Versöhnungsgeschichte

„Mein Freund, der Attentäter“

Harvey Thomas traf den Mann, der ihn umbringen wollte.

„Ich bin ein Heuchler“, durchfuhr es Harvey Thomas plötzlich, als er auf der Kanzel stand. Der PR-Berater war von einer Kirchengemeinde als Gastredner eingeladen worden und predigte gerade über das „Vater Unser“. In dem bekannten Gebet aus der Bibel spricht Jesus davon, dass wir jenen Menschen vergeben sollen, die an uns schuldig geworden sind. Und Harvey Thomas wusste genau, dass er das nicht getan hatte. Er hatte Patrick Magee, dem Bombenleger von Brighton, niemals vergeben. Dem Mann, der ihn fast umgebracht hätte.

Der Terroranschlag

14 Jahre waren seit dem Anschlag vergangen. Damals, 1984, hatte er als Sprecher und Berater für die Regierung  der umstrittenen britischen Premierministerin Margaret Thatcher gearbeitet. Als Teil des Mitarbeiterstabs war Thomas mit ihr nach Brighton zu einem Parteitag der „Conservative Party“ gereist. Die Politikerin, die von vielen als die "Eiserne Lady" bezeichnet wurde, sollte am nächsten Tag, dem 12. Oktober, den Hauptvortrag halten. Thomas hatte mit ihr bis spät in die Nacht an der Rede gefeilt. Als um 2:54 Uhr morgens eine Zeitbombe im Hotel explodierte, befand er sich gerade in den Räumen über der Detonation. Sein Körper wurde durch die Decke geschleudert und dann stürzte Harvey Thomas drei Stockwerke nach unten, bis er in einem Stahlträger hängen blieb. Dann brach über eine Tonne Trümmer über ihn herab.

Der nordirische Aktivist und Mitglied der paramilitären Organisation IRA, Patrick Magee, hatte die Bombe gelegt. Der Anschlag war Teil einer Angrifsserie gegen die britische Regierung, die zu dem Zeitpunkt tief in den Nordirlandkonflikt verwickelt war. Die katholische Minderheit im Land war über Jahrzehnte hinweg durch die britische Regierung benachteiligt und unterdrückt worden: irgendwann hatten Aktivisten wie Magee keine Alternativen mehr gesehen, als sich durch Terror Gehör zu verschaffen. Besonders Thatcher galt als unerbittliche Gegenerin der katholischen Minderheit und ihr galt auch der Anschlag in Brighton. Sie wurde nicht getroffen, doch in der Explosion starben fünf Menschen, 31 wurden verletzt. Harvey Thomas überlebte wie durch ein Wunder: Die Feuerwehr hatte ihn rechtzeitig aus den Betontrümmern geborgen und ins Krankenhaus gefahren. Nach dem Anschlag versuchte er, in sein normales Leben zurückzukehren und die traumatischen Erfahrungen hinter sich zu lassen.

Eine ungewöhnliche Entscheidung

Jetzt, 14 Jahre später, holte ihn die Vergangenheit ein. Hier, auf dieser Kanzel, wurde ihm bewusst, dass er zwar viel über Vergebung sprechen konnte, aber es nicht wirklich in seinem Leben tat. Harvey Thomas glaubte schon lange an Gott. Als er damals lebensbedrohlich verletzt in den Trümmern des Brighton Hotels gelegen hatte, war ihm als erstes ein Gebet über die Lippen gegangen. Er hatte an seine hochschwangere Frau gedacht und an den Himmel. Doch all die Jahre war es ihm nie in den Sinn gekommen, dass Gott von ihm erwarten könnte, dem Attentäter zu vergeben. Nun aber spürte er, dass er eine Entscheidung zu treffen hatte. 

Also schaute Harvey Thomas die Menschen in der Kirche an und erklärte: „Ich werde nach Hause fahren und Patrick Magee schreiben, dass ich ihm vergebe.“ Eine Entscheidung mit Folgen. Denn aus dem einstigen Terrorist und seinem Opfer sollten im Laufe der nächsten Jahre Freunde werden.

Die Geschichte von Harvey Thomas und Patrick Magee im Video: