Interview

Gott im Wilden Westen

Was uns Old Shatterhand über Gott lehrt. Ein Interview.

In seinen abenteuerlichen Reiseromanen beschäftigt sich Karl May intensiv mit religiösen Themen. Das legt der Theologe Michael Kotsch in seinem Buch „Karl May, Old Shatterhand, Winnetou und der christliche Glaube“ dar. Wir haben Michael Kotsch zu seinem Buch und der Person Karl May interviewt.

Der Theologe Michael Kotsch hat sich in einem Buch mit Karl Mays Werken auseinandergesetzt. (Bild: Hermann Damm)

ERF Online: Sie haben sich sehr intensiv mit Karl May beschäftigt. Wie kam es dazu?

Michael Kotsch: Als Jugendlicher habe ich Karl May für mich entdeckt. Ich habe zunächst nur ein oder zwei Bände gelesen und war danach so fasziniert von der Art und Weise des Schreibens und von den Charakteren, dass ich in meiner Jugendzeit so gut wie jedes Karl May Buch gelesen habe. Ich empfand die Bücher als prägend, weil nicht nur Spannung in den Geschichten drinsteckt, sondern eben auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Es wird die Frage gestellt: Was ist wirklich wichtig an ethischen Werten?

ERF Online: Karl May war ein gläubiger Schriftsteller. Sein Glaube wurde stark durch seine fromme Großmutter geprägt. Doch sein Kindheitsglaube wurde während seiner Ausbildung am Lehrerseminar in Waldenburg auf eine harte Probe gestellt. Was missfiel ihm an der Theologie, die ihm dort begegnete?

Michael Kotsch: Im 19. Jahrhundert prägte ein starker Rationalismus die Evangelische Kirche. Karl May aber kannte von zuhause eine eher pietistisch geprägte Frömmigkeit. An dem Lehrerseminar, das er besuchte, wurde der Glaube mehr rational durchdacht und ganz bewusst zur Stabilisierung der politischen Herrschaft instrumentalisiert. Daher empfand Karl May die Religionsunterrichte, die einen großen Teil der Ausbildung einnahmen, als kalt und distanziert. Daraus entstand mit der Zeit auch eine immer größer werdende Distanz zu Gott, Jesus und der Bibel. Das mündete in einer inneren Rebellion gegen Gott. In einigen von Karl Mays fragmentarischen Frühwerken spiegelt sich das wider. Aufgrund dieser Distanz zu Gott beging May einige Dummheiten, die wir heute als Jugendsünden einordnen würden. So kommt er zum ersten Mal ins Gefängnis, weil er eine geborgte Uhr nicht zurückgibt. Sehr wahrscheinlich hatte er sogar vor, die Uhr zurückzugeben. Aber sein Zimmerkollege brachte es zur Anzeige und Karl May wurde festgenommen.

ERF Online: Diese Zeit ist für Karl May ein regelrechter Abstieg. Er rutscht ab in eine kriminelle Karriere. Wie kommt er da wieder heraus?

Michael Kotsch: Während eines Gefängnisaufenthaltes trifft Karl May einen katholischen Katecheten, mit dem er intensive Glaubensgespräche führt. Er beginnt an der Gefängnisorgel die Gottesdienste zu begleiten und erlebt eine regelrechte Bekehrung. So beschreibt er das in seinen Werken. Er sagte im Rückblick, dass er mit seinen Büchern das Ziel verfolgte, Menschen auf unterhaltsame Art und Weise Gott und den Glauben nahe zu bringen.

ERF Online: Verarbeitet er in seinen Büchern also auch eigene Erfahrungen?

Michael Kotsch: Man findet in seinen Werken immer wieder diesen Typus eines enttäuschten, frustrierten Menschen, der an sozialen Ungerechtigkeiten scheitert, Gott verbittert über Bord wirft und dennoch auf der Suche ist. Dieser Typ ist ganz häufig in seinen Büchern. Es gibt nicht nur Gläubige, bei denen alles gut läuft, sondern gerade auch Menschen, die aufgrund ihrer Lebenssituation am Glauben verzweifeln, aber dann im Roman durch verschiedene Wege und Fügungen wieder zum Glauben zurückfinden.

Starke Helden, die Unrecht ablehnen

ERF Online: Wie kommt es dazu, dass Karl May gerade den Reiseroman wählt, um seinen Glauben literarisch zu verarbeiten?

