Christen in Russland

Russland: Auf dem Weg zum orthodoxen Gottesstaat

Neue Gesetze verschärfen Lage der Christen in Russland. Ein Insider-Gespräch.

Feindbild oder Sehnsuchtsort? Russland ist für viele Deutsche nur schwer durchschaubar, ein Buch mit sieben Siegeln. Für Jelena K.* ist es hingegen vertrautes Terrain. 1952 in Workuta, 200 km über dem Polarkreis, geboren, verbrachte sie dort ihre Jugend, lebt aber seit vielen Jahren in Deutschland. Sie koordiniert Projekte von Trans World Radio in Russland, der Ukraine und Weißrussland. Wir haben mit ihr gesprochen – über Aberglauben, Strafe für Ostergottesdienste und eine unaufhaltsame Botschaft.

*Name geändert

ERF Medien: Die größten russischen Philosophen bezeichneten ihr Volk als zutiefst spirituell. Dostojewski charakterisierte die russische Seele als die eigenartige Fähigkeit, Wunder für möglich zu halten. Sind Russen allgemein gläubiger als der normale Westeuropäer?

Jelena K.: In der Tat greifen sehr viele russische Klassiker diese Religiosität auf. Russen lieben das Mystische, sie nehmen das quasi mit der Muttermilch auf. Viele Russen gehen auch zu Wahrsagern. Das nehmen sogar viele Atheisten in Anspruch.

Die Orthodoxie hält das Land zusammen

ERF Medien: Die orthodoxe Kirche erlebt derzeit eine Renaissance. Allein zwischen 2009 und 2016 sind 5000 Kirchen wiedereröffnet worden, neue Ausbildungsstätten für Priester werden gebaut, die Mitgliederzahlen steigen. Ist das die Rechristianisierung eines über Jahrzehnte atheistisch beherrschten Landes?

Jelena K.: Die orthodoxe Kirche infiltriert das ganze Land. Sie hat genug Geld und Priester, um überall Kirchen zu errichten. So etwas gibt Identität. Es ist nicht mehr der Kommunismus, sondern die Orthodoxie, die dieses riesige Land zusammenhält. Für viele Russen gilt die einfache Formel: Ich bin Russe, also bin ich orthodox.

Der Gang zur Kirche ist nicht mehr wie in sowjetischen Zeiten verpönt, ganz im Gegenteil. Wenn eine alte Ikone wiederentdeckt wird, gibt es riesige Menschenschlagen. Ich habe das in Sankt Petersburg selbst gesehen. Da stehen junge Firmenmanager im Anzug in einer Reihe mit alten Omas und Frauen mit kleinen Kindern, um die Ikone zu küssen. Das hat aber viel mit ritualisierter Religiosität zu tun, nicht mit lebendigem Glauben.

Putin – ein lupenreiner Christ?

ERF Medien: Warum zeigt Putin sich so gerne bei Gottesdiensten? Inzwischen tritt auch der orthodoxe Patriarch Kirill bei allen wichtigen politischen Anlässen neben den Staatsmännern auf.

Jelena K.: Wenn man von einen Patriarchen glaubt, dass er das Oberhaupt der Kirche ist, dann ist er von Gott her religiös und gewissenstechnisch okay. Jetzt kommt ein Staatsoberhaupt und stellt sich neben ihn und betet zusammen mit ihm. Das heißt, dass die vermeintliche Gerechtigkeit dieses Patriarchen wie ein Regenbogen über dem Staatsoberhaupt steht.

ERF Medien: In welcher Lage befinden sich nicht-orthodoxe Kirchen, besonders Freikirchen? Werden sie benachteiligt?

Jelena K.: Andere erlaubte Religionen haben ihre Freiheiten und können ihren Glauben eigentlich ausleben, wie sie wollen.

ERF Medien: Seit 2016 gibt es ein Gesetz, das die Verbreitung von Glaubensüberzeugungen stark einschränkt. Jetzt ist das nur noch im Namen einer offiziell registrierten Organisation möglich.

Jelena K.: Nach dem neuen Gesetz ist die neue religiöse Einschränkung nur ein Unterpunkt eines großen Hauptpunkts. Und dieser Hauptpunkt heißt Antiterrorgesetz. Das gibt es hier im Westen auch. Leider gibt es Menschen, die denken, aus fundamentalistischen Gründen andere mit Bomben umbringen zu müssen. Wenn aber jemand, der seinen Glauben auf ein gesundes Fundament – auf Gott – gebaut hat, von einer anderen Person als Fundamentalist bezeichnet wird, kann er unter dieses Gesetz fallen.

Das neue Religionsgesetz in Aktion

ERF Medien: Sind Ihnen aus Ihrem Bekanntenkreis Geschichten über Repressionen oder Schwierigkeiten zu Ohren gekommen?

Jelena K.: Ich lese auf Facebook oft von solchen Vorkommnissen. Der Journalist und Radiochef Sergei Stepanov beispielsweise ist zu 10000 Rubel Strafe verurteilt worden, weil er über das soziale Netzwerk „Vkontakte“ zu einem Ostergottesdienst in seine Baptistengemeinde eingeladen hatte. Das sei verbotene missionarische Tätigkeit, hieß es.

ERF Medien: Haben Sie so etwas bei einem Ihrer vielen Besuche in Russland auch schon selbst erlebt?

Jelena K: Wir Mitarbeiter von ERF Medien gehen in verschiedene Gemeinden, stellen unsere Arbeit vor und bitten um Unterstützung. Seitdem dieses Gesetz in Kraft ist, erlauben die Gemeinden im Gottesdienst keine Vertreter von missionarischen Werken mehr. Denn das wäre missionarische Tätigkeit. Und die ist nicht erlaubt. Daher erleben auch wir diese Beschränkung. Die Vollstreckung des Gesetzes hängt momentan aber noch stark von der lokalen Behörde ab.

