25 Jahre Mauerfall / Interview Lesezeit: ~ 6 min

Der revolutionäre Pfarrer

Wie Thomas Küttler ein Stück Demokratie in die DDR brachte

Eigentlich gelten Hauptstädte als Epizentren gesellschaftlicher Veränderungen. Doch der auslösende Funke der friedlichen Revolution und des Mauerfalls am 9. November 1989 ging von der sächsischen Provinzstadt Plauen aus. Hier kam es zu einer ersten bürgerlichen Massendemonstration im Oktober 1989. Thomas Küttler war es, der als Vermittler den friedlichen Ausgang der Demonstration herbeiführte. Heute ist der ehemalige Superintendent und Pfarrer im Ruhestand.

ERF Online: Was fand an diesem 7. Oktober 1989 in der sonst beschaulichen Kleinstadt Plauen statt?

Thomas Küttler: Die Stadt hatte damals 80.000 Einwohner. Am 7. Oktober versammelten sich  zwischen 15.000 und 20.000 Menschen in der Innenstadt; es war die erste große Massendemonstration. Wir waren selbst überrascht, wie viele hier etwas unternehmen wollten. In unseren Augen sollte das nicht mehr existenzfähige Gebilde DDR ein Ende finden. Dass eine grundlegende Änderung der Verhältnisse eintreten müsste, ist in Plauen schon von Anfang an ein Thema gewesen. Von Wiedervereinigung war am 7. Oktober allerdings noch nicht die Rede. 

ERF Online: Von der friedlichen Revolution reden wir heute. Die Reaktion auf die erste Massendemonstration war alles andere als friedlich.

Thomas Küttler: Es ging gewalttätig los. Um 15 Uhr kam ein Pfiff. Wer den verursacht hat, weiß ich nicht. Die Menge stand erst in Grüppchen, zog sich dann aber zusammen. Daraufhin rückten die Polizeikräfte mit Hunden an; Schlagstöcke kamen auch zum Einsatz. Später wurden auch Wasserwerfer eingesetzt. Dann fuhr die Polizei in die Menge rein. Es herrschte eine aggressive Stimmung. Man wollte die Menschenmasse spalten und verdrängen. Dann ist das Wasser ausgegangen; damit war es vorbei. Da kam nur noch Gejohle und Erheiterung aus der Menge, wie wenig Kraft hinter der Polizei steckte. Das sind so kleine Szenen, an denen deutlich wurde, dass die Menschen merkten: Hier tut sich etwas Ungewöhnliches.

ERF Online: Haben Sie gespürt, dass die Situation festgefahren war?

Thomas Küttler: Das beschreibt es gut. Deswegen haben wir in der Zwischenzeit überlegt: Was ist zu tun? Mir kam der Gedanke: Es könnte jemand ins Rathaus gehen. Ob das gelingen würde, war unsicher. Denn dort waren bewaffnete Organe, die das Rathaus abriegelten. Der Gedanke ließ mich aber nicht los: „Hier bist du gefordert! Das kannst du nicht an jemand anderes delegieren. Du kannst dich nicht herausreden.“ Dann bin ich – im Bewusstsein der Unterstützung anderer, im Glauben und im Gebet – zu den Sicherheitskräfte gegangen und habe gesagt: „Ich muss mit dem Oberbürgermeister sprechen. Er kennt mich.“

Und siehe da, der führende Polizist rückte ein kleines bisschen beiseite, um anzudeuten: An mir soll es nicht hängen, wenn du hier nicht reinkommst. Ich hab ihn später leider nicht wiedergetroffen. Aber ich bin ihm sehr dankbar, dass er dieses kleine Signal gesetzt hat. Ich kam ins Rathaus. Der Oberbürgermeister zeigte eine Mischung aus Wut über die Randalierer –  wir waren ja angeblich Randalierer – und Unsicherheit, ob er eine Chance hat, die Sache friedlich zu beenden.

ERF Online: Wie sah die Lösung für diesen Tag, den 7. Oktober, aus?