Michael Kotsch: Da gab es verschiedene Zwischenstufen. Am Anfang probierte er den Glauben über die Beschreibung historischer oder naturwissenschaftlicher Zusammenhänge zu vermitteln. Das ist sein erstes Experiment. Dann beginnt er mit Romanen und erfindet die Figuren, für die er bekannt wurde. Das ist die zweite Phase seines Schaffens. Er will mit seinen Texten unterhalten, aber auch christlich und moralisch prägen. Das ist von Anfang an sein Ziel. Deshalb hat er sich hinterher auch dagegen gewehrt, dass einige seiner Romane verkürzt wurden und die religiösen Aspekte rausgestrichen wurden. Und dann gibt es noch sein Spätwerk. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon sehr erfolgreich und bekannt. Jetzt möchte er noch zum anerkannten Literat werden. Man wirft ihm nämlich vor, nur Jugend- und Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Jetzt will er künstlerische, symbolische Werke schaffen. Er veröffentlicht unter anderem einen Gedichtroman, von dem er sehr viel erwartet, der aber schlecht von den Kritikern aufgenommen wird. Bei diesen und anderen seiner symbolischen Spätwerke merkt man als Leser: Das ist zwar nett zu lesen, aber nicht mehr der typische Karl May.

ERF Online: Einige von Karl Mays Romanen spielen im Orient. In ihnen tritt der Deutsche Kara Ben Nemsi mit seinem Diener Hadschi Halef Omar auf. In den Büchern findet eine ständige Auseinandersetzung mit dem Islam statt, wie kann man diese bewerten und verstehen?

Michael Kotsch: Für die damalige Zeit hat Karl May sich intensiv mit dem Islam auseinandergesetzt. Er glorifiziert den Islam nicht, wie andere es taten, sondern äußert sich relativ realistisch. Er stellt den Islam mit seinen Stärken und Schwächen dar, was ihm auch viele Religionswissenschaftler später attestiert haben. Der Muslim Hadschi Halef Omar tritt in den Büchern immer wieder auf. Er ist ein Held mit Schwächen und zu Beginn sehr überzeugt von seiner Religion. Am Anfang des Romanzyklus versucht er seinen Herrn Kara Ben Nemsi vom Islam zu überzeugen und äußert das auch offen. Es folgen dann viele Diskussionen und schließlich merkt der islamische Diener: „Kara Ben Nemsi handelt ganz anders als wir Muslime. Er zeigt Nächstenliebe und vergibt. Sein Gott ist jemand, der nicht nur gute Taten anrechnet und schlechte Taten bestraft. Sein Gott vergibt.“ Und am Ende der Geschichten sagt er schließlich: Ich bin auch Christ geworden.

Eine ähnliche Struktur findet sich auch in der Freundschaft von Old Shatterhand und Winnetou. Am Anfang herrscht eher Distanz. Winnetou sieht, was die Europäer seinem eigenen Volk angetan haben und wie sie Menschen allein aus Gewinnsucht töten. Auch Winnetou will sich nicht missionieren lassen. Doch durch das gemeinsame Leben und durch das Reden mit Old Shatterhand öffnet er sich Stück für Stück. Und dann in den letzten Minuten seines Lebens bekehrt er sich in den Armen Old Shatterhands. Dabei handelt es sich aber nicht um eine plötzliche, unverständliche Kehrtwende, sondern das wird in den Romanen vorher lange vorbereitet.

ERF Online: Karl May schildert die Figur des Old Shatterhand insgesamt sehr vorbildlich. Wenn er mal schießt, dann nur wenn es sein muss. Bezieht Karl May damit bewusst Stellung?

Michael Kotsch: Das hat mich als Jugendlicher sehr fasziniert. Bei vielen anderen Geschichten geht es um Brutalität um der Brutalität willen. Und wenn ein Held die Möglichkeit hat, schlachtet er seine Feinde ab. Das ist bei Karl May anders. Von Anfang an sind seine Helden zwar stark und überlegen, aber sie lassen sich eher Unrecht antun als selbst Unrecht zu tun. Selbst wenn sie einen Feind besiegen, wollen sie sein Überleben sichern. Mehrfach versucht Old Shatterhand etwa die Indianer zu überzeugen, dass sie ihre Feinde nicht töten. Das war schon ein Statement Karl Mays. So stellte er sich die Welt nach christlichen Maßstäben vor.

Persönliche Frömmigkeit versus konfessionelle Frömmigkeit

ERF Online: Welche Form von Frömmigkeit vertritt Karl May in seinen Büchern?

Michael Kotsch: Aus heutiger Sicht wird manchmal behauptet, Karl May hätte die religiösen Inhalte nur hineingebracht, weil das damals so üblich war. Aber die Aussagen seiner Kritiker zeigen, dass es nicht so war. Ich glaube: Karl May hatte eine gewisse pietistische Prägung. Diese war im Erzgebirge und in Sachsen im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Auch in seinem direkten Umfeld gab es viele pietistisch fromme Pfarrer. Diese Frömmigkeit hat er sich zu eigen gemacht; nicht die kirchliche oder die rationalistisch theologische, sondern eher diese persönliche Frömmigkeit. Er ließ daher manchmal unklar, wo er im konfessionellen Bereich steht. Manche hielten ihn für einen Katholiken, obwohl er lebenslang evangelisch war. Ihm war aber immer wichtiger, dass Menschen die Bibel akzeptierten und Gott als Schöpfer und Richter anerkennen. Das war seine Absicht: Er wollte nicht konfessionelle Dogmatik betreiben oder für eine Konfession werben, sondern für Jesus und den christlichen Gott. Daher hat er auch immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er das, was er geleistet hat, nur durch die Hilfe Gottes hat leisten können.

