Porträt

Der gezähmte Löwe

Wie Jesus aus dem Massai-Krieger Leida einen neuen Menschen macht. Ein Porträt

Leida bei seinem Besuch in Deutschland. Bild: L. Rühl / ERF Medien

Fast würde Leida in Deutschland nicht auffallen. Als ich ihn kennenlerne, trägt er eine Jeans, ein gestreiftes Hemd und braune Lederschuhe. Ein Kleidungsstück macht allerdings auf ihn aufmerksam: Das knallig rote Tuch, das er sich umgehängt und am Rücken zusammengebunden hat. Als ich ihn länger ansehe, fallen mir auch die länglichen Löcher in seinen Ohrläppchen auf. Aber dass Leida ein ganz anderes Leben kennt; dass er zum Krieger ausgebildet und gegen Löwen gekämpft hat, sieht man ihm auf den ersten Blick natürlich nicht an. Leida kommt aus Tansania und ist ein Massai. Unter den Massai ist er jedoch ein Exot: Leida ist nämlich Christ.

Leida vs. Löwe

Leida ist im Norden Tansanias in einer traditionellen Massai-Familie aufgewachsen. Sein Vater hat sechs Frauen, Leidas Mutter ist seine vierte Frau. Mit ihr hat der Vater zwei Töchter und drei Söhne; Leida ist ihr jüngster Sohn. Wie die meisten Massai lebt die Familie von der Viehzucht. Leidas Aufgabe ist es, die Kühe hüten. Als er sieben Jahre alt ist, öffnet in seinem Dorf eine Schule ihre Pforten. Obwohl seine Eltern ihn nicht zur Schule gehen lassen wollen, haben sie keine Wahl – es herrscht Schulpflicht in Tansania.

Nach seinem Schulabschluss wird Leida zum Krieger ausgebildet. Die Massai erleben immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen mit  Nachbarvölkern. Grund dafür ist oft ihr Glaube: Die Massai gehen davon aus, dass ihr Gott Engai ihnen alle Rinder auf der Welt geschenkt hat. Besitzt ein anderes Volk Rinder, ist das unrechtmäßig und ein Massai darf sie „zurückholen“ – wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Die besonders tapferen Krieger kämpfen aber nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Löwen. Früher musste ein Mann einen Löwen besiegen, um zu beweisen, dass er als mutiger Mann seinen Stamm verteidigen kann. Auch wenn diese Tradition mit der Zeit verblasst ist, reizt Leida der Löwenkampf. Anfangs sind seine Kämpfe immer gut ausgegangen. Leida fühlt sich selbstsicher und stark. Doch dann erwischt ein Löwe ihn.

Leidas Versprechen

Leida ist plötzlich starr vor Schreck. Der Löwe reißt sein Maul auf. Leida schaut weg; er kann nicht mit ansehen, was jetzt passieren wird. Die langen Eckzähne bohren sich in sein Fleisch. Leida gestikuliert wild, als er diese Erfahrung erzählt. Ich höre gebannt zu und traue mich kaum zu atmen. Leida beschreibt, wie er dem  wilden Tier schutzlos ausgeliefert ist. „Was mache ich eigentlich hier?“, hallt es in Leidas Kopf. „Gott, wenn ich nicht sterbe, höre ich mit dem Löwenkampf auf“, verspricht er. Glücklicherweise sind Leidas Freunde bei ihm. Sie können ihn aus den Fängen des Raubtiers befreien. 

Leida (links) mit seinem Bruder. Bild: Privat

Leida wird wieder komplett gesund. Auch wenn er wieder in der Lage ist zu kämpfen, nimmt er sein Versprechen ernst. Das ist für Leida aber kein Grund, auch auf Viehdiebstahl zu verzichten. Das sieht seine Mutter anders: Als ihr jüngster Sohn wird er sie eines Tages versorgen müssen. Sie braucht ihn. Lebendig. Als Leidas Freunde bei einem Viehdiebstahl sterben, beginnt er seinen Lebensstil zu hinterfragen.

Wie führt man ein anderes Leben?

