Allianzkonferenz 2015 Lesezeit: ~ 6 min

Mission, aber wie?

Authentisch und respektvoll, den eigenen Glauben vermitteln – 12 Tipps von Michael Diener.

Wie können Christen ihren Glauben glaubwürdig vermitteln und gleichzeitig Toleranz gegenüber anderen Religionen üben? Über diese Frage sprach der Vorsitzende der Evangelischen Allianz Michael Diener am letzten Freitag auf der 120. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg.

Seinen Vortrag baute Diener auf der Grundlage des Dokuments „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ auf. Diese Empfehlung zum Bekenntnis und Missionsverständnis von Christen wurde von der weltweiten evangelischen Allianz (WEA), dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) 2011 verabschiedet. Es enthält hilfreiche Hinweise dazu, wie man ein authentisches Christsein leben und zum Glauben einladen kann, ohne Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften vor den Kopf zu stoßen.

„Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche“

Doch wieso ist ein solches Dokument nötig? Dazu äußerte Michael Diener sich gleich zu Beginn seines Vortrages. Durch die Zunahme von Gewalt zwischen unterschiedlichen Religionen sei es notwendig, Haftung für das eigene religiöse Handeln zu übernehmen. Und zwar weil nicht-religiöse Menschen machen die Glaubwürdigkeit des Christentums und der Religionen allgemein daran festmachen, wie religiöse Menschen sich untereinander verhalten. Deshalb sei es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie man über die Botschaft des Glaubens spricht. Es brauche eine Ethik der Mission, so Diener.

Aber was heißt Respekt vor anderen Religionen? Bedeutet es, nicht mehr für die eigene Religion zu werben? Gegen dieses falsche Verständnis von Toleranz wehrt sich Michael Diener. Er ist überzeugt: „Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche.“ Aber Mission müsse im Respekt vor und der Liebe zu allen Menschen erfolgen. Das Dokument der Evangelischen Allianz soll in diesem Zusammenhang dazu ermutigen, die gegenwärtige Missionspraxis zu reflektieren und eigene Richtlinien für den Umgang mit Andersgläubigen zu erstellen.

Dialog ohne Zwang und Täuschung

Wichtig ist dem Vorsitzenden der Evangelischen Allianz in diesem Zusammenhang vor allem ein richtiges Verständnis von Mission. Er macht klar: „Nicht die Kirche und die Christen sind das Zentrum der Mission, sondern Gott. Gott ist Herr der Mission.“ Deshalb müsse sich die Art, wie Christen vom Glauben weitererzählen, immer an der Lebens- und Handlungsweise von Jesus orientieren. Hierbei solle man auch den Dialog mit anderen Religionen nicht scheuen. Dialog mit Andersgläubigen heiße nämlich nicht, deren Kultur und Religion als richtig anzuerkennen oder die Religionen miteinander zu vermischen, sondern erstmal nur, ins Gespräch zu kommen.

Hierbei warnt Diener explizit vor dem Gebrauch von Zwang oder Täuschung. Denn: „Eine Glaubensentscheidung ist eine Geschichte zwischen Gott und einem Menschen“, so der Vorsitzende der Evangelischen Allianz. Deshalb sollten sich Christen immer bewusst machen, dass eine Bekehrung letztlich Tun Gottes ist und hier weder auf sich selbst noch auf andere Druck ausüben.

„Menschen in Not allein zu lassen, ist unglaubwürdig für Christen“

Darauf aufbauend gibt Michael Diener zwölf Tipps für den Umgang mit Andersgläubigen. Seine ersten vier Tipps beziehen sich auf das allgemeine Verhalten als Christ. Es sei wichtig, erstens in Gottes Liebe zu handeln, zweitens im Lebenswandel dem Beispiel Christi zu folgen und drittens sich im konkreten Umgang auf christliche Tugenden der Demut und Nächstenliebe zu besinnen. Diener stellt die provokante Frage: „Gehen wir im Streit miteinander so um, wie es dem christlichen Glauben entspricht?“ Wenn Christen sich im Umgang mit anderen christlichen Konfessionen herablassend und arrogant verhielten, sei dies kein gutes Zeugnis für das Christentum. Michael Diener fordert hier zu Demut auf und stellt heraus: „Unsere Modelle haben alle Schwächen.“

Viertens sieht Diener Christen auch in der Verpflichtung, sozial gerecht zu handeln. Diener macht deutlich: „Menschen in ihrer Not allein zu lassen, ist unglaubwürdig für Christen.“ Daher ist seiner Ansicht nach die starke Trennung zwischen Mission und sozialem Dienst problematisch. Diener zeigt auf, dass Jesus Menschen heilte und speiste, während er ihnen gleichzeitig Gottes Wort verkündete. An diesem Vorbild sollten auch Christen sich orientieren. Dabei sei jeder selbst dafür verantwortlich, ob er seinen Glauben mehr durch Worte oder durch Taten bezeuge. Beides sei nötig, so Diener, und komme im Idealfall zusammen.