ERF Online: Hat das vielleicht auch etwas damit zu tun, dass er es in seinen späteren Werken nicht mehr nötig hatte, sich selbst als strahlenden Helden zu zeigen?

Michael Kotsch: Ein Stück weit ja. Vielleicht ist da sogar die Einsicht, dass er es in dieser Hinsicht übertrieben hat. Doch das einzugestehen ist ihm eventuell aufgrund seines Bekanntheitsgrades schwer gefallen. Aber in seinen Werken ist der Held eher ein Schwacher, der sich zurücknimmt und auch einmal verliert. Er beschreibt zunehmend Figuren, mit denen man sich identifizieren kann und die nicht nur strahlende Helden sind. Es gibt in seinem Spätwerk nicht mehr so stark die Rollen Held und Bösewicht, stattdessen versucht Karl May dafür zu werben, dass auch der andere ein Lebensrecht hat. Auch wenn nicht richtig ist, was er tut, muss ich ihn akzeptieren. Manchmal hat man auch den Eindruck, er selbst weiß nicht genau, mit welcher Person er sich gerade identifiziert. In seinem mittleren Werk ist die Sache noch klar, aber gegen Ende seines Schaffens ist das nicht mehr so offensichtlich.

Toleranz und Vergebung sind Mays Grundwerte

ERF Online: Der Aufruf zu Toleranz findet sich nicht nur in seinen Werken. Wie hat er sich öffentlich zu diesen Themen geäußert?

Michael Kotsch: Durch seinen Bekanntheitsgrad wird Karl May sozusagen aus seiner Traumwelt herausgerissen. Er muss sich mit der Realität, in der er lebt, stärker auseinandersetzen. Er wird plötzlich von Leuten in Anspruch genommen, die von ihm wollen, dass er sich für den deutschen Kolonialismus einsetzt. Und das will May gerade nicht. Diese Vereinnahmung führt dazu, dass er öffentlich und politisch Stellung beziehen muss. Und er spricht sich im Zuge dessen ganz stark für Pazifismus und Frieden aus und wendet sich klar gegen Kolonialismus. Für ihn gibt es zwar „die“ Wahrheit, er vertritt also keinen postmodernen Frieden á la „Alles ist gleich.“ Aber er ist überzeugt: Selbst wenn ich den anderen als falsch ansehe, darf ich ihn nicht mit Gewalt und Waffen bekämpfen. Diese Meinung äußert er auch öffentlich und ruft zu politischem Frieden auf. Man hat fast den Eindruck, er ahnt, worauf es im 1. Weltkrieg hinauslaufen wird. Aber sein Friedensappell wurde damals nicht aufgenommen.

ERF Online: Vergebung und Frieden waren auch in seinem persönlichen Leben ein wichtiges Thema. Wieso?

Michael Kotsch: Karl May erlebte sowohl grobe Diffamierung als auch große materielle Ausnutzung. Zum Teil durch das Umfeld, in dem er groß wurde. Oder auch durch die Freunde am Lehrerseminar, die ihn in die Pfanne gehauen haben, sodass er ins Gefängnis kam. Sein erster Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer betrügt ihn. Karl May ist zu gutgläubig und so verdient sich sein Verleger an seinen Werken eine goldene Nase. Hinterher verfälscht er sogar noch Karl Mays Werke. Doch Karl May ist immer wieder bereit zu vergeben. Er trennt sich zwar öfter von Münchmeyer, lässt sich aber immer wieder dazu überreden für ihn zu schreiben – und wird weiter betrogen. Auch später hat er noch viele Gegner und Neider. Zum Teil sind das Literaturprofessoren, die ihn kritisieren, weil sie selbst nicht den Erfolg haben, den Karl May hat. Damit wird er nur schwer fertig und zerbricht ein Stück weit daran. Man merkt gerade in seinen letzten Jahren, wie er stark altert. Dennoch ist es so, dass er über diese Dinge nicht vollkommen verbittert, sondern sein Motto bleibt: Auch hier muss Vergebung geschehen.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview!


Das ganze Interview mit Michael Kotsch finden Sie hier zum Nachhören.

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Karl May

Karl May

Old Shatterhand, Winnetou und der christliche Glaube

Autor:
Kotsch, Michael
Art:
Paperback, 160 S.
Preis:
6,95 EUR

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Kommentare

Von Heidi L. am .

Eine wunderbare Recherge. In meiner Kindheit sah ich meinen Vater und meine ältere Schwester in die Karl May Bücher vertieft. Dazwischen tauschten sie sich über die komplexen Abenteuer aus. Ich lauscht gespannt und wusste den ganzen Namen von Hadschi Halef aufzusagen, kannte Silberbüchse und Bärentöter und wollte mehr von Winnetous wunderbaren Pferd hören.Später wagte ich mich selbst an die vielen Abenteuergeschichten und war überrascht über die christlichen Inhalte und die blutlose spannene mehr


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