Glosse

Oh du fröhliche!

Eine nicht ganz ernstgemeinte Abrechnung mit der Adventszeit.

Eigentlich mag ich die Weihnachtszeit. Ich liebe Plätzchen, Kerzen und Geschenke. Doch wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, graut es mir vor den nächsten vier Wochen. Denn mit Adventszeit verbinde ich so einiges, aber keine Entspannung oder Besinnlichkeit. Vielmehr heißt Adventszeit volle Läden, „Last Christmas“ von Wham in Dauerschleife und Stress. Denn ob ich die Geschenke für meine zahlreichen Familienmitglieder nun kaufe oder bastle, erstmal muss ich wissen, wem ich was schenke. Und da gibt es so einige Hürden und zwar in jeder Familie.

Was soll ich bloß schenken?

Grundsätzlich beschenke ich Menschen gern, aber die Freude daran nimmt von Jahr zu Jahr ab. Denn es wird zunehmend schwieriger für alle Lieben die passenden Geschenke zu finden. Die Einen haben schon alles, die Anderen kaufen sich drei Tage vor Weihnachten ein Buch von ihrer Amazon-Wunschliste und wundern sich, dass sie es nach Weihnachten doppelt haben. Wieder andere kommen erst eine Woche vor Heiligabend auf die Idee, überhaupt eine Wunschliste zu schreiben. Als Schenker kann man dann nur noch hoffen, dass Amazon rechtzeitig liefert, und gleichzeitig Buße dafür tun, dass man wieder nicht den Einzelhandel unterstützt hat.

Je größer die Familie, desto komplizierter wird es. Wenn der Gatte schon nicht weiß, worüber sich seine Eltern freuen würden, wie soll man das als frischgebackene Ehefrau? Und dann gibt es noch die Leute, die groß verkünden: „Dieses Jahr schenken wir uns nichts“ und mir dann freudestrahlend an Heiligabend ein großes Päckchen überreichen und sagen: „Nur eine Kleinigkeit!“

Mindestens genauso schwierig wie das Schenken ist das Beschenktwerden. Manche schenken am liebsten etwas Nützliches, sprich Haushaltsgeräte, Handtücher oder andere Dinge, die zwar jeder braucht, aber keine wirkliche Freude auslösen. Auch Wunschlisten schützen vor Überraschungen nicht. Denn für viele Schenker stellt die eigene Wunschliste höchstens einen groben Richtwert dar. Besonders schlimm ist, wenn man den Fehler macht und Dinge äußert wie: „Ich mag Schokolade“ oder „Ich mag Bücher!“ Seien Sie sich sicher, Sie werden in den nächsten fünfzig Jahren nichts anderes mehr von Ihren Familienmitgliedern bekommen.

Am besten Sie kaufen Ihre Geschenke selbst und teilen Sie sie den jeweiligen Familienmitgliedern zu, dann haben die keinen Stress mit dem Geschenkekauf und Sie bekommen endlich das, was Sie sich wünschen.

Von einer Weihnachtsfeier zur nächsten

Wenn nur die Geschenke ein Problem wären ‒ Weihnachten wäre immer noch herrlich. Aber das ist ja längst nicht alles. Da heißt es, neben dem Geschenkekauf noch mehrere Weihnachtsfeiern pro Woche zu jonglieren. Gehe ich zur Weihnachtsfeier meiner Arbeitsstelle, zum Weihnachtssingen des Hauskreises oder doch besser zur Sonntagsschulweihnachtsfeier? Eine schwierige Entscheidung, vor allem wenn alle am gleichen Tag stattfinden. Da heißt es Prioritäten setzen. Am effektivsten ist es, die Zeit bei jeder Feier auf eine Stunde zu beschränken und sich dann auf zur nächsten zu machen.

Angesichts dieses Feierwahns ist es nicht verwunderlich, dass das schicke Kleid für Heiligabend drei Tage vorher nicht mehr passt und man sich erneut ins Kaufhausgewühl stürzen muss. Man nimmt eben nicht nur an den Weihnachtstagen zu, sondern auch davor. Dadurch, dass Nikoläuse und Lebkuchen schon seit September in den Läden stehen, wird diese Entwicklung sogar noch gefördert. Doch wer frühzeitig anfängt, Lebkuchenherzen, Pfeffernüsse und Dominosteine zu verspeisen, hat diese spätestens am 1. Dezember satt. Wenn Sie sich also wundern, wieso Ihr Kollege bei ihren selbstgebackenenen Weihnachtsplätzchen nicht zugreift ‒ das ist der Grund dafür.

