Interview

Wer ist Gott für Sie, Herr Ramelow?

Teil 2 des Interviews mit dem thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow.

Regina König hat mit Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, über seinen Glauben und über Entschädigungszahlungen für diskrimminierte Christen in der DDR gesprochen. 

 

ERF Medien: Aufgewachsen sind Sie in Niedersachsen und Hessen. Der Glaube wurde Ihnen in die Wiege gelegt: Sie kommen aus einer protestantischen Familie. Einer Ihrer Vorfahren ist der Erweckungsprediger Johann Philipp Fresenius, im 18. Jahrhundert hat er gelebt. Als Jugendlicher haben Sie aber erst mal Ihren Glauben hingeschmissen. Warum?

 

Bodo Ramelow: Das muss ich korrigieren. Ich habe nicht meinen Glauben hingeschmissen, sondern ich habe mit der Amtskirche über Kreuz gelegen, und zwar richtig über Kreuz. Und dieser Ärger hat mich dazu gebracht, provokativ aus der Kirche auszutreten. Ich hatte gehofft, dass irgendjemand reagiert, aber es hat nicht mal der Pfarrer nachgefragt, was los sei. Vorher habe ich kirchliche Jugendarbeit gemacht, doch der Pfarrer hat unsere offene Jugendarbeit vor die Tür gesetzt, das fand ich nicht fair. Aber meinen Glauben habe ich nie verloren. Hier in Erfurt habe ich dann meine Kirche wiedergefunden. Es gab eine ganze Reihe von Gelegenheiten, bei denen ich das Gefühl hatte, ich bin wieder in der Kirche meiner Kindheit.

 

„Gott ist für mich ein Prinzip“

 

ERF Medien: In einem Interview haben Sie mal gesagt: „Ich habe mir im Herzen den Kindergottesdienst behalten und glaube, dass man Gott immer bei sich haben muss.“ Ist Gott für Sie eine Person?

 

Bodo Ramelow: Eigentlich nicht. Ich stelle mir keine Person mit einem langen Bart vor. Nur Jesus Christus stelle ich mir als Person vor. Gott ist für mich etwas Universelles, das unsere Erde und möglicherweise das ganze Weltall umfasst. Ich stelle ihn mir als Prinzip vor. Und dieses Prinzip stärkt meinen Glauben.

 

ERF Medien: Seit 2014 stehen Sie in Thüringen als Ministerpräsident einer rot-rot-grünen Koalition vor. Vor Ihrer Wahl gab es große Bedenken, auch und gerade in kirchlichen Kreisen. Schließlich ist „Die Linke“ die Nachfolgepartei der SED und die hat in der DDR massiv Christen unterdrückt. Die Thüringer Landesregierung hat nun im Januar 2016 gemeinsam mit den Kirchen beschlossen, eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, die die Diskriminierung der Christen in der DDR wissenschaftlich untersuchen soll. Ich habe bis heute nichts mehr von dieser Arbeitsgruppe gehört.

 

Bodo Ramelow: Erstmal war es notwendig, die Grundbedingungen dieser Arbeitsgruppe zu klären und das macht man nicht öffentlich. Die Kommission ist jetzt gebildet. Es wird jeweils ein Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche dabei sein, ferner ein Vertreter der Evangelisch-Methodistischen Gemeinde und ein Vertreter der Zeugen Jehovas. Außerdem gehören drei Wissenschaftler der Kommission an. Geleitet und koordiniert wird sie von der Staatssekretärin der Staatskanzlei, Babette Winter. Wir wollen die Voraussetzungen schaffen, losgelöst von der individuellen Wahrnehmung, die Fakten durchdringen zu können: wie viel staatlichen Einfluss und wie viel Zermürbungs- und Zersetzungsarbeit hat es gegeben? Wir müssen dabei allerdings jeden Eindruck vermeiden, irgendeine Geschichtsdeutung hineingeben zu wollen. Das steht dem Staat nicht zu.

