Interview Lesezeit: ~ 4 min

„Das sind Menschen wie du und ich“

Alexander Hirsch aus Marburg hilft gestrandeten Flüchtlingen auf der Insel Chios

Mehr als eine Million Menschen sind im vergangenen Jahr über das Mittelmeer nach Europa geflohen. Dabei gibt es fünf Hauptrouten. Eine davon führt auf die griechischen Inseln vor der türkischen Küste. Pastor Alexander Hirsch aus Marburg erzählt, warum er auf eine dieser Inseln zum Helfen gefahren ist. 

ERF Medien: Herr Hirsch, Sie hatten sich auf einen ruhigen Weihnachtsurlaub gefreut. Stattdessen sind Sie spontan für 10 Tage auf die griechische Insel Chios gereist, die Anlaufpunkt für viele Flüchtlinge ist. Wie ist es dazu gekommen?

Alexander Hirsch: Das frage ich mich auch. Das letzte Jahr über habe ich die Flüchtlingssituation mehr aus der Ferne verfolgt. Dann bin ich in der Lokalzeitung auf einen Zeitungsartikel von zwei Studentinnen gestoßen, die zum Helfen auf die Insel Lesbos gereist sind. Das fand ich beeindruckend. Ein paar Tage später hat mich sozusagen der Blitz aus dem Himmel getroffen, dass ich dachte: Ich muss da selbst hin. Am 28. Dezember bin ich losgefahren.

ERF Medien: Mit wem haben Sie vor Ort zusammengearbeitet?

Alexander Hirsch: Es gibt vor Ort kaum Organisationen. In einem Lager der UNO arbeiten ein oder zwei Hilfswerke. Ansonsten koordinieren unabhängige Freiwillige einen erheblichen Teil der Arbeit. Sie sammeln in ihrem Freundeskreis privat Spenden dafür. Über eine Facebook-Gruppe bin ich mit ihnen in Kontakt gekommen und habe gesagt, dass ich gerne helfen möchte. Sie haben mir dann die nächsten Schritte gewiesen.

ERF Medien: Wie sah Ihr Einsatz praktisch aus?

Alexander Hirsch: Ich bin über die Türkei nach Chios zu einer kleinen Ferienanlage gereist. Die Wirtin ist eine der Schlüsselpersonen in der Flüchtlingshilfe. Dort konnte ich günstig unterkommen. Auch haben sich die Freiwilligen jeden Tag dort getroffen, um die Aufgaben zu verteilen.

Ich habe viel Zeit im Kleiderlager verbracht und dort Kleidung sortiert und gebündelt. Man muss sich das einmal vorstellen: Die Flüchtlinge kommen auf kleinen, kaum seetüchtigen Booten die 8 Kilometer von der Türkei herübergefahren. Zum Teil fallen die Motoren vor Erreichen der Küste aus, oder die Menschen werden von den Schleppern über Bord geworfen. Das heißt: Die Flüchtlinge sind durchnässt und durchfroren. Deshalb fahren Freiwillige rund um die Uhr Patrouille an der Küste und halten Ausschau nach ankommenden Flüchtlingen. Das ganze Auto ist vollgepackt mit Kleidung, Rettungsdecken und Snacks, um dann sofort helfen zu können. Da bin ich zum Teil auch mitgefahren.

Das Schlauchboot als letzte Rettung

ERF Medien: Was ging in Ihnen vor, als Sie den Flüchtlingen persönlich begegnet sind?

Alexander Hirsch: Was mich am meisten bewegt hat, war zu sehen: Das sind Menschen wie du und ich. Das sind nicht irgendwelche Massen, sondern Familienväter, kleine Kinder, junge Männer und schwangere Frauen, die genauso gut bei uns im Bus oder im Büro sitzen könnten. Aber das Schicksal hat sie in die Not gebracht, dass sie ihre letzte Rettung in einem Schlauchboot suchen.

ERF Medien: Wie viel haben Sie über die Geschichte der Flüchtlinge erfahren?

Alexander Hirsch: In der Regel nur wenig, weil wir kaum Zeit zusammen hatten und es mit der Verständigung schwierig war. Ich habe nur herausgefunden, dass die meisten Leute aus Syrien und Afghanistan stammten. Aber eine Helferin hat mir von einem Gespräch mit einem 17-jährigen Syrer erzählt, das mich sehr bewegt hat. Der junge Mann sprach sehr gut türkisch, und die Helferin sagte: „Versuch doch, in der Türkei zu bleiben, dort kannst du vielleicht Arbeit finden.“ Er erwiderte: „Ich gehe nicht für mich. Ich gehe für meinen 13-jährigen Bruder, der mit eine Gruppe von Freunden vorausgegangen ist. In Athen wurde er überfallen und hat alles verloren. Jetzt sitzt er dort fest. Ich habe mich nur auf den Weg gemacht, um ihn in Sicherheit zu bringen. Dann gehen wir zurück nach Syrien.“

„Ich kann nicht mehr abstrakt über das Thema Flüchtlinge reden“

ERF Medien: Wie haben die Behörden auf Ihre Hilfe reagiert?