Religionsfreiheit gilt auch für andere

Anschließend wendet sich Michael Diener drei Problemfeldern zu, auf die Christen achten sollten. Sein fünfter Tipp bezieht sich daher konkret auf Heilungsdienste, mit denen Christen im Umgang mit Andersgläubigen verantwortlich umgehen sollten. Hier sei es wichtig, biblische Aussagen über die sogenannten Geistesgaben nicht zu verfälschen. Genauso wichtig sei es sechstens, Gewalt und Machtmissbrauch vorzubeugen. Diener warnt: „Geistlicher Missbrauch ist nicht nur ein Problem der anderen.“ Christliche Gemeinschaften, die sehr hierarchisch organisiert sind oder deren Glaubensformeln stark auf Regeln beruhen, stünden hier in einer besonderen Gefahr. Dem müsse man begegnen, um geistlichem Missbrauch keinen Vorschub zu leisten.

Ebenso wichtig sei siebtens der Einsatz für Religions- und Glaubensfreiheit. Christen müssten sich bewusst machen, dass dieser Grundsatz immer auch für andere Religionen gelte. Daher dürfe man die Religionsfreiheit von Muslimen in Deutschland nicht davon abhängig machen, ob Religionsfreiheit auch in muslimischen Ländern durchgesetzt wird. Denn das Recht auf Religionsfreiheit bestehe für alle Menschen unabhängig davon, wie in ihrer Heimatkultur mit dieser Frage umgegangen wird.

Respekt für Glauben und Kultur des anderen

Im Folgenden befasst sich Michael Diener in seinen letzten fünf Tipps damit, wie der direkte, respektvolle Umgang mit anderen Glaubensrichtungen aussehen sollte. Als achten Tipp empfiehlt er in diesem Zusammenhang Respekt und Zusammenarbeit mit allen Menschen. Seine Erfahrung sei: „Menschen, die glauben, dass es einen Gott gibt, gehen mit vielen Lebensfragen ähnlich um.“ Daher sollten Christen sich nicht scheuen, mit Muslimen an einem Strang zu ziehen, wenn es um gemeinsame Werte gehe. Ebenso sollten neuntens Christen Respekt für die kulturellen Eigenheiten anderer Religionen üben, auch wenn sie einige kulturelle Eigenheiten kritisch sehen. Man müsse dabei bestimmte kulturelle Aspekte nicht gutheißen, aber solle sie dennoch erstmal akzeptieren.

In seinem zehnten Tipp fordert Michael Diener daher zu einer aufrichtigen und respektvollen Sprache über andere Religionen auf. Wenn man mit Menschen anderer Glaubensrichtungen in Kontakt käme, lohne es sich „genau hinzuschauen“, so Diener. Denn: „Wir müssen davon ausgehen, dass dieser Mensch genauso für seinen Glauben brennt wie wir für unseren.“ Deswegen sei es wichtig, gut zuzuhören, wenn der andere von seinem Glauben erzählt. In diesem Zusammenhang weist Michael Diener ganz klar die Vorstellung zurück, dass Interesse für den Glauben des anderen Verrat am eigenen Glauben sei. Es sei vielmehr Demut, den Glauben des anderen nicht schlechtzumachen, um ihn für die eigenen Überzeugungen zu gewinnen.

Vorurteile, Angst und Scheu abbauen

Die persönliche Ernsthaftigkeit und die Bereitschaft zum Aufbau interreligiöser Beziehungen sind seine letzten beiden Punkte. Denn das Problem sei immer noch, dass Christen zwar viel über Muslime redeten, aber nur wenige Christen mit ihnen. Ein besonderes Problem sei hier, alle Muslime in eine Schublade zu stecken. „Genauso wenig wie ich mich mit einem christlichen Kreuzfahrer identifiziere, kann man Muslime einfach mit dem IS gleichsetzen.“ Zwar sei es ein Fehler zu behaupten, der Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun, doch es gebe keinen Grund, alle Muslime in diese Schublade zu stecken, so Diener.

Eine solche Einordnung sei weder von Gottvertrauen noch von Nächstenliebe geprägt, sondern allein von Angst. Insgesamt stelle übermäßige Angst in diesem Zusammenhang ein großes Problem dar. Viel hilfreicher wäre es, die eigene religiöse Identität zu stärken als sich aus Angst von anderen Religionen abzugrenzen. Dass es dabei aber nie um Gleichmacherei gehe, machte Michael Diener in der anschließenden Diskussionsrunde deutlich. Da bekannte er freimütig: „Das Gottesbild im Islam und im Christentum unterscheidet sich gravierend.“

Gleichzeitig fand Diener aber auch anerkennende Worte dafür, dass der Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm im Kuratorium des geplanten Münchner Islamzentrums mitarbeite. Aus seiner persönlichen Sicht könne man diese Entscheidung auch anders treffen, aber Bedford-Strohms Handeln sei „nicht vollkommen unchristlich.“ Das Verdammungsurteil mancher christlicher Gruppen könne er nicht verstehen, so Diener.


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.