Interview

Gott, mein bester Freund

Mit Gott wie mit einem Freund reden? Teresa von Ávila machte es vor.

Mit 20 Jahren tritt sie ins Kloster ein – aus Angst vor der Hölle und der Ehe. Teresa von Ávila sehnt sich nach einem möglichst selbstbestimmten Leben und leidet zunehmend unter den strengen Ordensregeln. Sie wird schwerkrank und leidet unter depressiven Phasen. In ihrer Mutlosigkeit hat sie eine Erkenntnis, die ihr weiteres Leben verändert: Man kann mit Gott reden wie mit einem Freund. Motiviert von dieser Erkenntnis gründet sie gegen den Widerstand der Kirche zahlreiche Klöster – als Orte des Gebets. Heute – 500 Jahre später gilt Teresa von Ávila als größte Mystikerin des Christentums. Ihre Schriften sind immer noch Bestseller und in der katholischen Kirche wird sie als Heilige verehrt. Pater Ulrich Dobhan ist Provinzial der Unbeschuhten Karmeliten in Deutschland, des von Teresa gegründeten Ordens. Im Interview erklärt er, worin Teresa von Ávila in Bezug auf den Glauben heute ein Vorbild sein kann.

Pater Ulrich Dobhan fasziniert das Leben von Teresa von Ávila. (Bild: ERF Medien)

ERF Online: Teresa von Ávila wird als eine der bekanntesten Mystikerinnen überhaupt bezeichnet. Was versteht man unter einem Mystiker?

Pater Ulrich Dobhan: Ein Mystiker ist ein Mensch, der ‒ ganz allgemein gesprochen ‒ in sich das Wirken Gottes verspürt. Er erlebt eine Kraft, die nicht von ihm selbst kommt und von der er nicht weiß, woher sie genau kommt. Das bezeichnet Teresa von Ávila als mystische Erfahrung. Und diese Gotteserfahrungen beschreibt sie in ihren Texten mit schönen, eindrücklichen Bildern.

Natürlich stellt sich bei solchen Erfahrungen die Frage, ob man sich das vielleicht nur einbildet oder einredet. Um das zu erkennen, kommt es dann auf die Auswirkungen im Alltag an. Wenn die Auswirkung meiner Gotteserfahrung Nächstenliebe ist, deutet das darauf hin, dass meine Erfahrung echt ist. Bei Teresa können wir feststellen, dass ihre mystischen Erfahrungen ihr eigentlich immer halfen, ihren Alltag zu bewältigen, so wie er sich dargestellt hat. Sie hat Schwierigkeiten weder gesucht noch ist sie ihnen aus dem Weg gegangen. Im Grunde hat sie immer durchgesetzt, was sie gewollt hat.

Das eigene „Ich“ erkennen und vor Gott bringen

ERF Online: Schon zu Lebzeiten war Teresa von Ávila eine kleine Berühmtheit. Wofür genau wurde sie verehrt?

Pater Ulrich Dobhan: Ihre Zeitgenossen spürten, dass sie in vielfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Frau war. Sie besaß Tatkraft, Witz und Ironie. Außerdem hatte sie die Begabung, das, was sie innerlich erlebte, in Worte zu fassen. Das hat die Menschen beeindruckt. Außerdem waren die Klöster, die sie gegründet hat, ja sichtbar. Am Ende ihres Lebens waren es siebzehn Frauenklöster und zwei Männerklöster. Diese Klöster waren ein Zeugnis ihres Wirkens. Des Weiteren stand sie mit vielen Menschen durch aufbauende und trostspendende Briefe in Kontakt. So ist sie den Menschen auf ihre besondere Weise nahe gekommen. Hinter den manchmal sehr heroischen Erzählungen ist sie eine sehr sympathische Heilige: Nicht arrogant und nie verbittert, obwohl sie viele Enttäuschungen hat hinnehmen müssen.

ERF Online: In Hingabe und Nächstenliebe gibt es durchaus auch andere Heilige, die ihr gleichen. Was ist denn das Besondere an Teresa von Ávila?

Pater Ulrich Dobhan: Teresa von Ávila ist eine der ersten Frauen in der Geschichte, die ganz klar und eindeutig über sich selbst schreibt. In ihrer Autobiographie schreibt sie Dinge wie „Ich habe erlebt“. Sie hat also dieses „Ich“ ein Stückweit entdeckt, das uns Menschen heute so wichtig ist. Aber damals war es etwas Besonderes, wenn man aus seinem eher anonymen Dasein heraustritt und bekennt: „Ich habe einen Wert vor Gott. Ich bin von Gott geliebt ‒ so wie ich bin.“ Dieses Selbstbewusstsein drückt sich auch in der Art und Weise ihres Betens aus, des sogenannten inneren Betens.

Beten ist nichts anderes als das Zusammensein mit einem Freund, von dem ich weiß, dass er mich liebt.

ERF Online: Was genau bedeutet „inneres Beten“?

