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„Der Osten Deutschlands leidet an einer Sinnentleerung“

Der Theologe und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Frank Richter sieht unsere Demokratie in Gefahr und fordert mehr bürgerliche Verantwortungsbereitschaft.

 

Frank Richter (Foto: Claudia Hübschmann)
Frank Richter (Foto: Claudia Hübschmann)

Drei Landtagswahlen stehen in diesem Jahr im Kalender: in Thüringen, Brandenburg und in Sachsen werden die Wähler zur Urne gebeten. In allen drei Ländern liegt die AfD in Umfragen bisher über 20 Prozent, die Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien scheint groß zu sein. Unser Land gerät in eine politische Schieflage, sagt der Theologe und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Frank Richter. Deshalb will er selbst  jetzt in die Politik gehen: als Parteiloser will Richter für die SPD in den sächsischen Wahlkampf ziehen. Und ruft andere auf, sich gleichfalls zu engagieren. Regina König hat mit ihm gesprochen.
 

Eigentlich ist Frank Richter ein Mann, der zwischen den Fronten steht und vermittelt, wie im heißen Herbst 1989 in den Wirren der friedlichen Revolution, als er in Dresden als Domvikar die aufgeheizte Stimmung zwischen Demonstranten und Polizisten beruhigte. Auch in der Flüchtlingskrise 2014/2015 setzte Frank Richter auf Dialog mit der asylkritischen Pegida-Bewegung, damals als Chef der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen. Bundesweit hat ihn das bekannt gemacht. Jetzt sei allerdings die Zeit gekommen, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, so Richter: er will für die SPD in den sächsischen Landtag einziehen.

Allerdings: Parteimitglied will der Theologe, der erst 2017 aus der CDU ausgetreten war, nicht werden: „Ich nehme es sehr ernst mit einer Mitgliedschaft, die halte ich für eine nahezu 100-prozentige Identifikation mit einer Partei. Und das sehe ich mit Blick auf die SPD so für mich noch nicht. Andererseits hätte ich auch keiner anderer Partei zugesagt.“
 

Nationalismus besonders im Osten stark

In den kommenden Monaten wird Frank Richter also um Stimmen werben und viel reden – auf Wahlveranstaltungen, Marktplätzen, an Stammtischen. In den vergangenen Jahren hat er allerdings vor allen Dingen viel zugehört; als Direktor der Landeszentrale für politische Bildung ist er mit seinem Team unterwegs gewesen auf Bürgerversammlungen in Städten, Dörfern und Kommunen. Wut und Zorn sind ihm damals begegnet, wenn die Menschen von „denen da oben“ sprachen. Heute sieht er unsere Demokratie in Gefahr:

Weil es starke politische Kräfte gibt, die zurück wollen in eine nationale radikale autoritäre und ausgrenzende Denkungsart und die damit eine andere Republik wollen, das ist zumindest meine Sorge, als die, die wir jetzt haben. – Frank Richter

 

Gesellschaftliche Stützpfeiler wie Empathie und Mitgefühl fehlen

Es sei kalt geworden in Deutschland, so Richter, wichtige gesellschaftliche Stütz-pfeiler fehlten wie Empathie und Mitgefühl. Besonders im Osten des Landes diagnostiziert er einen zunehmenden Trend hin zum Nationalismus, und das habe mehrere Gründe, so der Theologe. So sei der Osten nach der Wiedervereinigung deindustrialisiert worden und damit weite Landstriche nahezu entvölkert. Auch habe die kirchenfeindliche DDR mit ihrer sozialistischen Ideologie eine Ersatzreligion angeboten. Die sei mit dem Fall der Mauer weggebrochen. Zurück geblieben ist die säkularste Region der Welt, nur noch etwa 20% der Ostdeutschen gehören einer Kirche an. „Der Osten Deutschlands leidet vielleicht stärker als andere Regionen an einer Sinnentleerung. Das gilt es erst mal zu verkraften. Der Nationalismus als ein Gedankenkonstrukt für Sinn und Zugehörigkeit, für Anerkennung und Wertschätzung ist in diese Lücke gesprungen. Diese Lücke gibt es anderswo auch, aber im Osten ist sie besonders groß und deshalb ist der Nationalismus dort auch besonders erfolgreich.“

