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„Über Flüchtlinge können wir im Freundeskreis nicht mehr reden!“

Doch hier kommen die Probleme auf den Tisch: Christen in Chemnitz laden ein zu Gesprächsabenden.

 

 

Chemnitz ist nicht zur Ruhe gekommen – darin sind sich viele Bürger der Stadt einig. Denn wie kein anderer Ort stand Chemnitz im vergangenen Sommer in den Schlagzeilen: nach dem gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners, mutmaßlich verübt durch einen Migranten, gingen innerhalb weniger Tage tausende Menschen auf die Straße.  Und noch immer gärt es unter der Oberfläche – das spüren auch viele Christen in der Stadt. Deshalb will jetzt eine ökumenische Initiative die Probleme auf den Tisch legen – und lädt ein zu Gesprächsabenden. Regina König war beim Auftakt in der vergangenen Woche dabei.

Chemnitz. Gläser klirren, Besteck klappert – etwa vierzig Gäste sind gekommen. Die Organisatoren haben in ein Restaurant eingeladen; nur etwa 100 Meter weiter ist der Ort, an dem die Unruhen in Chemnitz ihren Anfang genommen hatten - ein paar Schritte vom Karl-Marx-Kopf entfernt, mitten im Zentrum der Stadt, wo im August der junge Familienvater niedergestochen worden war. „Die Normalität ist uns abhandengekommen“, sagt eine der Besucherinnen, Sabine Findeis: „Egal ob man es will oder nicht, immer wieder werden wir als Chemnitzer gefragt: bist du für oder gegen Flüchtlinge? Das reißt eine Kluft auf und das tut weh.“
 

„Die Normalität ist uns abhandengekommen“

Doch an diesem Abend soll offen miteinander geredet werden. Die Gäste sitzen an festlich gedeckten Tischen, zur Eröffnung der Gesprächsreihe spendiert der Vorbereitungskreis das Essen. Pfarrer Frank Manneschmidt, Superintendent im Kirchenbezirk Chemnitz, führt durch den Abend. Auch er weiß: es brodelt unter der Oberfläche. Politikverdrossenheit sei zu spüren, erzählt er, und immer wieder höre er von Chemnitzern, sie fühlten sich ´von denen da oben´ nicht verstanden. Jetzt geht Frank Manneschmidt von Tisch zu Tisch, hört rein in die Gespräche: „Das reicht von Fragen über Europa bis dahin, was bei uns los ist und wie wir als Bürger das Zusammenleben in der Stadt verbessern können.“
 

„Unter der Oberfläche brodelt es“

Protestanten, Katholiken und Methodisten aus Chemnitz haben die Gesprächsreihe angeschoben, alles steht unter dem Leitwort „Erzähl mir….was dich bewegt.“ Sorgen, Nöte und Probleme sollen offen auf den Tisch gelegt werden. Und das tut not, ist Mitorganisator Pfarrer Clemens Rehor überzeugt, katholischer Propst von Chemnitz: „Die Situation in der Stadt ist kompliziert. Wegen der Flüchtlinge und Fremden haben die Menschen Ängste und Vorurteile und es gibt Missverständnisse. Manche fühlen sich wie im Exil, obwohl sie den Ort gar nicht verlassen haben. Darauf müssen wir reagieren.“
 

„Manche fühlen sich wie im Exil, obwohl sie Chemnitz gar nicht verlassen haben“

An einem der Tische kommt die Frage auf: „Was, wenn die Mehrheit in unserem Land gar keine Demokratie mehr will?“ Doch die meisten Gäste sind sich einig: Demokratie ist ein schützenswertes Gut, auch wenn sie manchmal anstrengend ist. Fremdenfeindliche Töne sind nicht zu hören, wohl aber die ehrliche Feststellung, dass man sich schon manchmal ärgert, wenn z.B. alle Parkbänke besetzt sind mit Migranten und man selbst keinen Platz mehr findet.

An jedem Tisch leitet ein Moderator die Gespräche. Damit die Gesprächspartner wechseln, läutet nach einer halben Stunde eine kleine Glocke, jeder sucht sich dann einen Platz an einem anderen Tisch. Ein guter Rahmen, findet Besucherin Sabine Findeis: „Im Freundes- und Verwandtenkreis ist es ja fast gar nicht mehr möglich, über diese Themen zu sprechen, weil sofort Schubladen aufgemacht werden. Und ich denke, das hier ist eine gute Möglichkeit, unter Anleitung diese Themen zu debattieren und sich dabei auch selbst zu hinterfragen: stimmt mein Blick oder muss ich ihn weiten oder vielleicht enger nehmen?“
 

Brisante Themen offen diskutieren unter Anleitung

Drei Stunden lang wird an den Tischen lebhaft diskutiert, das Glöckchen muss mehrmals läuten, um sich Gehör zu verschaffen. Sogar einer der Kellner debattiert mit. „Erzähl mir, was dich bewegt“ – noch fünf weitere Abende sind geplant, immer an einem anderen Ort. Themen wie Identität, Heimat, Angst und Globalisierung stehen auf dem Programm, ein Gottesdienst Mitte Juni soll die Reihe abschließen. Superintendent Frank Manneschmidt betont zwar, dass sie nicht „die Stadt völlig umkrempeln können“, doch der Auftakt der Gesprächsreihe stimmt zuversichtlich, findet Propst Clemens Rehor: „Es ist ohnehin besser, ein kleines Licht anzuzünden, anstatt nur über die Dunkelheit zu schimpfen.“


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