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Der Feind im Nachbarhaus

Gilbert aus Burundi hat die Wahl: Rache oder Versöhnung?

Ist es möglich, jemandem zu vergeben, der meine gesamte Familie auf dem Gewissen hat? Oder keinen Hass zu verspüren, wenn ich nur wegen meiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe diskriminiert werde? Vor diesen Fragen steht der 23-jährige Gilbert aus Burundi. Gilbert gehört der Volksgruppe der Tutsi an. Sie sind eine Minderheit in den afrikanischen Staaten Kongo, Burundi und Ruanda. Seit Jahrzehnten flammen blutige Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Hutu-Mehrheit immer wieder auf.

Kampf um die Macht

Dabei waren Hutu und Tutsi ursprünglich keine verschiedenen Ethnien, sondern soziale Schichten. Hutu waren ärmere Bauern, Tutsi die wohlhabenderen Viehzüchter. Ein sozialer Aufstieg war jederzeit möglich. Das änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Kolonialmächte. Diese gaben der Unterscheidung eine ethnische Bedeutung. Von da an wurde man als Hutu oder Tutsi geboren und starb auch als solcher. Die Tutsi wurden von den Kolonialmächten in verantwortungsvolle Positionen eingesetzt und regierten mit. Die Hutu hingegen waren für die Kolonialherren eine unterlegene und primitive Rasse.

Die Bevorzugung einer Minderheit schürte natürlich den Konflikt zwischen Hutu und Tutsi, der nach dem Abzug der Kolonialmächte hochkochte. Er gipfelte im Völkermord von Ruanda 1994. Auch der zwölfjährige Bürgerkrieg in Burundi von 1993 bis 2005 war ein Kampf zwischen beiden Gruppierungen.

Eine endlose Gewaltspirale?

Gilbert war zu Beginn des Bürgerkriegs in Burundi ein Baby. Eines Tages überfielen die Nachbarn seine Familie und ermordeten alle Familienangehörigen. Nur den Säugling verschonten sie. Gilbert überlebte, weil seine Verwandten ihn aufnahmen. Als er älter wurde, erzählten sie ihm vom Schicksal seiner Familie. Viele Betroffene reagieren in dieser Situation mit Rache: Die Täter sollen nicht ungestraft davonkommen. Auf Angriffe folgen Gegenangriffe, der Kreis der Beteiligten weitet sich immer mehr aus. Eine endlose Gewaltspirale.

Unser Radiopartner TWR in Burundi will diesen tödlichen Kreislauf durchbrechen. Seit zwanzig Jahren rufen die Mitarbeiter in Radiosendungen dazu auf, untereinander Frieden zu halten. Ein vergebliches Unterfangen? Radiochefin Rachel Muhorakeye sieht das anders. Sie ist überzeugt, dass die Versöhnungssendung im Leben von Einzelnen Großes bewirkt: „Wir hören immer wieder von Menschen, die durch unsere Sendung den Hass in ihrem persönlichen Umfeld überwunden haben. Wir vermitteln unseren Hörern: Gott kann euch helfen, gute Beziehungen aufzubauen und in Frieden mit euren Mitmenschen zu leben.“

„Ich verzichte auf Rache“

Bei Gilbert ist diese Botschaft angekommen. Er hat Rachel und ihrem Team erzählt, wie seine Geschichte weitergegangen ist: „Vor einiger Zeit sagten meine Freunde zu mir: ‚Zeig uns, wer deine Familie umgebracht hat, dann können wir sie rächen.‘ Ich kannte die Täter, denn sie lebten in meiner Nachbarschaft. Aber ich hatte euer Programm über Frieden und Versöhnung gehört. Deshalb sagte ich zu meinen Freunden: ‚Nein, ich verzichte auf Rache. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Frieden im Herzen zu haben.‘ Die Mörder meiner Familie kamen schließlich einige Jahre ins Gefängnis, aber damit hatte ich nichts zu tun. Nach ihrer Freilassung besuchten sie mich. Sie entschuldigten sich und baten mich um Vergebung. Mit Gottes Hilfe konnte ich diesen Schritt tatsächlich tun. Denn Gott hat mich innerlich heilgemacht. Heute sind wir gute Freunde. Und ich habe erkannt, dass Vergebung der Schlüssel zu Frieden und guten Beziehungen ist.“

Rachel und ihr Team haben mit den Versöhnungssendungen verhindert, dass Gilbert Gewalt mit Gegengewalt beantwortet. Und ihre Mission ist weiterhin wichtig, denn seit etwa einem Jahr haben die Spannungen in Burundi wieder deutlich zugenommen. Fast täglich sterben Menschen durch Kampfhandlungen. Rachels Team geht nur noch zu bestimmten Zeiten auf die Straße und meidet große Menschenansammlungen. Die Mitarbeiter machen sich große Sorgen: „Was wir sehen, ist wirklich beängstigend. Wir müssen die Reichweite unserer Arbeit vergrößern, damit wir noch mehr Menschen zum Frieden aufrufen können.“

ERF Medien unterstützt die Arbeit von TWR in Burundi seit vielen Jahren. Die Gewalt ist dadurch nicht beendet. Aber im Kleinen hat der Frieden bereits begonnen – so wie bei Gilbert.  


Kommentare

Von Sylvia R. am .

Dein Artikel macht Hoffnung, dass eine Änderung der Situation möglich ist!

Von Ulrich W. am .

Ein sehr mutmachender und wertvoller Beitrag! Vielen Dank.


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