Alexander Hirsch: Die Kooperation ist im Grunde nicht schlecht. Aber es gab auch Momente, in denen unsere Hilfe nicht so gern gesehen wurde. Eines Nachts um 2 Uhr habe ich eine Gruppe Frauen und Kinder durchnässt vor der Polizeistation gefunden. Die Polizisten waren dabei, die Männer zu verhören. Sie dachten wohl, dass einer von ihnen der Schlepper ist. Wir haben für die wartenden Mütter und Kinder trockene Kleidung organisiert. Wir waren noch nicht fertig mit dem Austeilen, da wurde die Gruppe in einen Polizeibus gescheucht. Da hatte ich den Eindruck, wir stören gerade den Betriebsablauf.

ERF Medien: Wie geht es weiter mit den Flüchtlingen, die auf Chios landen?

Alexander Hirsch: Die Menschen kommen zuerst in ein Registrierungscamp. Das ist nicht mehr als eine heruntergekommene Industriehalle mit Betonfußboden und Durchzug. Immerhin wurden dort jetzt Heizpilze aufgestellt. Dort bleiben sie ein paar Stunden, bis sie in ein Camp der UNO gebracht werden. Das ist etwas besser ausgestattet, mit Feldbetten und Familienzelten. Dort warten sie dann auf die Überfahrt nach Athen, um von dort weiter durch Europa zu reisen. Die 6-Stunden-Fahrt mit der Fähre kostet 50 Euro. Dagegen zahlen die Menschen für die acht Kilometer mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Chios zum Teil 2000 Euro.

ERF Medien: Inwieweit hat dieser Einsatz Ihre Sicht auf die Flüchtlinge verändert?

Alexander Hirsch: Es ist noch persönlicher geworden für mich, es ist kein politisches Thema mehr, das weit weg ist. Sondern es geht um Männer und Frauen, um Väter, Söhne und Töchter. In einer Nacht sind drei Schwangere angekommen. Eine davon hat am Strand Wehen bekommen. Ich war selbst bei der Geburt meiner Söhne dabei, aber ich habe keine Vorstellung davon, wie schlimm das für eine Frau in so einer Krisensituation gewesen sein muss. Da kann man nicht mehr abstrakt über das Thema reden.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch.


Kommentare

Von Jaques L. am .

Liebe Redaktion,
Sie schreiben: "Wir würden vermutlich genauso versuchen, unsere Zukunft in einem sichereren und stabileren Land zu suchen." Lassen Sie den Konjunktiv weg, und Sie haben die aktuelle Situation. Immer mehr Deutsche wollen nur noch weg aus diesem Land. Es handelt sich um die etwas anderen Flüchtlinge, denn Deutschland ist ein Auswandererland. Allein im Jahr 2014 verließen nahezu 1 Mio Menschen Deutschland. Darunter viele Ärzte, Ingenieure und Forscher. Für Hochqualifizierte ist mehr

Von G. W. am .

...bei alledem dürfen wir bedenken, daß auch JESUS nicht alle Hungernden/Notleidenden und Kranken gerettet hat (materiell)
Weder wir noch Deutschland noch die EU können die Welt retten. Dass aber viel Inkompetenz mit dem Motte "wir schaffen das" im Spiel ist und Selbstüberschätzung und Delegierung an diejenigen, die am Ende sind/überfordert - das muß jetzt realisiert werden . Auch die Ausnahmesituation - der Notstand - mit diesen vielen Nichtregistierten in unserem Land... und den Tausenden noch nicht Abgeschobenen, die eigentlich weg sein sollten... Beweise genug, daß es erst mal genug ist.

Von Die Redaktion am .

Ich sehe da ehrlich gesagt keinen Zusammenhang. Wenn Flüchtlinge Kirchen plündern oder Frauen schänden, ist es völlig zulässig, das anzuprangern. Das gilt aber genauso für Menschen deutscher Herkunft. Da sollte man keinen Unterschied machen.
Dass diese Menschen gerade in einer extremen Notlage sind und leiden, ist Fakt. Dass man diesen Menschen helfen muss, darüber sollte eigentlich nicht erst diskutiert werden. Wir haben meiner Ansicht nach - gerade als Christen - eine Verpflichtung dazu. Eben mehr

Von Ernst R. am .

wenn sie eure Kirchen plunder und eure Frauen schänden, dann schreit ihr auf.
Natürlich sind das Menschen wie wir. Gibt es eine Kirche dort?


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