Reportage Lesezeit: ~ 6 min

Advent im Erzgebirge

Ein Blick in Deutschlands „Weihnachtsstube“.

Wohl in keiner anderen Region der Welt finden sich so viele Weihnachtsbräuche wie im Erzgebirge. Und die jahrhundertealten Traditionen leuchten weit ins Land: Wer Chemnitz Richtung Süden verlässt und B95 immer weiter hinauf und immer weiter hinein ins Gebirge folgt, dem strahlen immer mehr Lichterbögen in den Fenstern entgegen. Auf den Marktplätzen der Dörfer und Städtchen drehen sich große Weihnachtspyramiden; Bergmann und Engel grüßen den Gast. So scheint sich das Mittelgebirge zu einer einzigen „Weihnachtsstube“ zu verwandeln. Einen Blick hinter die Tür der „guten Stube“ konnte Regina König erhaschen.
 

 

Der Geruch nach Holz liegt in der Luft, Sägespäne türmen sich auf dem Fußboden — in der Manufaktur Köhler in Eppendorf entsteht Weihnachten immer wieder neu. Mehrere tausend Krippenfiguren verlassen jedes Jahr die Werkstatt und reisen in alle Welt: In die USA, nach Japan und Singapur, oder nach Norwegen, Dänemark und Schweden. Im Lager türmen sich Kisten und Kästen, alles muss noch bis zum Fest verschickt werden. Jetzt in der Vorweihnachtszeit herrscht Hochbetrieb.

Björn Köhler
Björn Köhler präsentiert eine
seiner Holzfiguren.
(Bild: Regina König / ERF Medien)

Trotzdem nimmt mich Björn Köhler mit auf einen Rundgang durch die Werkstatt. „Das hier wird ein Tannenbaum,“ erklärt er mir. Rasend schnell dreht sich der Rohling auf der Drechselbank, mit einem scharfen Werkzeug bringt der Drechsler den Rohling in Form.. Mehr als 40 Mitarbeiter drechseln, schleifen und bemalen die Heilige Familie und ihre Gäste im Stall. Auch Leuchter, Engel und Weihnachtsmänner gehören zur Kollektion, doch das Kerngeschäft ist die Krippe. Mit dem Blick des Experten erkennt Björn Köhler schon an den Baumscheiben, welche Figur aus dem Holz entstehen könnte: „Das hier ist eine Fichte, bei der die Jahresringe sehr dicht aneinander liegen. Die wird sehr wahrscheinlich eine Maria oder eine Palme.“
 

Durch Weihnachten kommt das Göttliche in unseren Alltag

Björn Köhler
Björn Köhler bei der Arbeit.
(Bild: Regina König / ERF Medien)

Den Rohstoff liefern die Wälder vor der Haustür. „Ich habe großen Respekt vor Bäumen und ich möchte möglichst viel von ihrer Schönheit in das Produkt fließen lassen“, erzählt Björn Köhler. So zeigen alle seine Figuren die Maserung des Holzes.

Zum „Botschafter des Erzgebirges“ wurde Björn Köhler vor drei Jahren ernannt, mehrfach erhielten seine Produkte Auszeichnungen. Die Tradition der Heimat will er fortführen, aber auch neue Akzente setzen. So präsentieren sich seine Krippenfiguren in schlichten, reduzierten Formen. Gesichter haben sie nicht, aber Ausstrahlung: Der Betrachter spürt Ruhe, Demut und Innigkeit. Für Björn Köhler selbst ist die Weihnachtsgeschichte jedes Jahr neu und unfassbar: „Gott ist Mensch geworden, er kommt uns ganz nah. Damit gibt es keine Barrieren und Schranken mehr. Das finde ich so schön, dass auf diese Weise das Göttliche in unseren Alltag gekommen ist.“
 

Der größte Schwibbogen der Welt

Drechseln, schnitzen, malen, tüfteln — im Erzgebirge wird das allerdings nicht nur den Profis überlassen. An kalten Winterabenden zusammensitzen und werkeln, das hat hier Tradition, bis heute. Und so gibt es einen reichen Fundus an Volkskunst mit weihnachtlichen Motiven. Einblick gewährt die Weihnachtsschau in Gelenau, sie lädt ein in die „gute Stube“:
 

 

Die Hirten laufen zur Krippe und Engel schwingen vom Himmel − etwa 3000 Exponate erzählen in Gelenau die Geburt des Jesuskindes. Und das voller Bewegung: Motoren, Seilwinden oder Kerzenwärme setzen Pyramiden, Weihnachtsberge und Leuchter in Aktion. Alles ist echte Volkskunst, die die Schweizerin Erika Pohl-Ströher, Erbin der Kosmetikfirma Wella, gesammelt hat. Erika Pohl-Ströher ist im Erzgebirge aufgewachsen und fühlt sich bis heute mit ihrer Heimat verbunden.

