Kommentar

Zwang zur Toleranz?

Warum wir daran festhalten dürfen, dass Jesus die Wahrheit ist. Ein Kommentar

Pluralismus scheint das Wort unserer Zeit zu sein. Oder vielleicht doch das Unwort unserer Zeit? Ob dieser gesellschaftliche Wandel positive oder negative Folgen auf den Menschen hat, diskutieren nicht nur Sozialwissenschaftler, sondern auch Theologen. In der pluralistischen Gesellschaft existieren nämlich viele Religionen eng nebeneinander – und häufig auch miteinander vermischt. Wie sich diese Entwicklung auf das Christsein auswirkt? Der US-amerikanische Soziologe und Protestant Peter L. Berger setzt sich schon seit Jahren mit Religion in der pluralistischen Gesellschaft auseinander. Er sieht in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte eine große Chance für den Glauben.

Pluralismus bezeichnet die Vielfalt von Weltanschauungen, Lebensarten und Interessen in einer Gesellschaft. Hier kommen Sie zum Wikipedia-Artikel.

Der religiöse Markt kennt keine Grenzen

Entgegen vieler soziologischer Kollegen ist Berger nämlich überzeugt: Pluralismus ist nicht gleichzusetzen mit der Abkehr von Religion. In nahezu allen Teilen der Welt – einzige Ausnahme: Westeuropa – boomt das religiöse Leben. Es sieht lediglich anders aus als vor wenigen Jahrzehnten. Früher hat das Elternhaus über den Glauben bestimmt: Man wurde in eine Religion hineingeboren, an die es sich zu halten galt.

Heute hat man in demokratischen Ländern die Wahl: Glaube ich an Gott und wenn ja, an welchen? Der Religion sind heute keine Grenzen mehr gesetzt, weder geographisch noch sozial.  Jeder bestimmt – zumindest im Regelfall – selbst, wie das persönliche Glaubensleben aussieht. Der religiöse Markt bietet noch ganz andere Angebote als den Glauben seiner Eltern. Neben den monotheistischen Religionen sind auch fernöstliche Glaubensrichtungen zu finden. Oder wie wäre es mit einer „Mach’s-dir-selbst-Mentalität“: Man greife sich aus allen Religionen ein paar nette Impulse heraus und voilà: Der eigene Glaubenscocktail ist gemixt.

Die Folgen: Freiheit und Zweifel

Diese zeitgeschichtliche Entwicklung hat durchaus positive Effekte. Zum Beispiel Freiheit! Ich kann entscheiden, ob ich glaube und wie ich meinen Glaube lebe. Mir wird nichts übergestülpt; ich setze mich mit existenziellen Fragen auseinander und finde Antworten. Wenn ich neue Erkenntnisse gewinne, stelle ich meinen Glauben auf den Prüfstand und korrigiere ihn gegebenenfalls.

Das klingt schön und gut. Aber ist alles positiv am Pluralismus? Nein, sagt Peter L. Berger entschieden. Da viele andere Angebote neben dem eigenen Glauben existieren, hinterfragt man seinen Glauben immer und immer wieder. Die dadurch aufgeworfenen Zweifel können dem Einzelnen an die Nieren gehen. Der Soziologe ist sich sicher, dass immer ein Rest Zweifel übrig bleibt – egal, für welchen Glaube man sich entscheidet.

Ist jeder Glaube dann richtig?

Weil in einer pluralistischen Gesellschaft jeder seinen eigenen Glauben hat, ist es nichts Besonderes mehr, dass der Nachbar anders glaubt. Ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist das der Toleranz. Eine pluralistische Gesellschaft muss tolerant sein, sonst funktioniert das Nebeneinander von Religionen nicht. Ich muss akzeptieren, dass nicht jeder glaubt wie ich. Und im Umkehrschluss möchte ich, dass andere meinen Glauben akzeptieren.  

Aber bedeutet das auch, dass ich jeden Glauben für richtig halten muss? Dass Glaube eben Glaube ist, egal woran und wie er sich äußert? Darf ich überhaupt noch überzeugt sein, dass nur mein Glaube rettet? Hier spalten sich die Meinungen – auch in kirchlichen Kreisen. Denn der pluralistischen Gesellschaft widerstrebt es, einen solchen Absolutheitsanspruch zu tolerieren. Toleranz gibt es für alles und jeden – nur nicht für den, der meint, er habe die Wahrheit gefunden.

Jesus und sein Absolutheitsanspruch

Wie man als Christ mit dieser Spannung umgehen kann, lässt Peter L. Berger offen. Darf man an Jesu Anspruch, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein (Johannes 14,6), in einer pluralistischen Umgebung überhaupt noch festhalten? Jesus würde auch heute trotz Toleranz-Indoktrination für diese Aussage von Medien und Öffentlichkeit durch Shitstorms und Steine zerfetzt werden. Der pluralistische Gedanke legt nämlich nahe, alle Glaubensrichtungen als gleichwertig anzusehen. Jesu Aussage zeigt deutlich: Er macht das nicht.

Wie verhalte ich mich also als Christ in einer pluralistischen Gesellschaft? Wenn Jesus an seinem Absolutheitsanspruch festhält, dürfen und sollen auch wir an seinem Anspruch festhalten. Er ist die Wahrheit – aber nicht wir. Wir glauben an ihn und nehmen ihn zum Vorbild. Trotzdem: Wir können mit unseren Auslegungen von Jesu Verhalten und Lehre manchmal ganz schön daneben liegen. Im Laufe unseres Christseins kommen wir immer wieder zu neuen Erkenntnissen und hinterfragen, was wir zuvor geglaubt haben. Das ist eine gute Lektion, die uns der Pluralismus lehrt: Es ist notwendig, zu hinterfragen.

Und dennoch dürfen wir überzeugt sein, in Jesus die Wahrheit gefunden zu haben. Durch den Glauben an ihn ist die Wahrheit in uns verwurzelt. Wir sollten allerdings nie vergessen, wie die Wahrheit – also Jesus – mit Menschen umgegangen ist, die einen anderen Glauben oder einen anderen Lebensstil hatten: Voller Liebe, Gnade und Mitgefühl. Jesus stand für seine kompromisslose Aussage ein und trug die Konsequenzen dafür. Doch selbst die Wahrheit in Person stülpte niemandem ihren Glauben über. Und das ist die Lektion, die Jesus uns in der pluralistischen Gesellschaft lehrt.  


Kommentare

Von schneckchen am .

Ich danke sehr für ihre Worte.
Lieben Gruss.

Von Gast am .

Nun. Wie haben es die ersten Apostel gemacht?
Jesus selbst ist fort gegangen wo er nicht willkommen gewesen ist.

Von Renate am .

Danke für diesen guten Kommentar! Ja, wir dürfen und müssen als Nachfolger Jesu an IHM, als dem Weg, der Wahrheit und dem Leben festhalten, müssen aber diejenigen, die das nicht so sehen, mit ihrer Sicht und Lebensweise respektieren und stehen lassen.


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