Interview

Wenn Spenden abhängig machen

Entwicklungshilfe kann Abhängigkeit verstärken statt sie zu lösen. Ein Interview

Was haben UNICEF, SOS Kinderdörfer, Misereor und Brot für die Welt“ gemein? Sie sind Organisationen, die Entwicklungshilfe leisten und werben auch jetzt noch verstärkt um Spenden. Weltspitzenreiter bei der Entwicklungshilfe sind die USA mit über 31 Milliarden Dollar. In Deutschland waren es 2013 immerhin noch knapp 15 Milliarden Dollar, die für Entwicklungszusammenarbeit zusammengekommen sind. Doch die Entwicklungshilfe ist nicht ohne Kritik. Veruntreuung der Gelder, Korruption und mangelnde Auswirkungen sind nur einige der Kritikpunkte. Wir haben mit Herbert Schulz, dem 2. Vorsitzenden des Vereins Christliche Entwicklungshilfe, über das Thema Spenden gesprochen. Der Verein leistet hauptsächlich in Osteuropa humanitäre Hilfe. Das Ziel des Vereins ist, den Menschen über Entwicklungshilfe zur Selbständigkeit zu verhelfen.

ERF Online: Was versteht man eigentlich unter dem Begriff Entwicklungs- oder auch humanitäre Hilfe?

Herbert Schulz: Humanitäre Hilfe beschränkt sich auf Medikamente, Lebensmittel, Kleidung und eventuell noch Spielzeuge für Kinder. Entwicklungshilfe soll nach meinem Verständnis den Menschen dabei helfen, dass sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Zu diesem Zweck gewährt unser Verein „Christliche Entwicklungshilfe“ hauptsächlich Startkapital, aber auch Maschinen und andere Dinge, die für die Selbständigkeit erforderlich sind.

ERF Online: Wie hat sich die Entwicklungshilfe in den letzten Jahren verändert?

Herbert Schulz: Für mich war Entwicklungshilfe viele Jahre eine staatliche Sache, mit der Vereine nichts zu tun haben. Die staatliche Entwicklungshilfe war nach meiner Erkenntnis auch für Privatmenschen nicht beeinflussbar. Nachdem ich mich kundig gemacht habe, weiß ich aber inzwischen, dass die staatliche Entwicklungshilfe oft sehr wahllos und total unkontrolliert vergeben wurde. Mich hat es beispielsweise sehr schockiert, dass China bis heute noch Millionen und Abermillionen Entwicklungshilfe bekommt. Soweit ich weiß, waren es 2006 noch 180 Millionen Euro. Da wird Entwicklungshilfe offensichtlich falsch verstanden.

Entwicklungshilfe muss kontrolliert und begleitet werden

ERF Online: Das Stichwort Nachhaltigkeit, beziehungsweise Hilfe zur Selbsthilfe, wird in der Entwicklungshilfe heute häufig benutzt. Was bedeutet das für eine Entwicklungshilfeorganisation konkret?

Herbert Schulz: Wir vergeben Gelder beispielsweise erst nach eingehender und gezielter Prüfung. Ist der Kreditempfänger willig und fähig, aktiv und selbständig zu arbeiten? Ist er willig und fähig, auch in die Zukunft zu sehen? Hat er ein Zukunftskonzept? Wenn die Hilfe langfristig Bestand haben soll, muss man vor der Vergabe des Kredits ganz deutlich über die Zukunft sprechen.

Dann versuchen wir, die Entwicklung bei den Einzelnen langfristig zu beobachten und bei Fehlentwicklungen auch mit Rat und Hilfe zur Seite zu stehen. Wir wollen also kontrollieren und begleiten. Als christlicher Verein wollen wir einerseits den einzelnen Personen dabei helfen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Andererseits sollen sie auch ihre Gemeinden, die wir mit einbinden, finanziell durch Abgaben unterstützen und fördern, damit auch die Gemeinden unabhängig von westlichen Spenden werden. Das ist meines Erachtens eine langfristige Hilfe, die sich auszahlen wird.

ERF Online: Können Sie uns an einem konkreten Beispiel erklären, wie Sie sich für eine Person entscheiden, die Unterstützung erhält?

Herbert Schulz: Ich nenne mal ein Beispiel von drei Imkern aus Wolgograd. Die haben wir über die Missionsgesellschaft Südost-Europa kennengelernt. Den drei Familien haben wir Kapital gegeben, damit sie sich Bienen und Gerätschaften anschaffen können, die erforderlich waren. Inzwischen sind sie so weit, dass in etwa drei Jahren mindestens eine Familie vom Ertrag leben kann. Diese drei Familien unterstützen sehr stark die Gemeinden, zu denen sie gehören. Wenn sie ihren Honig auf den Märkten verkaufen, verteilen sie auch christliche Schriften. Sie nutzen also den Verkauf ihres Honigs immer auch missionarisch.

ERF Online: Wie hoch sind bei Ihnen die Kredite?

Herbert Schulz: Wir vergeben einen Kredit nie auf einmal, sondern immer nur in Raten. Diese Raten hängen vom Bedürfnis ab. Wir geben am liebsten etwa 2.000 Euro als erste Rate. Dann muss nachgewiesen werden, was mit diesen 2.000 Euro gekauft wurde. Ich betone ausdrücklich gekauft. Es darf keine Arbeitsleistung sein. Denn wir erwarten, dass die Arbeit kostenlos getan wird. Der Kauf der Gerätschaften oder des Baumaterials muss anhand entsprechender Belege nachgewiesen werden. Die größte Summe, die wir bisher als Darlehen gegeben haben, waren 12.000 Euro. Da musste ein Großbesitzer in der Ukraine unbedingt entsprechende Maschinen kaufen. Üblich sind Darlehen von etwa 5.000 bis 6.000 Euro.

