Interview Lesezeit: ~ 6 min

„Christen sind im Fadenkreuz“

Wie verändert der Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ unser Leben? Ein Interview.

In der vergangenen Woche hat das Attentat auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ Schock, Bestürzung, Mitgefühl und  Angst ausgelöst. Die islamischen Extremisten Said Kouachi und Chérif Kouachi stürmten die Redaktionsräume des für islamkritische Karikaturen bekannten Magazins und richteten vier Mitarbeiter hin. Insgesamt verloren 12 Menschen ihr Leben. Wir haben mit dem Politikwissenschaftler und Historiker Dr. Johannes Kandel über die Auswirkungen des Anschlags auf den Islam, die Debatte um Pegida und die Verfolgung von Christen gesprochen.

Den Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus beachten

ERF Online: Es gibt „den“ Islam genauso wenig wie „das“ Christentum. Welcher Islam ist denn für den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ verantwortlich?

Dr. Johannes Kandel: Das ist eine militante Form von Islamismus. Die Islamisten vertreten eine besonders strenge, fundamentalistische Lesart des Islam. Sie haben den Islam zu einer politischen Machteroberungs- und Herrschaftsideologie ausgeformt. Besonders bedenklich ist, dass sie den Jihad - den sogenannten Heiligen Krieg - als eine individuelle und kollektive Pflicht für jeden Muslim sehen.

Leider habe ich noch von keinem einzigen islamischen Rechtsgelehrten gehört, dass Islamisten nicht mehr zur islamischen Familie gerechnet werden. Sie vertreten also weiterhin eine legitime Variante des Islam – wie verabscheuungswürdig die auch für friedliebende Muslime sein kann. Trotzdem beziehen sich der orthodoxe Islam und Islamisten auf dieselben Grundquellen - den Koran und die Sunna. Auch wenn ihre Interpretationen voneinander abweichen: Man muss dem Zusammenhang von Islam und Islamismus Aufmerksamkeit schenken.

ERF Online: Vermissen Sie also Stellungnahmen seitens der muslimischen Verbände oder anderer islamischer Würdenträger?

Dr. Johannes Kandel: Die muslimischen Verbände haben jegliche terroristische Aktivität, die mit dem Islam begründet wird, schon immer abgelehnt. Mir fehlt allerdings, dass sie in den eigenen Moscheen auf Radikalisierungstendenzen achten. Außerdem müssten sie sich stärker mit den theologischen Anknüpfungspunkten auseinandersetzen, die Koran und Sunna für jene Radikalisierungen bieten. Muss man nicht an einer neuen Art der Auslegung arbeiten oder andere Interpretationen – zum Beispiel diese gewalttätigen Interpretationen – als unislamisch verwerfen? Das geschieht nicht.

„Sehr reale Bedrohung“

ERF Online: Muss man jetzt auch in Deutschland Angst vor terroristischen Anschlägen haben, die islamistisch motiviert sind?

Dr. Johannes Kandel: Ich denke, Christen glauben und wissen, dass sie in der Welt keine Angst zu haben brauchen. Denn der Herr ist allezeit mit ihnen und gewährt auch Schutz und Trost - gerade in bedrängenden Zeiten. Aber das heißt natürlich nicht, sorglos zu sein und Gefahren nicht zu sehen. Ich bin der Meinung, dass es eine sehr reale Bedrohung durch einen weit gefächerten extremistischen Islam gibt. Das sollte Anlass zu großer Wachsamkeit sein.

ERF Online: Sind Christen für den Islamismus nicht dennoch eine besondere Zielscheibe?

Dr. Johannes Kandel: Ich gehe davon aus. Christen sind in besonderer Weise im Fadenkreuz extremistischer Islamisten. Das gilt nicht nur für den Islamischen Staat – wie wir es im Irak und in Syrien schrecklich erleben – sondern leider auch für viele islamisch geprägte Staaten.

Der Weltverfolgungsindex von Open Doors dokumentiert in bedrückender Weise die Angriffe auf Christen. In Deutschland haben sich vor allem die radikalen salafistischen Gruppen häufig sehr aggressiv gegenüber Christen geäußert. Es hat auch schon Bedrohungen und Einschüchterungsversuche gegeben. Bei militanten Salafisten kann man nicht ausschließen, dass es auch zu Übergriffen gegen Personen, kirchliche Gebäude oder Einrichtungen kommen könnte. Noch ist das aber zum Glück nicht der Fall.