Der Osten Deutschlands leidet vielleicht stärker als andere Regionen an einer Sinnentleerung. Das gilt es erst mal zu verkraften. Der Nationalismus als ein Gedankenkonstrukt für Sinn und Zugehörigkeit, für Anerkennung und Wertschätzung ist in diese Lücke gesprungen. – Frank Richter

 

Kirchen keine Sozial- und Ökoinstitute

Die Kirchen sollten sich in dieser Situation nicht verzetteln als Sozial- oder Ökoinstitute, so Frank Richter, vielmehr sei es an der Zeit, zurückzukehren zu ihrer eigentlichen Aufgabe: „Wenn die Kirchen bei ihrer Sache bleiben, das heißt bei der Verkündigung des Evangeliums, dann werden sie auch gesellschaftliche Relevanz bekommen, weil sie dann der Gesellschaft genau das geben, was ihr sonst niemand geben kann.“
 

Verantwortung macht glücklich 

Damit unsere Gesellschaft nicht weiter auseinanderstrebt, fordert Frank Richter mehr bürgerliches Engagement und Verantwortungsbereitschaft. „Demokratie ist zwar anstrengend“, so Richter, immer wieder müssten neue Kompromisse ausgehandelt werden. „Doch durch die Fähigkeit zum Kompromiss wird der innere Frieden in einer Gesellschaft gewahrt.“

Er macht auch Christen Mut, sich nicht zurückzulehnen, sondern Verantwortung zu übernehmen. „Ich selbst bin immer getrieben gewesen von der Frage: was soll ich tun, wie kann ich mich einbringen im Dienst für andere, für das Gemeinwohl?“ Das koste zwar Zeit, Kraft und Nerven, aber wer nur an sich selbst denke, werde nicht glücklich.

In der jetzigen politischen Lage sieht der ehemalige Bürgerrechtler Frank Richter nun also seine Aufgabe darin, die Rolle als „Mann zwischen den Fronten“ aufzugeben und selbst um ein politisches Mandat im sächsischen Landtag zu kämpfen. Eine knappe Niederlage musste er im vergangenen Jahr hinnehmen: Frank Richter wollte Oberbürgermeister von Meißen werden, knapp 100 Stimmen fehlten zum Sieg. Jetzt lässt er sich noch einmal ohne Zögern ein auf das „Abenteuer Wahlkampf“: am 1. September wird der Wähler entscheiden, ob der Theologe im sächsischen Landtag Platz nehmen wird: „Es ist schließlich die Pflicht eines jeden, sich zu engagieren, besonders dann, wenn die Gesellschaft, so wie ich es sehe, in Gefahr ist.“

 


Der Theologe und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Frank Richter ist in Meißen geboren und war bis 2005 katholischer Priester. Später konvertierte er zur evangelischen Kirche. Bis 2016 war Richter Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, dann wechselte er in die Geschäftsführung der Stiftung Frauenkirche Dresden. Dieses Amt gab er auf, um 2018 in die Kommunalpolitik zu gehen. Jetzt kandidiert Frank Richter als Parteiloser für die SPD im sächsischen Landtagswahlkampf.

 

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Kommentare

Von Ralf Bardutzky am .

Die Demokratie scheint wirklich in Gefahr zu sein, wenn solche Wechsler und Wendehälse wie ein Herr Richter unliebsame Mehrheitsmeinungen verunglimpfen und dafür auch noch ein Podium bekommen...den "Osten" als die sakularste Region der Welt zu bezeichnen finde ich schlichtweg eine Frechheit!


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