Reportage

Nasse Füße auf Luthers Pfaden

Regina König erwandert den Lutherweg und nähert sich der Endstation Coburg.

Nicht nur über Stock und Stein geht der Lutherweg, auch durch Elektrozäune, Schlamm und nasse Wiesen. Radioredakteurin Regina König ist unterwegs auf Luthers Spuren, schließlich steht im kommenden Jahr das 500-jährige Reformationsjubiläum im Kalender. Und wandernd lässt sich der Reformator am besten begreifen, ist sie überzeugt. Im ersten Artikel hat Sie ihre Etappe von Gräfenthal nach Spechtsbrunn beschrieben. Ihre nächste Etappe: von Spechtsbrunn am Rennsteig über den Sattelpass nach Judenbach im Thüringer Wald.

Die Nacht war erholsam in Spechtsbrunn und dann noch selbst gemachte Marmelade zum Frühstück: Der Tag kann nur gut werden! Auf geht´s in den Nieselregen, das Regencape bleibt aber erstmal im Rucksack, schließlich wandert die Zuversicht mit. Tapfer trägt auch Cornelius seinen Ranzen, schließlich ist der nach der letzten Mahlzeit leichter geworden, im Gegensatz zu meinem Rucksack. Doch die 11 Kilo tragen sich besser als erwartet, mit 50 Jahren ist man also doch noch zu Höchstleistungen in der Lage! Und dann stehen auch noch brav die Lutherwegweiser an jeder Kreuzung, also: Judenbach wird schnell erreicht sein.

Den Rennsteig lassen wir links liegen und biegen mit forschem Schritt hinter Spechtsbrunn ab in den Wald. Bald erreichen wir einen Höhenweg. Eine luftige Heide- und Graslandschaft öffnet sich und die Sonne kämpft sich durch die Wolkendecke.

Wandern im Todesstreifen

Mitten in die Idylle bricht nach der nächsten Weggabelung die jüngste deutsche Geschichte ein: Große Tafeln erinnern an den ehemaligen Todesstreifen zwischen der DDR und der Bundesrepublik, unser Wanderweg ist der ehemalige Grenzweg. Hier fanden Männer und Frauen den Tod, die nach Freiheit suchten. An diesem Morgen ist das kaum vorstellbar; Ruhe und Frieden strahlt die Landschaft aus. Ein Kaninchen fühlt sich so sicher, dass es noch nicht einmal vor Cornelius Reißaus nimmt.

Beklommen gehe ich weiter. Das Gras steht hoch, Nässe durchdringt meine Schuhe. Bis heute war ich überzeugt: „Die Wanderschuhe sind wasserdicht!“ Jetzt weiß ich es besser. Bald habe ich den Eindruck, in einer Badewanne zu laufen.

Hoffnungslos verlaufen im Frankenwald

Die Lutherweg-App „Luther to go“ gibt wertvolle Tipps und Infos und hilft, auf dem richtigen Wanderweg zu bleiben. 

Beim Wildbergcafe in der Nähe von Tettau erscheinen die Lutherwegweiser plötzlich in Handschrift. Botschaft und Richtung − etwas ungenau. Doch wenn mir die „behördlichen“ Wegweiser keine andere Richtung weisen, gehe ich einfach geradeaus. Nach mehreren Kilometern landen wir so allerdings nicht auf dem Sattelpass, sondern im Sattelgrund! Und mir wird endlich klar: „Cornelius, wir haben uns verlaufen − und wir müssen den ganzen Weg wieder zurück!“ Der Hund erträgt stoisch mein Gejammer, ergeben bleibt er an meiner Seite, doch die richtige Fährte findet auch er nicht. Auf dem Rückweg bis zum Wildbergcafe, kein einziger Wegweiser, wie kann das sein? Der Wald bleibt ebenfalls stumm.

Zum Glück treffen wir auf dem Wildberghof nicht nur ein Pferd und zwei Ziegen an, sondern auch eine junge Frau; sie zieht sich Gummistiefel über und geht mit uns. Ich merke: „Aha, ich hätte über die Absperrung klettern müssen, rauf auf die Pferdekoppel, dann noch mal über einen Elektrozaun.“ Ab hier präsentiert sich der Lutherweg als schmaler Pfad, garniert mit Blaubeersträuchern. Und das alles ohne Wegweiser! Da hilft auch ein ausgeprägter Wanderinstinkt nicht mehr weiter. Später erfahre ich vom zuständigen Landratsamt: An der Wegführung wird sich was ändern! Hoffentlich.

Wie dazumal Luther: Über den Sattelpass nach Judenbach

Der Blaubeerpfad führt uns tatsächlich zum Sattelpass, den musste auch Luther überqueren auf seinen Wegen nach Heidelberg, Augsburg und Coburg. Durch den Ort Neuenbau geht es an der Straße entlang. Dann folgen noch etliche Kilometer Berg- und Talwanderschaft durch den Wald. Keine Menschenseele begegnet uns und die nassen Zehen reiben sich langsam wund in den Schuhen. Aber immerhin − die Ausschilderung stimmt.

Sehenswertes in Judenbach:
ev.-lutherische Kirche St. Nikolaus; Schlüssel im Pfarrhaus, Pfarrgasse 14
Multifunktionales Zentrum in der Ortsmitte mit kulturellen Angeboten und sanitären Einrichtungen für Pilger
Unterkunft: Hotel Gasthof Hüttensteinach bei Sonneberg, Tipp: Nicht das billigste Zimmer nehmen!
Die Strecke: viel Wald, aber auch Asphaltlauferei dabei. Etwa 14 km ohne Verlaufen.

