Interview

Falsche Sicherheit

Warum die NSA Menschen ihre Freiheit raubt. Paul DeHart im Gespräch

Dem 30-jährigen US-Amerikaner Matthew DeHart drohen nach seiner Auslieferung in die USA 80 Jahre Haft. Matthew hat für das Militär gearbeitet und konnte CIA-Luftangriffe nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Als Reaktion hat er sich dem Hacker-Kollektiv Anonymous angeschlossen und WikiLeaks unterstützt. Seit dem 1. März befindet sich Matthew nun in Untersuchungshaft. In dem gestrigen Teil des Interviews haben wir mit Matthews Vater Paul DeHart über Whistleblowing und moralische Grenzen gesprochen.

Heute steht die Lebensgeschichte von Paul DeHart selbst im Vordergrund. Er ist Pastor. Diesen Beruf übt Paul DeHart jedoch erst aus, seitdem er offiziell Rentner ist. Vorher hat Paul DeHart ebenfalls seinem Land gedient – im Militär und der NSA. Wir haben mit ihm über Überwachung und die NSA damals und heute gesprochen.   


Paul DeHart mit seiner Frau Leann und seinem Sohn Matthew. Bild: privat

Die Welt hat sich verändert

ERF Online: Wie haben Sie Ihre Zeit beim US-Militär sowie der NSA erlebt?

Paul DeHart: Ich habe beim Militär als Sprachwissenschaftler gearbeitet. Das war mein Weg, Geld für das College zu verdienen. Es war direkt nach dem Vietnam-Krieg und ich komme aus einer großen Familie – ich bin das älteste von sieben Kindern. Meine Eltern konnten das College nicht bezahlen. Beim Militär zu arbeiten, bot sich für mich an. Mein Deutschlehrer in der Highschool hat auch in der Security Agency gearbeitet und hat mich überzeugt, Sprachwissenschaftler zu werden. Ich habe diese Arbeit auch sehr genossen. Ich mochte das Militär nicht – aber es war eine schöne Erfahrung, in Deutschland stationiert zu sein. Meine Frau hat ebenfalls als Sprachwissenschaftlerin gearbeitet – nur für Polnisch. Wir konnten uns also nur mit einem Übersetzer verständigen (lacht). Wir haben natürlich Englisch miteinander gesprochen.

Zu der Zeit – während des Kalten Krieges – war es anders als heute. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich an der DDR-Grenze in der Nähe von Eschwege stand. Eigentlich durften wir der Grenze nicht näher kommen als einen Kilometer. Aber wir waren eben jung und es war uns egal – wir haben einfach unsere Alltagskleidung angezogen. Ich stand also an der Grenze und schaute von Westdeutschland in die DDR. In Westdeutschland waren Lichter in den Häusern an und die Straßenlaternen brannten. Als ich dann in die DDR schaute, war es dunkel. Es waren vielleicht eine oder zwei Straßenlaternen an und in ein oder zwei Häusern brannte Licht. Für mich hat dieses Bild den Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit gezeigt – auf einer philosophischen Ebene. Ich war der Überzeugung, dass wir die Freiheit in Europa verteidigten und damit eine schlimme Krise verhindern.


Paul DeHart als Offizier. Bild: privat

Als ich dann die Armee verlassen habe, schrieb ich mich an der Universität ein und absolvierte das „Reserve Officer Training Corps“, um in der Air Force als Offizier zu arbeiten. Dort haben wir Informationen gesammelt, die wir an Entscheidungsträger weitergeleitet haben. Dadurch sollten wir unser Land – und in diesem speziellen Fall ein Land der NATO – schützen. Für mich war das eine ehrbare Arbeit. Aber die Welt hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges stark verändert. Früher haben wir gesagt: „Der Warschauer Pakt ist schlecht, die NATO ist gut.“ So ist es heute nicht mehr. Es ist viel schwieriger geworden, moralische Entscheidungen zu treffen.