ERF Medien: Haben die Christen in Russland Angst vor Christenverfolgung?

Jelena K.: So offen geäußert habe ich das noch nicht gehört. Aber dass so ein Gesetz zu Verfolgung führen könnte: Ja. Die Grundlage dafür wird gelegt. Wann sie in Anspruch genommen wird, wissen wir nicht.

Wovor hat Putin Angst?

ERF Medien: Hat Putin das Gesetz nur wegen des Terrors eingesetzt oder gibt es noch andere Gründe?

Jelena K.: Ich denke, er hat es wegen des Terrors eingeführt. Aber Putin will natürlich auch Präsident bleiben. Er muss alles fest in den Händen halten.

ERF Medien: Inwiefern stören Putin die Freikirchen dabei?

Jelena K.: Ein Mensch, der wirklich an Gott glaubt, hat eine Meinung und ist innerlich frei. Er wird sich nicht vor einem Herrscher beugen, wenn es gegen Gott sein sollte. Deswegen sind Christen durch die Geschichte der Menschheit immer wieder verfolgt worden. Einen wirklich freien Menschen, der an Gott glaubt, kann man nicht knechten. Man kann ihn ins Gefängnis stecken, aber er wird nie innerlich zustimmen. Ein Politiker, der Angst hat und der seine Macht erhalten will, braucht aber Menschen, die blind an ihn glauben. Auf der anderen Seite gilt gleichzeitig: Ein Mensch, der an Gott glaubt, würde niemals einen Aufstand gegen die Regierung anzetteln. 

Hoffnung lässt sich nicht stoppen

ERF Medien: Also stellen Christen gar keine Bedrohung für Putin dar.

Jelena K.: Nein, aber sie sind leichte Beute. Die Geschichte zeigt, dass man den Christen immer gerne die Schuld in die Schuhe geschoben hat.

ERF Medien: Was würden Sie den Christen in Russland raten? Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie selbst noch in Russland leben würden?

Jelena K.: Ich bin ein Mensch, der an Gott glaubt. Deswegen lebe ich mit der Hoffnung und einem Glauben, dass Gott sein Reich baut. Egal, welche Hindernisse ein Land aufstellt. Gottes Wort ist über das Radio ausgestrahlt worden. ERF Medien und TWR existieren jetzt schon seit 60 Jahren und Menschen haben durch diese Arbeit Jesus gefunden. Das ist ein unsichtbares Reich. Egal, welche Repressalien oder neuen Gesetze aufkommen. Gott wird Wege finden, sein Reich im Herzen von Menschen zu bauen.


Kommentare

Von Johannes S. am .

Gratulation zu diesem gelungenen und qualifizierten Interwiew mit einer Interviewpartnerin, deren klaren Worte beeindruckend sind...

Von Hesekiel am .

Der Hinweis auf den Balken im eigenen Auge des Kommentators Imre A. ist an dieser Stelle durchaus angebracht. Der politisch-mediale Komples scheint keine Probleme zu haben, wenn hochrangige Kirchenvertreter und Politiker den Gott der Christen und Allah als einen Gott bezeichnen und den Islam hofieren, während, wie in diesem Artikel, von einem Gottesstaat gewarnt wird, wenn sich ein Land auf seine christlichen Wurzeln besinnt. Deutschland & EU gehen lieber den umgekehrten, antichristlichen Weg.

Von Katarina F. am .

Wenn man von Russland keine Ahnung hat sollte man ja auch die Klappe Halten

Von Thomas aus Mähren am .

Probleme sind meines Erachtens immer dann vorprogrammiert, wenn sich Christen, egal welcher Prägung, zu sehr mit der weltlichen Herrschaft verbünden, oder gar, wie etwa im Mittelalter eine solche Macht ausüben, anstatt auf den alleinigen ewigen, alle Konfessionen und Nationen einenden Herrscher zu setzen. Statt Einheit im Heiligen Geist, herrschen Misstrauen, Trennung, manchmal sogar Hass. Gerade diese Einheit unter den Christen verschiedener Konfessionen und Nationen werden die Politiker nicht mehr

Von Marvin N. am .

In dem Interview wird mir zu viel so getan als seien Orthodoxe Keine Christen. Was ja quatsch ist. Orthodoxe sind auch Christen, wie Lutheraner oder Reformierte auch.
Und alle glauben an den selben Erlöser und Gott, es gibt lediglich unterschiede in der art und weise wie dieser Glaube gestaltet wird.
Hinzu kommt das ich es auch so sehe das es leider in den Westlichen Staaten mit Ausnahme der USA vielleicht mittlerweile schwieriger ist sich als Christ zu zeigen als in Russland. Denn hier wird mehr

Von Timo König am .

Verfolgung bisher nicht. Das sagt Jelena K. ja auch so. Allerdings erschwert das neue Gesetz Missionierung sehr stark und es gibt damit eine Grundlage, mit der Repressionen begründet werden könnten.
Das Interview gibt die Meinung von Jelena K. wieder. Ich werde aber auf jeden Fall versuchen, auch andere Interviewpartner zu finden, die das Thema von einer anderen Seite beleuchten, um verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen.

Von Imre A. am .

Leider Christenverfolgung gibt es nicht in Russland, sondern in Westlichen Staaten, wo man der Kreuz von der Kirche abnehmen muss, am Weinachtfest darf kein Weihnachtslied gesungen werden. Homosexuelle Priestern und lesbische Priesterinnen halten Gottesdienste usw..Westeuropa hat Jesus verleugnet,darum gerät in diese schrecklichen Untergang.Siehe den Splitter im eigenen Auge.


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