Entwicklungshilfe kann Abhängigkeit verstärken statt sie zu beseitigen

ERF Online: Und diese Darlehen müssen zurückgezahlt werden?

Herbert Schulz: Die müssen in jedem Fall zurückgezahlt werden. Wir schließen einen Darlehensvertrag ab. Die ersten drei Jahre sind zinslos. Nach drei Jahren sollen auch Zinsen gezahlt werden. Dabei wollen wir die Empfänger nicht unter Druck setzen. Aber wenn es möglich ist, sollen sie nach drei Jahren Zinsen zahlen. Nach fünf Jahren beginnt dann die Rückzahlung. Das kann in Raten oder auch in einer Zahlung erfolgen.

ERF Online: Wie können Sie vor Ort die Nachhaltigkeit überprüfen?

Herbert Schulz: Wir vergeben die Darlehen immer in Kontakt mit der jeweiligen Gemeinde. Mit diesen Gemeinden stehen wir über die Jahre in intensivem Kontakt. So können uns die Gemeinden berichten, was geschehen ist und gemacht wurde. Dazu besuchen und kontrollieren wir auch ganz konkret die Objekte.

ERF Online: Die gebürtige Afrikanerin Dambisa Moyo ist Ökonomin und behauptet, dass Entwicklungshilfe die Probleme nicht löst, sondern sie vielmehr auslöst. Sie begründet das damit, dass finanzielle Unterstützung abhängig macht, bestehende Gegebenheiten zementiert, sowie Korruption und Kriege verursacht werden. Können Sie dieser Einschätzung von Frau Moyo zustimmen?

Herbert Schulz: Nur sehr eingeschränkt. Ob daraus Kriege entstehen, kann ich nicht beurteilen. Dass aber eine gewisse Beeinflussung entsteht, lässt sich gar nicht ausschließen. Auch wir versuchen, den Empfängern beratend zur Seite zu stehen. Abhängigkeiten möchten wir aber unbedingt vermeiden. Selbst bei der Rückzahlung können und wollen wir unsere Empfänger nicht unter Druck setzen. Wir messen daher immer an den gegebenen Verhältnissen, ob eine Rückzahlung möglich ist oder nicht. Auf keinen Fall wollen wir durch Zwang neue Probleme hervorrufen.

In Afrika lässt sich das wahrscheinlich nicht vermeiden, da Entwicklungshilfe dort gewöhnlich über staatliche Organisationen läuft. Und dort werden ‒ soweit ich das bis jetzt feststellen konnte ‒ nicht immer ganz korrekte Wege beschritten. Daraus können durchaus Abhängigkeiten und auch negative, vielleicht sogar politische Beeinflussung entstehen.

„Entwicklungshilfe muss Probleme lösen und beheben“

ERF Online: Dambisa Mojo als Betroffene behauptet auch, dass Entwicklungshilfe jeden Anreiz im Keim erstickt, aus eigenen Stücken gegen Armut zu kämpfen. Nehmen wir an, das stimmt: Ist Entwicklungshilfe dann mehr Fluch oder Segen?

Herbert Schulz: Wenn keinerlei Kontrolle da ist und man auch keine Rückzahlung verlangt, kann es eine gewisse Gleichgültigkeit verursachen. Dann werden nur noch die Hände aufgehalten. Aber genau dadurch entsteht dann auch Abhängigkeit, denn man muss immer wieder mehr haben. Wir wollen ganz bewusst einen anderen Weg beschreiten als die staatliche Entwicklungshilfe.

ERF Online: Warum ist Entwicklungshilfe Ihrer Meinung nach dann trotz dieser Kritik sinnvoll und notwendig?

Herbert Schulz: Im Einzelfall kann staatliche Entwicklungshilfe durchaus notwendig sein. Aber sehr häufig ist das aus meiner Sicht nicht so. Denn sie wendet die Probleme nicht ab, sondern verursacht eher neue Not und Probleme. Da gebe ich Frau Moyo durchaus recht. Entwicklungshilfe muss Probleme lösen und beheben. Die Probleme müssen irgendwann ein Ende finden und dürfen nicht über Jahrzehnte hinausgezogen werden.

ERF Online: Welche Erfolgsgeschichten hat Ihr Verein „Christliche Entwicklungshilfe“ zu verzeichnen?

Herbert Schulz: Da muss ich an einen Konditor in den ukrainischen Karparten denken, der als Hobby Torten für Hochzeiten hergestellt hat. Diese Torten hat er auf dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seinen Kunden transportiert. Das war ein unmöglicher Zustand. Wir haben ihm einen Kredit von 5.000 Euro gewährt. Damit konnte er ein Fahrzeug kaufen und sein Backgeschäft erheblich erweitern. Er hat dann zusätzlich eine Pizzeria eröffnet, in der er zwei Frauen beschäftigt. Er gibt also inzwischen auch anderen Leuten die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt mindestens teilweise zu bestreiten. Er selbst hat den Kredit innerhalb von drei Jahren zurückgezahlt.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


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