„Diktatorische Systeme kennen keine Satire“

ERF Online: Auch in Deutschland gibt es Satire-Magazine wie zum Beispiel "Titanic" oder "Der Postillon", die ebenfalls islamkritische Texten oder Karikaturen veröffentlichen. Ist es vorstellbar, dass diesen Redaktionen ein ähnlicher Anschlag droht?

Dr. Johannes Kandel: Im Prinzip ist das durchaus möglich. Wir haben nach Aussagen des Verfassungsschutzes ca. 43.000 Islamisten in Deutschland. Die sind natürlich nicht alle militant. Aber es gibt eine gefährliche Gruppierung, die Salafisten: Das sind rund 6500 Personen, von denen ca. 800-900 militant eingestuft werden. Mehrere Salafisten stehen in Deutschland wegen Vorbereitung terroristischer Angriffe bereits vor Gericht.

Mich beunruhigen allerdings die rund 200 sogenannte Syrien-Kämpfer noch stärker. In diese Gruppe fallen Menschen, die nach Syrien ausgereist sind und dort gekämpft haben. Sie sind mittlerweile zurückgekehrt. In meinen Augen sind sie tickende Zeitbomben. Es gibt in Deutschland ein Radikalisierungspotential, das sich möglicherweise zu solchen Anschlägen verdichten könnte. Es ist auch daran zu erinnern, dass wir 2007 mit knapper Not einem verheerenden terroristischen, islamistischen Anschlag entgangen durch die Sauerland-Gruppe sind. Ein Anschlag wäre somit durchaus möglich. Allerdings gibt es laut Aussagen unserer Sicherheitsbehörden keine akute Bedrohung.

ERF Online: Hört bei Religion denn der Spaß auf?

Dr. Johannes Kandel: Natürlich nicht! Religion darf im Rahmen des Artikel 5 des Grundgesetzes verspottet werden. Wie weit diese Meinungsfreiheit und auch Kunstfreiheit gehen, wird natürlich in einer offenen Gesellschaft immer kontrovers diskutiert. Das halte ich auch für richtig. Diktatorische Gesellschaften kennen Satiren nicht. Nur mir scheint – etwas spitz formuliert – der Islam in diesem Zusammenhang besonders humorlos zu sein.

ERF Online: Entsteht durch einen solche Anschlag bei Satirikern eine Schere im Kopf – eine innere Zensur?

Dr. Johannes Kandel: Diese Schere existiert längst! Sie ist in Form der geheiligten Gebote der „political correctness“ überall präsent. Ich kenne keinen deutschen Satiriker – außer Dieter Nuhr und Andreas Rebers –, der es wagt, Kritisches zum Islam zu äußern. Der Literaturnobelpreisträger Boualem Sansal – ein gebürtiger Algerier – beantwortet in seinem kritischen Buch Allahs Narren die Frage, warum Intellektuelle keine Kritik am Islam äußern: „C’est la peur, la peur“ – Man hat schlicht Angst. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Offene Diskussionen sind wichtig – in Deutschland und im Islam

ERF Online: In Deutschland wird jetzt darüber diskutiert, wie der Anschlag die aktuelle Debatte um Pegida verändern wird. Wie schätzen Sie diese Veränderungen ein?

Dr. Johannes Kandel: Pegida ist eine Protestbewegung von wütenden Bürgern. In dieser Bewegung befinden sich teilweise Elemente des rechten Lagers. Dennoch empfinde ich die Reaktion der Politik, die Protestbewegung pauschal als „Nazis in Nadelstreifen“ zu diffamieren, als völlig unangemessen. In den 19 Punkten der Pegida sehe ich keinen Faschismus oder Narzissmus.

Ich sehe bei den Pegida-Anhängern hilflose Wut. Sie fühlen sich mit ihren Ängsten und Sorgen von der Politik nicht ernstgenommen. Außerdem will man ihnen einreden, die Flüchtlingspolitik, Migrations- und Integrationspolitik liefe in Hinblick auf den Islam nicht so schlimm. Die Medien haben das Klima weiter vergiftet und die Wut noch gesteigert. Ich sehe die Gefahr weiterer Radikalisierungen. Ein Diskurs von Sachfragen – zum Beispiel der Zusammenhang von Islam und Islamisierung – wird dadurch immer schwieriger.

