selbst dazu beitragen kann:

Ich kaufe so gut wie nichts im Versandhandel, sondern gehe lieber ins Geschäft. Ein kleiner Beitrag dazu, den „Just-in-Time-Wahnsinn“ zu stoppen und mitzuhelfen, dass die Flut der unmenschlich unterbezahlten Paketbotenjobs  schrumpft und wir nicht die Verhältnisse von vor 130 Jahren durch die Hintertür wiederbekommen.


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Kommentare

Von Jörg S. am .

Es ist wenig überraschend, dass der 1.Mai von den National-Sozialisten eingeführt wurde. Wie der Parteiname schon sagt, handelte es sich um eine Sozialistische Arbeiterpartei. Und das Gegenteil von Sozialismus ist NICHT Sozialismus. Bei rotem, grünem und braunem Sozialismus handelt es sich nämlich mitnichten um ideologische Antipoden, sondern um Konkurrenten EINER Grundidee. Und dass Sozialisten mit Konkurrenten und ehemaligen Verbündeten nicht zimperlich umgehen, zeigt sich beim Blick auf die mehr


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