Ein Blick in die Weihnachtsschau
in Gelenau.
(Bild: Regina König / ERF Medien)

Über Jahre hat sie gesammelt, viele ihrer Liebhaberstücke präsentiert die Dauerausstellung „Manufaktur der Träume“ in Annaberg-Buchholz. Hier in Gelenau hat die Ausstellung einen Depot-Charakter. „Weniger die Präsentation spielt bei uns eine Rolle, sondern die Objekte selbst“, erklärt Ausstellungsleiter Michael Schuster. Und so lässt sich auf einen Blick viel Weihnachten erleben: Schulter an Schulter stehen Bergmann und Nussknacker; 13 Weihnachts- und Heimatberge erzählen biblische Geschichten sowie 200 Weihnachtspyramiden. Die älteste stammt etwa aus dem Jahr 1840. Das Besondere an den erzgebirgischen Weihnachtsdarstellungen ist, dass sie sich nicht nur mit der Geburt Jesu begnügen. Michael Schuster erläutert über eine Pyramide aus dem Ort Geyer: „Hier sehen wir in der 3. Etage den Leidensweg Jesu und die Apostel.“

Ganz groß raus kommt die Weihnachtsschau mit dem größten Schwibbogen der Welt, der an der Fassade des Ausstellungsgebäudes montiert ist und 35 Meter breit und 20 Meter hoch ist. Angebracht hat ihn Unternehmer Rainer Scherzer: „Ich bin ein Original-Erzgebirgler und fühle mich sehr verbunden mit meiner Heimat. Wenn ich das Licht des Schwibbogens sehe, wird es mir warm ums´ Herz.“ Geschafft hat es sein Schwibbogen sogar ins Guinnessbuch der Rekorde, erzählt der Unternehmer.
 

Lichterbögen symbolisieren die Sehnsucht des Bergmannes nach Licht

Horst Richter im Berghabit.
(Bild: Regina König / ERF Medien)

Das „Weihnachtsland Erzgebirge“ ist in der Advents- und Weihnachtszeit hell erleuchtet, der Grund dafür liegt „in den Tiefen der Erde“, erfahre ich bei meinem Besuch in Annaberg-Buchholz. Horst Richter hat mich eingeladen in sein kleines, geducktes Häuschen mitten in der Altstadt. Schnee liegt in den Gassen, von der Haustür aus sehe ich den Turm der St. Annenkirche. Horst Richter empfängt mich in Festtagskleidung: In der Uniform des einfachen Bergmanns, im Habit des Hauers. Denn am 4. Advent wird er mitmarschieren bei der großen Annaberger Bergparade. „Über Jahrhunderte war das Leben der Menschen hier geprägt vom Bergbau, vom dunklen und gefährlichen Leben unter Tage,“ erzählt er mir.

In der traditionsreichen Bergstadt Annaberg-Buchholz ist Horst Richter geboren und aufgewachsen, hier lebt er seit 83 Jahren. „Da kommt man am Bergbau nicht vorbei“, schmunzelt er. Er selbst hat nie im Stollen gearbeitet, er leitete die Kanzlei der St. Annenkirche. Doch beide Großväter verdienten ihr Geld unter Tage: „Bei der Parade fühle ich mich stark verbunden mit meinen beiden Großvätern und denke: ˏIhr habt im Bergbau gearbeitet und habt es schwer gehabt, um die Familien zu ernährenˊ, das bewegt mich immer wieder.“

Die Bergparaden im Erzgebirge ziehen jedes Jahr tausende Besucher an. An den Adventssonntagen marschieren die Bergleute auf und bieten buntes Trachtenspektakel in weißer Winterlandschaft. „Alles kommt vom Bergbau“, sagt man schließlich im Erzgebirge und meint damit nicht nur industrielle Entwicklungen wie den Maschinenbau, auch viele Weihnachtsbräuche haben ihren Ursprung in der Arbeit im Stollen. „Lichterbögen und Weihnachtspyramiden zeugen bis heute von der Sehnsucht des Bergmanns nach Licht,“ erzählt Horst Richter. „Das Licht war für den Bergmann das Lebenswichtigste, und selbst wenn er auf dem Nachhauseweg über die Felder ging und in der Ferne ein Licht brennen sah, eine Kerze im Fenster seines Wohnhauses, dann war ihm das das Zeichen: Dort will ich hin, dort bin ich Zuhause, dort bin ich geborgenˊ.
 

Die Brücken zwischen Bergbau und Weihnachten begreiflich machen

Horst Richter neben der ihn
abbildenden Holzfigur.
(Bild:Regina König / ERF Medien)

Horst Richter liegt es am Herzen, die alten Traditionen wachzuhalten. Mit seinen 83 Jahren ist er immer noch aktiv als Gästeführer. Und so nimmt er auch mich mit in die kleine Bergkirche direkt neben dem Annaberger Weihnachtsmarkt. Hier steht die Bergmännische Krippe – und kaum zu glauben: Eine der Holzfiguren ist Horst Richter wie aus dem Gesicht geschnitten! Der Grund dafür ist, dass er vor einigen Jahren selbst Modell stand.

In der Uniform des Hauers unterhält er sich hier auf dem Weg zum Stall mit einem anderen Bergmann: „Komm, wir gehen zusammen zum Stall und sehen uns das Jesuskind an. Und weil dieses Kind unser ˏBergfürstˊ wird, habe ich meine Festkleidung angelegt.“ Jesus, ˏder Bergfürstˊ, das war der Ehrentitel für den Sohn Gottes unter den Bergmännern, erzählt Horst Richter. „Der Bergmann war ja von vielerlei Gefahren umgeben. Deshalb setzte er sein Vertrauen auf Jesus Christus.“ Und so trägt Horst Richter auf den Paraden und als Gästeführer seinen Berghabit mit Stolz und Würde, denn für ihn zeugt die Uniform des Hauers nicht nur von der harten Arbeit unter Tage, sondern auch vom festen Vertrauen seiner Vorfahren auf Jesus Christus: „Diese Brücken zwischen Bergbau und Weihnachten den Gästen deutlich zu machen, das sehe ich als meine Aufgabe an.“


Kommentare

Von Simon S. am .

Passend zum Thema auch der Hinweis auf den "Krippenweg Erzgebirge", der aktuell 18 Standorte von Weihnachtsbergen und Krippen in Museen, Vereinen, Kirchen und Privathäusern umfasst [www.komm-zur-krippe.de]


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