ERF Online: Die westliche Welt – so sagt man – kann gelassener mit Meinungsfreiheit umgehen, weil eine Aufklärung stattgefunden hat. Könnte eine Aufklärung in der islamischen Kultur bewirken, dass sich der militante Fundamentalismus verändert?

Dr. Johannes Kandel: Eine Aufklärung wäre die Grundvoraussetzung, um den Islamismus in den eigenen Reihen zurückzudrängen. Leider sehe ich momentan keine liberale aufgeklärte Bewegung, in der sich Muslime frei und kritisch äußern können. Auch in den europäischen Gesellschaften gibt es kein Forum dafür. In den islamischen Ländern ist es sehr schwierig, eine liberale Position einzubringen. Aber genau diese ist dringend notwendig!

Es gibt bereits eine Reihe von muslimischen Intellektuellen, die kritische und aufgeklärte Positionen vertreten. Man muss ihnen Foren zur Auseinandersetzung und Präsentation geben. Nur so könnten ihre Ideen Schritt für Schritt in die muslimische Gemeinschaft eingebracht werden. Ein rein intellektueller Diskurs ist ebenfalls wichtig und richtig. Wenn er aber nicht die Menschen ergreift, halte ich eine Aufklärung im Islam für unmöglich.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!

 


Kommentare

Von Jaques L. am .

Eine Tagesdosis Islamisierung für einen Angestellten mit mittlerem Einkommen:
Morgens die Headline der Tageszeitung unter dem ängstlichen Blick von Angela Merkel: Der Islam gehört zu Deutschland. Im Radio den ganzen Tag über: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Bestellte Islam-"Wissenschaftler", die herausgefunden haben, dass die islamischsten Länder der Welt Irland und Dänemark sind (SWR2, 19:00-19:20, 13.1.2015). Der unvermeidliche, allgegenwärtige Mayzek, der sich besonders besorgt über mehr

Von Libby am .

Die Sache mit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" geht uns christen natürlich was an, aber aus einem anderen Grund: Auch wir werden gern von menschen, die Gott nicht anerkennen, in eine Ecke gesteckt, die wegen Kreuzzügen oder ähnlichem als "potentiell radikal" daherkommen könnte daher, Geschwister seid wachsam, betet für eure muslimischen Nachbarn und hört auf, bequem auf den Islam zu schimpfen, sondern nehmt euch Zeit für wahren Dialog

Von Rainer L. am .

Es wäre wunderbar, wenn es "das" (eine) Christentum gäbe, aber leider gibt es das eben praktisch nicht! Schon die Grundspaltung in ein evangelisches, katholisches und orthodoxes Christentum mit ihren in sich weiteren vielfachen Denominationen zeigen ein leider häufig sehr uneiniges Christentum. Lehrmeinungen, gravierende Unterschiede im Heils- und Taufverständnis, in Gemeindepraxis und Geistesgabengebrauch etc.pp. sind doch allgegenwärtig. Aber es gibt "das eine Christsein", das eine Christsein mehr

Von Redaktion am .

@ Elisabeth Z: Die Aussage, dass es nicht "das" Christentum gebe, bezieht sich nicht auf Christus, sondern auf die Christenheit. Christen unterscheiden sich in ihrer Auslegung der Bibel und der Art, wie sie ihren Glauben praktisch leben.
Dasselbe gilt für den Islam und den Koran.

Von Sonja Z. am .

Herr Dr. Johannes Kandel hat recht, wenn er sagt dass dem Islam die Aufklärung fehlt. Und genau das ist der entscheidende Punkt, den der gewaltverherrlichende Koran verhindert das. Eine Aufklärung wird es nie geben und deshalb wird sich die "Terrorgefahr" die von Islamisten ausgeht auch nicht ändern. Das einzige was wir tun können ist unser "Christsein" zu leben und damit deutlich zu machen, dass es keinen Allah sondern nur einen Gott gibt.
Sonja Z.

Von Elisabeth Z. am .

Es gibt nicht "das Christentum"? Was soll das denn heißen? Es gibt nur einen Christus. Wollen Sie den auseinanderteilen? Wie soll ich diese Aussage verstehen? Welchen Christus bezeugen Sie denn? Wie dumm ist denn so eine Aussage (sorry!) Ich persönlich glaube an den Christus wie er in den Evangelien bezeugt ist. Er ist die Grundlage für "das Christentum". Etwas anderes fällt mir dazu nicht ein.


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