Am späten Nachmittag steht er endlich vor uns, unser Sehnsuchtsort Judenbach! Hier übernachtete Martin Luther am 13. April 1518. Dieses Glück wird uns allerdings nicht gewährt; heute gibt es weder ein Gasthaus noch eine Pilgerherberge mehr in Judenbach, nur Ferienwohnungen. Wir müssen also noch mal etwa 5 Kilometer weiter zur Pension Hüttensteinach. Sechs Füße rufen laut: Oh nein! Doch da kommt der letzte Bus des Tages um die Ecke – und erweist sich als Retter vom Asphalt.


Ein Besuch im Lutherhaus

Am nächsten Morgen geht es noch einmal zurück nach Judenbach, wir wollen das falsche und das echte Lutherhaus sehen.

Von Judenbach nach Coburg

An diesem Morgen spüre ich es ganz deutlich in den knarzenden Knochen: Heute werden wir uns nicht verlaufen! Sicherheitshalber bringt uns nach dem Interview am Vormittag der Judenbacher Bürgermeister Albrecht Morgenroth zum ersten Lutherwegweiser, der steht nur wenige Meter entfernt von der Gemeindeverwaltung und weist uns den Weg: Auf geht´s nach Coburg!

Dort auf der Veste hat Martin Luther fast ein halbes Jahr verbracht, so lange wollen wir nicht in der fränkischen Stadt bleiben. Und beschlossen ist auch schon das: Zu Fuß gehen wir nur bis Sonneberg, dann weiter mit der Bahn nach Coburg. Die Sonne scheint, das macht auch den Füßen Mut in den noch immer nassen Wanderschuhen.

Sehenswertes in Sonneberg:
Evangelische Kirche St. Aegidien
Die Strecke: Von Judenbach nach Coburg: bis Sonneberg zu Fuß etwa 15 km, wunderbare Wald- und Wiesenwege, zuletzt über Straße; mit der Bahn dann nach Coburg in 30 Minuten, gute Verbindungen

Oben auf der Höhe erwarten uns weiße Bergkühe, dann geht es in den Wald hinein und beglückt stellen wir fest: Der Lutherweg ist hier super ausgeschildert! Auch auf dem matschigen Feldweg sind wir noch richtig, obwohl der Imker vor fleißigen Bienen warnt. Wir kommen durch Dörfer wie Jagdshof und Mönchsberg, zwischendurch sorgen lichte Laubwälder und weite Wiesen für beste Wanderlaune. Immer wieder öffnen sich neue Panoramen und damit die Frage: Wie heißen eigentlich die Berge in der Ferne? Gehören sie zu Thüringen oder zu Bayern? Egal, wir genießen die Rundumschau.

Eine letzte Etappe per Bahn

Aber nur bis es bergab geht. Da drücken die von der Nässe wunden Zehenspitzen hartnäckig gegen das Leder, kann es nicht endlich wieder bergauf gehen? Nein, das Tal ruft. Bald schon öffnet sich der Blick und die traditionsreiche Spielzeugstadt Sonneberg liegt vor unseren Füßen. Für den ehrgeizigen Lutherpilger bietet sich jetzt die St. Aegidienkirche als Sehenswürdigkeit an, wir steuern allerdings direkt dem Bahnhof zu. Schließlich hat sich Luther auch nicht in Sonneberg aufgehalten.

Sehenswertes in Coburg:
Auf der Veste
: Lutherzimmer mit „Hedwigsglas“, Bildnisse Luthers und seiner Frau, Lutherbüsten 
Im Schloss Ehrenberg: reformatorische Schriften
In der Innenstadt: St. Morizkirche, geöffnet Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 10-18 Uhr, So nach den Gottesdiensten bis 18 Uhr
Unterkunft: Hotel Garni Haus Gemmer, gute Lage in der Innenstadt

Bis wir den Bahnhof erreichen, müssen allerdings noch etwa vier bis fünf Straßenkilometer zurückgelegt werden. Zielstrebig eilen wir durch das kleine Städtchen, die Sonne sticht auf uns herunter, Autos lärmen vorbei. Cornelius ignoriert sogar kleine Dackel mit großer Klappe, auch er will jetzt einfach nur noch seine Fahrkarte zwischen den Pfoten halten.


Luthers Aufenthalt auf der Veste Coburg

Erhitzt und müde erreichen wir den Hauptbahnhof – mit der übermütigen Gewissheit: Heute haben wir uns nicht verlaufen!


Kommentare

Von Regina Koenig am .

Liebe Frau W.,
vielen Dank für Ihren netten Kommentar zu unserer Lutherwanderung! Eine mehrtägige Tour ist Cornelius bisher nicht gewandert, aber er ist als germanischer Bärenhund sehr lauffreudig. Eine schöne Entdeckung bei meiner Recherche: auch Luther war Hundeliebhaber und hat seinen "Tölpel" in den Tischreden humorvoll erwähnt. Gottes Segen für Sie!

Von Gertrud-Linde W. am .

Liebe Regina König, das ist eine tolle Idee und alle Achtung für Ihren Mut und Einsatz!! Als Hundefreund und -besitzerin kann ich mitfühlen. Aber ich hätte mir das nicht zugetraut. In Ihrem Alter evtl. mit einem so großen Hund schon. Aber die Bernhardiner sind sonst eher gemütliche Gesellen. Hat Ihr Cornelius vortrainiert? Sind Sie auch sonst schon mit ihm länger gewandert? Es ist eine beachtliche lebensnahe Berichterstattung , wo wir das Leben der Menschen zu Luthers Zeiten ganz neu sehen. mehr


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.