Verbrannte Vanillekipferl und Fröbelsterne aus dem letzten Jahr

Wobei wir beim nächsten Problem wären: Dem Backen und Basteln. Irgendwie erwartet jeder von einem, dass man in der Adventszeit Plätzchen backt oder zumindest Weihnachtsdeko bastelt. Doch wie lässt sich das neben Geschenkekauf und Adventsfeier-Hopping einplanen? Ganz einfach – gar nicht. Aber so pessimistisch wollen die meisten Menschen dieses Thema nicht angehen. Denn wenn jeder andere zur Weihnachtsfeier im Hauskreis Plätzchen mitbringt, will man nicht als Einzige keine anzubieten haben.

Also stelle ich mich nach der letzten Weihnachtsfeier noch ans Backblech. Doch wer den Plätzchenteig erst um zehn Uhr abends mit müden Augen anrührt, sollte sich nicht darüber wundern, dass die Vanillekipferl eher schokobraun werden. Aber was soll’s! Für solche Fälle werden sie ja mit Puderzucker bestäubt. Was das Basteln angeht, hole ich die Fröbelsterne aus dem letzten Jahr vom Speicher und tue so, als hätte ich sie vor zwei Tagen gebastelt. Dass ich sie gar nicht selbst gebastelt, sondern geschenkt bekommen habe, verschweige ich dezent. Ich bin ja kein Bastel-Muffel, nur die Zeit hat mal wieder nicht gereicht. Nächstes Jahr fange ich ganz sicher schon in den Sommerferien an, Weihnachtssterne zu basteln. Dann sind sie spätestens an Heiligabend fertig.

Wenn Ihnen bei dieser durchstrukturierten Weihnachtsplanung auch schon der Kopf raucht, wird es Zeit für den nächsten wichtigen Programmpunkt: Weihnachtsmarkt samt Glühweintrinken. Zwar sind Weihnachtsmärkte generell überfüllt und überteuert, aber sie stehen nun mal in dem Ruf romantisch zu sein. Und falls Sie sich wundern: Dass Ihre Füße eiskalt sind und Sie sich am Glühwein die Zunge verbrennen, muss so sein. Nur so erleben Sie das Original-Weihnachtsmarkt-Feeling!

Weg mit dem Beiwerk!

Nach vier Wochen voller Plätzchen backen, Geschenke kaufen, Weihnachtsmärkten und Weihnachtsfeiern hat die Adventszeit zum Glück ein Ende. Und wenn ich dann an Heiligabend in der Christvesper sitze und langsam, aber nur langsam wieder zur Ruhe komme, bin ich dankbar: Ich habe es überstanden. Erst in einem Jahr ist wieder Weihnachten. Und vielleicht, aber nur vielleicht erahne ich in diesem kurzen Moment der Stille, dass Weihnachten eigentlich mehr ist. Dass es um einen Gott geht, der zu uns gekommen ist, um uns Frieden und keine Hektik zu schenken.

Während ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich plötzlich: Was haben selbstgebackene Plätzchen, Geschenke, Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte eigentlich mit Weihnachten zu tun? Wenig bis gar nichts! Also zünde ich mir erstmal eine Kerze an und esse einen Lebkuchen. Dann sage ich alle Weihnachtsfeiern ab. Wenn jemand beleidigt deswegen ist, kriegt er sich spätestens bis nächstes Weihnachten wieder ein. Danach bestelle ich für alle Familienmitglieder Gutscheine oder Kalender. Damit kann ich nichts falsch machen. Im Anschluss daran nehme ich ein entspannendes Bad und überlege mir, was ich mit der ganzen Zeit anfange, die ich nun nicht auf Geschenkesuche oder beim Plätzchenbacken verbringe.

Es stimmt eben doch: Die Weihnachtszeit ist wunderschön.


Kommentare

Von lesel am .

Beim10. Kalender - natürlich mit Beispielen für richtigen Weingenuss! - viel Freude an den Wänden!
Ein besinnliches Weihnachten trotzdem!

Von M. Barth am .

So ein schöner Artikel, ich habe gleich richtig gute Laune bekommen. Vielen herzlichen Dank!

Von Andi F. am .

Hallo, ich liebe Weihnachten :-) Schon seit einigen Jahren haben wir das "Wichteln" in unserer Familie eingeführt. 4 Wochen vor Weihnachten gibt es eine Wunschliste in die man sich einträgt. Manche schreiben 3-4 Wünsche auf, manche nur einen. Tja, dann besorgt jeder sein Geschenk und verpackt es nett und persönlich, und an Weihnachten bekommt jeder ein Geschenk. Das klappt super und der Stress bleibt aus. Eine gesegnete Adventszeit und hoffentlich wenig Stress!

Von Libby am .

Alles so viel Stress - ich denke, es reicht doch auch wenn nur jedes zweite Jahr Weihnachten ist ...


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