Pater Ulrich Dobhan: Es bedeutet, dass ich mir klar mache, wer bin ich mit allem, was zu mir gehört. Dazu gehört auch, nichts zu verdrängen und auch Unangenehmes vor sich selbst zuzugeben. Ein zweiter Schritt ist dann zu sagen: So ‒ wie ich mich jetzt wahrnehme; wie ich jetzt bin ‒ so liebt mich Gott. Aus Erfahrung wissen wir, dass ein Mensch, der sich als geliebt erlebt, Kraft hat und sich stark fühlt. Er wird immer mehr er selbst und kann auch seine Fehler zugeben und wachsen. Wenn aber Angst da ist, kann man das nicht. Und das ist etwas, was ganz typisch für Teresa war und sie unterscheidet von dem, was damals in Kastilien in den Orden als Reformidee üblich war. Denn dort haben Reformatoren Menschen fast schon dazu gezwungen, Buße zu tun, sich zu geißeln und zu fasten, also rigorose Bußübungen auszuüben. Das hat sie nicht ganz vermieden, aber sie hat es sehr zurückgedrängt. Ihr waren Sanftheit, Milde und Verständnis viel wichtiger. Sie hat versucht, jedem Menschen als Person gerecht zu werden.

Nur Gott füllt den Menschen aus

ERF Online: In einer Zeit, in der viele Menschen Angst vor Gott und der Hölle hatten, war Gott für Teresa von Ávila wie ein Freund. Wie kam sie zu dieser Erkenntnis?

Pater Ulrich Dobhan: Teresa hat als Kind wie alle ihre elf Geschwister lesen und schreiben gelernt und war eine begierige Leserin. Was sie unter die Finger bekam, hat sie gelesen, und so wusste sie vom Jesus der Evangelien. Denn auch wenn sie wahrscheinlich keine Bibel in spanischer Sprache hatte, gab es doch einzelne biblische Geschichten und Heiligenlegenden in spanischer Sprache. Teresa hat vor allem die Geschichte von Jesus im Ölberg berührt. Diese Szene hat sie sich immer wieder vorgestellt und sich gesagt: „Wenn Jesus da so alleine leidet, wird der froh sein, wenn ich zu ihm hingehe und ihn tröste.“ Dadurch hat sie ihre Angst verloren und in Jesus auch den Menschen Jesus gesehen. Wie also erkannte sie, wie Gott ist? Durch den Menschen Jesus Christus. Wir haben heute auch keine bessere Antwort.

ERF Online: Ein Satz aus ihrem bekanntesten Gedicht heißt: „Gott allein genügt.“ Wie würden Sie diesen Satz in die heutige Zeit übersetzen?

Pater Ulrich Dobhan: Im spanischen heißt das: „Sólo dios basta“. Das „Sólo“ hat einen Akzent und ist ein Adverb und kein Adjektiv. Darum ist die korrekte deutsche Übersetzung: „Gott nur genügt“ oder „Nur Gott genügt“. Das bedeutet: Alles andere ist ungenügend, alle materiellen Werte sind letzten Endes ungenügend. Denn der Mensch hat so ein so großes Herz und so große Sehnsüchte, dass nur Gott ihn ausfüllen kann. In diesem Sinne meinte sie diesen Satz. Und im gleichen Zusammenhang gibt es auch einen wunderbaren Satz von Johannes vom Kreuz, der lautet: „Ein einziger Gedanke des Menschen ist mehr wert als die ganze Welt; deshalb ist nur Gott seiner würdig.“ Denn alles Materielle ist unter dem Niveau des Menschen und füllt ihn letztlich nicht aus, so anspruchsvoll ist er.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


Noch mehr zu Teresa von Ávila erfahren Sie in einem kurzen Fernsehbeitrag von "Gott sei Dank":

 

Jetzt kaufen

Das Buch meines Lebens

Das Buch meines Lebens

Autor:
von Avila, Teresa
Art:
Kartoniert, 664 S.
Preis:
16,99 EUR

zum Shop Mit einer Bestellung in unserem Shop unterstützen Sie die Arbeit von ERF Medien.

Teresa von Ávila

Teresa von Ávila

Die Biographie

Autor:
Prinz, Alois
Art:
gebunden, 265 S.
Preis:
22,95 EUR

zum Shop Mit einer Bestellung in unserem Shop unterstützen Sie die Arbeit von ERF Medien.

Liebe Teresa

Liebe Teresa

Briefwechsel mit einer unbequemen Heiligen

Autor:
Brudereck, Christina
Preis:
12,99 EUR

zum Shop Mit einer Bestellung in unserem Shop unterstützen Sie die Arbeit von ERF Medien.


Kommentare

Von Ilona A. am .

Das, was Teresa von Avila vor fast 500 Jahren erlebte, ihre großen mystischen Erfahrungen die sie machte, so etwas gibt es tatsächlich auch heute noch. Ich selbst habe es erlebt und diese Erlebnisse haben mein ganzes Leben verändert, vom Buddhistischen Weg zum Christentum bis zum Theologiestudium und der Ordination zur ev.-ref. Pfarrerin. Ich möchte Gott bezeugen und die Tatsache, dass Jesus lebt - und dies u. a. mit meinem Buch: "Entflammt bin ich durch Gottes Liebe. Wie mystische Erlebnisse mehr


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.