Doch wie soll Leida es schaffen, sich von diesen gefährlichen Traditionen fernzuhalten? Wie kann er aus den vorgegebenen Strukturen herausbrechen und ein gutes Leben führen? Leida muss sofort an die wenigen Christen in seiner Gegend denken. Eigentlich mochte er Christen nie. Aber sie sind ihm schon mehrmals aufgefallen – sie halten sich nämlich von Viehdiebstahl und Löwenjagd fern.

Leida fragt sich, ob er sich bei Christen Hilfe suchen kann. Er weiß nicht so recht. Allein der Gedanke, von anderen Massai mit einem Christen gesehen zu werden, beschämt ihn. Also entschließt er sich, die 20 Kilometer entfernte christliche Gemeinde im Schutz der Dunkelheit aufzusuchen. Dort erzählt er einem Christen sein Problem. Seine Mutter hat Angst um ihn. Sie glaubt ihm nicht, dass er sich von den gefährlichen Kämpfen fernhalten wird. Aber Leida ist doch entschlossen, sein Leben zu ändern. Deswegen bringt er seine Fragen auf den Punkt: „Wie kann ich Christ werden? Wie kann ich Böses lassen?“

Ein neues Kapitel beginnt

Der Christ hört ihm zu und versteht seinen Wunsch. Und zeigt ihm eine neue Perspektive auf: Mit Jesus ist ein Neuanfang möglich! Leida schöpft Hoffnung und entscheidet sich für ein Leben mit Jesus. Zuhause angekommen freut sich seine Mutter einerseits über Leidas Entscheidung, ein anderes Leben führen zu wollen. Aber deswegen gleich Christ werden?! Die Dorfältesten stellen Leida vor die Wahl: Entweder spricht er sich vom christlichen Glauben los oder er kann nicht in der Dorfgemeinschaft bleiben. Leida entscheidet sich für seinen neugewonnen Glauben. Während Leida das ganz sachlich erzählt, fällt mir fast die Kinnlade runter. Massai leben in Familienstrukturen und versorgen sich gegenseitig. Der Entschluss fortzugehen, muss schwer gewesen sein. Doch Leida ist sich sicher: „Gott wird mich versorgen.“

Die Stiftung „Hand in Hand – Hilfe für Afrika und Dienst am Nächsten“ wurde von Christine Lauterbach und Ulrike Keulertz im Jahr 2012 gegründet. Beide Frauen haben schon jahrelang in Tansania gelebt und gearbeitet – und ein Herz für die Massai entwickelt. Im Rahmen ihrer Stiftung bilden sie Christen für die Mitarbeit in Missionsprojekten aus, führen (Kinder-)Gottesdienste durch, bauen eine christliche Grundschule auf und unterstützen Menschen in Armut. Hier erhalten Sie mehr Informationen über „Hand in Hand“.

Ein neues Kapitel in Leidas Leben beginnt. Und das ist ebenso spannend wie das Leben als Krieger: Leida lernt Jesus und andere Christen kennen. Außerdem gründet er eine Familie. Er sucht sich eine christliche Frau – für Massai ist es eher ungewöhnlich, dass nicht die Eltern den Partner wählen – und sie bekommen drei Töchter. Gott hat aber noch weitere Pläne mit Leida: Er lernt Christine Lauterbach und Ulrike Keulertz aus Deutschland kennen. Die beiden Frauen leiten die Stiftung „Hand in Hand – Hilfe für Afrika und Dienst am Nächsten“. Gemeinsam stellen sie Projekte auf die Beine, um den Massai Jesu Liebe näherzubringen. Außerdem laden sie immer wieder Massai nach Deutschland ein, damit sie über ihre Kultur zu berichten. So kommt es, dass Leida auch zum ERF nach Wetzlar kommt und erzählt, wie Jesus die Massai nach und nach erreicht und ihr Leben verändert. So wie seins. Nach der Deutschlandreise geht es für den Massai zurück nach Tansania in sein Heimatdorf – denn mittlerweile haben sich die Dorfältesten mit ihm versöhnt.  


Hören Sie hier einen Beitrag von ERF Plus: "Hand in Hand mit den Massai"


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