 

Kommission untersucht: welches Unrecht haben Christen in der DDR erlitten?

 

ERF Medien: Meines Wissens gibt es eine ähnliche Arbeitsgruppe in keinem anderen Bundesland. Von Entschädigungszahlungen ist bisher allerdings nicht die Rede. Das gesamte Unternehmen könnte damit auch wie ein Trostpflaster klingen nach dem Motto „Ja, wir untersuchen das mal, aber schlussendlich habt ihr nichts davon.“

 

Bodo Ramelow: Haben Sie jetzt schon die abgeschlossenen Erkenntnisse?

 

ERF Medien: Nein.

 

Bodo Ramelow: Sehen Sie. Und wenn man eine Aufarbeitung mit Entschädigung beginnt, hört es sich an wie Ablasshandel. Und dagegen hat Martin Luther nun wirklich gekämpft. Vielmehr ist die Frage wichtig: an welchen Stellen wurde verletzt? Wie wurde verletzt? Zuerst über den Mammon zu verhandeln, lehne ich ab.

 

ERF Medien: Das klingt zumindest danach, dass es nicht vollkommen ausgeschlossen ist, dass es Entschädigungszahlungen geben könnte…

 

Bodo Ramelow: Ich weiß nicht, warum Ihr Focus ausschließlich auf Geld liegt. Ich lass mir auch nichts hineininterpretieren, was ich nicht gesagt habe. Und Sie haben es eben selber angesprochen: außer Thüringen macht das kein anderes Bundesland. Und ich habe die unangenehme Erfahrung gemacht, dass die Neigung unter Politikern, sich noch einmal Entschädigungsregelungen zu Verletzungen der DDR-Zeit anzugucken, in der Bundesrepublik eher gering ist. Und dem Ministerpräsidenten, der sich bisher als einziger um das Thema „Diskriminierung von Christen in der DDR“ kümmert, zuallererst zu begegnen mit Entschädigungsregelungen, scheint mir nicht angemessen zu sein. Wir sind am Start. Und ich bin gespannt, ob andere Bundesländer und andere Kirchen dem Beispiel folgen wollen und folgen werden.

 

Reformationsjubiläumsjahr – Chance für deutsche Einheit

 

ERF Medien: Was auf jeden Fall feststeht: wir stecken mittendrin im Reformationsjubiläumsjahr, und  Thüringen gehört zu den Kernländern der Reformation. Was erhoffen Sie sich als Landesvater von der Erinnerung an Martin Luther? Was soll zurückbleiben hier in diesem Land, in dem nur noch etwa 20% der Bevölkerung einer Kirche angehören?

 

Bodo Ramelow: Ich erhoffe mir die Fähigkeit, Menschen neugierig zu machen, was Glauben ausmacht. Und ich hoffe, dass Menschen auf Thüringen neugierig werden, denn durch die deutsche Teilung ist das Bewusstsein in Westdeutschland für die neuen Länder verloren gegangen. Die deutsche Einheit bedeutet auch, dass wir die Grenzen im Kopf zwischen Ost und West überwinden. Und da hilft uns so ein Großereignis wie das Reformationsjahr allemal und es wirkt weit über 2017 hinaus.

 

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


Den ersten Teil des Interviews können Sie hier nachlesen.


Kommentare

Von FranzX am .

Schade dass es für Hrn. Ramolow wieder einmal zwischen dem "alten Mann mit langem Bart" und dem "universellen Prinzip" nichts zu geben scheint. Einen Gott, zwar ohne körperliche Gestalt, aber ein "Du", mit dem man kommunizieren und Beziehung haben kann, der uns Menschen als Urbild des Vaters zärtlich liebt, der auch heilig und gerecht ist, und auch voll Zorn gegenüber der Ungerechtigkeit und Sünde (nicht dem Sünder!) sein kann.
Warum ist es für viele Menschen so schwer hier zu unterscheiden zwischen der Personalität und dem Zerrbild eines alten Mannes mit Bart?


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