Interview Lesezeit: ~ 5 min

Authentisch, mit Tiefgang und stimmungsvoll

Regina König informiert über die "Kirchentage auf dem Weg" in Mitteldeutschland.

Das gab es noch nie: parallel zum 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin finden sechs weitere Kirchentage statt: die „Kirchentage auf dem Weg“ in insgesamt acht mitteldeutschen Städten: in Leipzig, Dessau, Weimar und Jena, in Erfurt, Magdeburg , Eisleben und Halle.  Alle Kirchentagsbesucher treffen sich dann am Sonntag nach Himmelfahrt gemeinsam zum großen Abschlussgottesdienst in der Lutherstadt Wittenberg. Dieser Gottesdienst wird der Höhepunkt sein im Reigen der Feierlichkeiten zum 500-jährigen Reformationsjubiläum.

Natürlich wird sich die Berichterstattung in den allermeisten Medien auf Berlin konzentrieren,  wir allerdings wollen ganz bewusst auch die regionalen Kirchentage in den Blick nehmen.  Unsere Reporterin vor Ort ist Regina König.  

ERF Medien: Regina, warum hast du dich für „die Provinz“ entschieden?

Regina König:  Ohne die Provinz hätte es die Reformation gar nicht gegeben! Als Martin Luther nach Wittenberg kam,  war die kleine Stadt an der Elbe nicht viel mehr als ein Provinznest. Der sächsische Kurfürst hatte sie zwar jüngst zur Residenzstadt erhoben und die Universität frisch gegründet, doch mit anderen deutschen Städten wie Aachen oder Frankfurt konnte Wittenberg nicht mithalten.  Und doch war genau das ein großer Vorteil: Die frisch gegründete Uni zog  kluge und innovative Köpfe wie z.B. Philipp Melanchthon an,  und neue Ideen konnten sich schneller Bahn brechen, weil sie weder von etablierten Strukturen noch von akademischem Dünkel aufgehalten wurden. Dazu existierte die Universität noch nicht lang genug.  So konnte der Wind des Aufbruchs hier so richtig Fahrt aufnehmen. Die Provinz wurde sozusagen zum Treibhaus der Reformation.  Außerdem bieten die regionalen Kirchentage die Möglichkeit, die Originalschauplätze der Reformation zu erleben.  In allen acht Städten hatte Martin Luther damals „zu tun“.

Die Provinz – Treibhaus der Reformation

ERF Medien:  Die Provinz als Innovationsmotor – und noch 500 Jahre später leben die Ideen weiter.  Nur der Glaube selbst hat gerade in dieser Region stark abgenommen.

Regina König: Das stimmt. Die regionalen Kirchentage finden, wenn man das so ausdrücken möchte, in der gottlosesten Region der Welt statt; im Schnitt gehören nur noch etwa 15% der Menschen in Sachsen-Anhalt einer Kirche an, in Sachsen sind es ein paar Prozentpunkte mehr. DenTiefstand erreicht die Lutherstadt Eisleben mit etwa 7% Konfessionszugehörigkeit. Genau das finde ich interessant und das will ich mir angucken: Werden diese kleinen Kirchentage das Stadtbild prägen? Wird es zum Austausch kommen zwischen Christen und Nichtchristen? 

„Kirchentage auf dem Weg“ in der gottlosesten Region der Welt

ERF Medien: Du kannst natürlich nicht aus allen acht Städten berichten. Was hast du dir für heute vorgenommen?

Regina König: Heute werde ich nach Dessau fahren.  Und damit in das Gebiet der kleinsten evangelischen Landeskirche, der evangelischen Kirche Anhalts. Kirchenpräsident Joachim Liebig wird heute am frühen Abend auf dem Marktplatz mit einem ökumenischen Gottesdienst den Kirchentag eröffnen. Ehrlich gesagt ist mir diese kleine Landeskirche irgendwie ans Herz gewachsen. Ich habe selten so ehrliche Christen getroffen wie dort, die unumwunden Misstände zugeben, aber auch bereit sind zur Kursänderung.  Immerhin ist sie die einzige Landeskirche in Deutschland, die im vergangenen Jahr einen steigenden Gottesdienstbesuch verzeichnen konnte! 

Nach dem Gottesdienst laden die Kirchgemeinden dann ein zum sogenannten Anhaltmahl: Da wird quer durch die Innenstadt eine riesige Tafel aufgebau, an der beim Biss in die Stulle Platz für Begegnung sein soll. Luther selbst wird auch häufig in Dessau zu Abendbrot gegessen haben: Er hat regelmäßig in der Stadtkirche gepredigt, die Dessauer Fürsten hatten sich früh zur lutherischen Lehre gestellt. So findet man in Dessau auch eine sehr große reformatorische Schriftensammlung, die man sich in der Fürst Georg Bibliothek ansehen kann. 

Kneipengespräche in Leipzig, Schiffsprozession in Magdeburg

ERF Medien: Was steht morgen auf deinem Programm?

Regina König: Morgen heißt es zurück zu den Anfängen! Ich lasse mich blitzen, und zwar in Stotternheim in der Nähe von Erfurt. Hier geriet Martin Luther in ein Gewitter. Unter Todesangst schwor er, ins Kloster eintreten zu wollen, wenn er mit seinem Leben davon kommt. Den Ausgang der Geschichte kennen wir. Vom Gedenkstein aus wird eine Pilgerwanderung nach Erfurt stattfinden, vorneweg die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt.  Danach werde ich mir auch Erfurt selbst ansehen: Wie prägend wird hier der Kirchentag sein für das Stadtbild? Erfurt kann übrigens mit ein bisschen Prominenz punkten: Reformatinsbotschafterin Margot Käßmann wird hier auf dem Podium sitzen, aber auch  der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer. 

ERF Medien: Was ist sonst noch zu empfehlen im Programm der „Kirchentage auf dem Weg“?

Regina König: Stimmungsvoll wird es auf jeden Fall in Magdeburg am Freitag Abend  mit einer Schiffsprozession. In Schwung kommt man in Halle, da steht nämlich Gospel im Mittelpunkt, gern auch zum Mitsingen; recht akademisch klingen dagegen die Podiumsdiskussionen in Weimar. Gesellig wird es bestimmt in Leipzig, die Stadt lädt ein zu der größten Kaffeetafel Deutschlands und zu Kneipengesprächen. Allein in Leipzig wird es 500 Veranstaltungen geben. 

ERF Medien: Berlin erwartet 100 000 Gäste, mit wievielen Besuchern rechnen die Veranstalter der regionalen Kirchentage?

Regina König: Zunächst hatte man auch hier die Zahl 100 000 herausgegeben, die ist jetzt schon auf 70 000 herunterkorrigiert. Fest steht: Es wird nicht einfach sein, in dieser säkularisierten Region viele Menschen aus der direktem Umgebung für das Christentreffen zu begeistern.  Leipzig dürfte die meisten Besucher anziehen, vielleicht 20 000;  alle weiteren Städte werden darunter liegen. Aber genau das ist ja wiederum auch eine Chance: Wo nicht ganz so viel Trubel ist, lässt sich vielleicht intensiver miteinander über Fragen des Glaubens nachdenken und vielleicht ist mehr persönliche Begegnung möglich. Authentischer wird es auf jeden Fall in Mitteldeutschland, denn Berlin spielte für Luther nun gar keine Rolle. In die Stadt hat er nie einen Fuß gesetzt.  Also: Die „Kirchentage auf dem Weg“ punkten mit Authentizität, entspannter Atmosphäre und hoffentlich mit Tiefgang. 

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


Alle weiteren Informationen zum Kirchentag finden Sie auf unserer Sonderseite Kirchentag bei ERF Medien.


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