„See something, say something“

ERF Online: Ist die Arbeit der NSA in den letzten 20 Jahren „schmutziger“ geworden?

Paul DeHart: Jede Regierung sammelt Informationen über potenzielle Gegner. Es wäre unverantwortlich, das nicht zu tun. Man muss sich über die Gefahren von außen bewusst sein, um sein Land verteidigen zu können. Welche Regierung würde das nicht tun? Sie tun es nur auf verschiedenen Wegen. Ich habe damals in der „Signal Intelligence“ gearbeitet. Wir haben es als „saubere“ Intelligence bezeichnet, weil man nur Informationen sammelt. Man belügt niemanden, man setzt keine Spione ein. Man gebraucht lediglich technische Hilfsmittel, um Informationen zu sammeln. Und jeder Bürger ist sich darüber bewusst, dass diese Informationen gesammelt werden.

Ich habe in der Signal Intelligence als Militäroffizier gearbeitet. Die National Security Agency (NSA) gehört zum Verteidigungsministerium. Es geht nämlich darum, potenzielle Feinde des Landes wahrzunehmen. Seit dem 11. September hat sich das jedoch geändert – die Grenzen sind unscharf geworden. Über wen man Informationen sammelt, ist keine militärische Entscheidung, sondern eine politische. Es gibt aber keine klaren Grenzen, wenn man einen Krieg gegen den Terror führt. Wann ist der Krieg jemals zu Ende und wer ist der Gegner?

Es gibt jetzt ein Programm in den USA, das heißt „See something, say something“. Wenn man etwas Verdächtiges sieht, soll man es den Behörden melden. Das ist sehr grenzwertig. Besonders die Leser, die in der DDR gelebt oder sogar noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, erinnern sich jetzt bestimmt an die Gestapo und die Stasi. Man gibt Informationen über seine Nachbarn weiter! Das schafft eine ungesunde Atmosphäre. Nordkorea ist garantiert ein sehr sicherer Ort. Es gibt bestimmt wenig Kriminalität, weil Bürger ständig kontrolliert werden. Aber wer möchte dort leben? Wenn man das Überwachungssytem einer starken Nation wie den USA nimmt, das dazu da ist, Informationen über mögliche Feinde zu sammeln und es dann gegen die Bürger selbst verwendet, mache ich mir große Sorgen. Seit dem 11. September gibt es diese besorgniserregende Entwicklung.

ERF Online: Früher haben Sie überwacht, heute werden Sie überwacht. Hat sich Ihre Einstellung dadurch verändert?

Paul DeHart: Ich beschreibe das Gefühl mal so: Es fühlt sich so an, als wenn ein Polizeiauto hinter Ihnen auf der Autobahn herfährt. Jeder wird nervös, wenn das passiert. Man stellt sich Fragen wie: „Habe ich meine Fahrzeugpapiere dabei? Ist die Plakette aktuell? Fahre ich nach den Regeln?“ Stellen Sie sich jetzt vor, dass das Polizeiauto Ihnen den ganzen Tag folgt. Wenn Sie dann auf Ihr Grundstück fahren, stellt sich das Polizeiauto direkt hinter Sie. So fühlt es sich an, wenn man überwacht wird und sich dessen bewusst ist. Für Menschen, die Freiheit gewöhnt waren und auch für ihre Freiheit gekämpft haben, ist es schwierig, sie aufzugeben – und das nur wegen eines falschen Verständnisses von Sicherheit! Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was das Militär tut und dem, was die NSA tut: Es geht nämlich nicht mehr nur darum, Informationen über potenzielle Feinde zu sammeln, sondern Informationen über die eigenen Bürger zu sammeln. Wenn die Geschichte uns eins gelehrt hat, dann das: Wenn Macht nicht kontrolliert wird, endet unsere Welt in absoluter Korruption.  

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


Kommentare

Von Eine Stimme in der Wüste am .

Buße tun im Namen von Jesus Christus und Umkehren gilt für alle Menschen - Amen!


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