Bericht

Seelsorge hinter Gittern

Jutta Gildehaus betreut als Seelsorgerin die Häftlinge im ältesten Gefängnis Deutschland - der JVA Waldheim.

Wie viele Türen sie auf- und zuschließen muss bis zu ihrem Büro, das hat Jutta Gildehaus noch nicht gezählt. Viele sind es auf jeden Fall, denn ihr Schreibtisch steht an einem gut gesicherten Ort: in der Justizvollzugsanstalt im mittelsächsischen Waldheim. Seit 300 Jahren sitzen hier Männer ihre Strafe ab. Damit ist die JVA Waldheim das älteste Gefängnis Deutschlands. Jutta Gildehaus arbeitet hier als evangelische Gefängnisseelsorgerin. An ihrem Gürtel hängt ein riesiger Schlüsselbund und ein Funkgerät. „Man kann mich also jederzeit anfunken, wenn es zum Beispiel eine Nachfrage gibt oder man wissen will, wo ich gerade bin.“

Nicht ohne Schlüsselbund und Funkgerät

Gefängnisseelsorgerin Jutta Gildehaus (Bild: Regina König / ERF Medien)

Auch einen Notruf kann sie mit ihrem Funkgerät absetzen, schließlich sitzen in Waldheim auch Mörder und Sexualstraftäter ein. Aber bisher hat die Pfarrerin noch keine brenzlige Situation erlebt. Die Männer, die das Gespräch mit ihr suchen, erleben oft zum ersten Mal, dass ihnen jemand wirklich zuhört. Und viele packen dann aus. „Ich habe bisher noch niemanden erlebt, der eine schwere Straftat begangen hat und daran nicht schwer zu tragen hätte. Sie sind auf der Suche, wie sie mit der Tat weiterleben können“, so die Seelsorgerin.

Einmal pro Woche lädt Pfarrerin Gildehaus zu einem Gruppennachmittag ein, da kommt regelmäßig die Bibel auf den Tisch, manchmal wird aber auch ganz einfach gebastelt. Manche Männer entdecken erst in der Haft ihre Kreativität, erzählt sie. Vielleicht so wie Karl May. Vier Jahre lang war der berühmte Schriftsteller in Waldheim inhaftiert, wegen kleinerer Diebstähle und Hochstapelei. Kurz nach seiner Entlassung griff er zur Feder und ließ seine Helden Winnetou und Old Shatterhand durch die Prärie reiten. „Der hatte einiges auf dem Kerbholz und dazu eine blühende Phantasie. Aber das ist ja oft so: Menschen haben ganz unterschiedliche Gaben und Talente und wir versuchen hier in der Haft, das Gute zum Tragen zu bringen. Und am Ende ist das bei Karl May ja auch so gewesen.“

Taufe im Knast

Denn auch Karl May suchte in der Haft den Gefängnisseelsorger auf; in seinen Memoiren notiert der Schriftsteller: durch den katholischen Anstaltskatecheten habe er eine innere Wandlung erfahren.

Kehrtwendungen, die erlebt Pfarrerin Gildehaus auch heute noch hinter Gittern.. „Es gibt einen Häftling, der den Glauben neu entdeckt hat und den ich am Ostermontag zu meiner großen Freude taufen durfte. Aus Freude über Gott baut er jetzt Kirchenmodelle,“ berichtet sie. Nun stehen in ihrem Büro mehrere Kirchenmodelle.

Zu den Gottesdiensten im Gefängnis kommen etwa 20 bis 30 Männer. Andere besuchen die Gruppenstunde und noch mehr möchten das Angebot der persönlichen Seelsorge wahrnehmen, die Warteliste ist lang. Immer wieder erlebt Pfarrerin Jutta Gildehaus: In der Haft brechen Lebens- und Glaubensfragen auf, und so kann auch das Gefängnis zur Chance werden: „Immer wieder bekomme ich zu hören: ˏDraußen hätte ich niemals mit ihnen Kontakt aufgenommen. Und jetzt merke ich: das ist ja interessant und spannend.ˊ Wo das hinführt, vielleicht auch nach der Entlassung, das wissen wir nicht. Das weiß Gott allein.“


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