Thomas Küttler: Ich habe zum Oberbürgermeister gesagt: „So wird die Menge nicht friedlich bleiben, wenn hier keine Reaktion erfolgt, sondern nur auf Abschreckung gesetzt wird.“ Da sagte er plötzlich: „Oder Sie sprechen zu dem Volk.“ Ich erwiderte: „Da bin ich bereit“, obwohl ich merkte: Jetzt wird es heiß. Wir haben ausgemacht, dass ein in der folgenden Woche Gespräch zwischen dem Oberbürgermeister und den Vertretern der Demonstranten stattfinden soll. Die Vertreter sollte ich aussuchen.

Das hat sicher dazu beigetragen, dass die Menge sich gesagt hat: „Das kann ein gutes Ende nehmen.“ Dann setzten die Abendglocken der Lutherkirche ein. Ich habe gesagt: „Wir beenden damit unsere Demonstration friedlich. Die Glocken läuten den Sonntag ein.“ Und da kamen die Sprechchöre: „Wir kommen wieder.“ In Plauen war das eine ganz massive Ansage: „Wir lassen hier nicht mehr locker.“

ERF Online: Mit welchem Gefühl sind Sie an diesem Abend nach Hause gegangen?

Thomas Küttler: Eines meiner erwachsenen Kinder sagte: „Vater, du hast dich auf ein gefährliches Terrain begeben. Ich staune zwar, dass die Demonstranten dir zugehört haben und zu keiner Gewalt aufgerufen haben. Du hast was bewirkt. Pass aber auf, was in den Zeitungen daraus gemacht wird. Die Bevölkerung wird sagen: Der hat zu sehr nachgegeben.“ Einige übten etwas Kritik und sagten: „Das ist noch nicht entschieden.“ Die Mehrzahl war überzeugt, dass es gut gelaufen sei. Es fühlte sich an wie ein Sieg, ein Anfang, ein Durchbruch.“

ERF Online: Sie sagen heute, der Mauerfall, die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung Deutschlands sei ein Wunder Gottes. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Thomas Küttler: Ich lasse mir nicht ausreden, dass in der Wende Gottes Wirken besonders zu spüren war.  Wir haben das in Plauen am 5. Oktober mit der ersten Friedensandacht erlebt. Wir hatten ursprünglich ein Treffen der Bürgerrechtsgruppe geplant, um die Wahlfälschung aufzudecken. Da machte der Oberbürgermeister mir mächtig Druck: Das dürfe nicht stattfinden, das wäre aufrührerisch.

Also haben wir eine Friedensandacht gemacht. Das war sehr glaubensstärkend, da kamen Menschenmassen. Auch Nichtchristen, die in der Kirche genau zugehört haben und ihren Beifall mit Bedacht gesetzt haben, sind beim Gebet still gewesen und haben gespürt: „Da ist noch eine andere Dimension, die mich berührt.“ Das hat mein Herz bewegt.  

ERF Online: Sie saßen in den Folgemonaten mit am runden Tisch, der einen Austausch zwischen Bürgerrechtlern, Kirchenvertretern und Vertretern der Stadt gefördert hat. Was konnte hier erarbeitet worden?

Thomas Küttler: Der runde Tisch war vorbildhaft für eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten keine Demokratie mehr kannte. In Plauen ist es uns sehr gut gelungen, eine Zusammensetzung herzustellen, die die Meinungsvielfalt in der Bevölkerung repräsentierte. Für die Kirchenvertreter war es wichtig, dass die Mauer zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden durchlässiger wurde. Es ging oft um ganz weltliche Dinge wie Pflastersteine. Wir waren an der Wirklichkeit dran.

ERF Online: Damals waren die Kirchen rappelvoll. Heute sieht es anders aus: Gähnende Leere im Kirchenschiff. Was hat die evangelische Kirche in dem letzten Vierteljahrhundert falsch gemacht?

Thomas Küttler: Es ist enttäuschend, dass Kirche erst jetzt richtig den Gegenwind der Welt erfährt. Aber – nun kommt das große Aber – nie waren Gemeinden so lebendig. Nie waren sie so engagiert. Man kann diese lebendigen Gemeinden von heute nicht vergleichen mit den Gemeinden vor 1918. Dort hatte der Pfarrer alles zu sagen. Keiner von uns möchte die Volkskirche von damals wieder haben. Sie hatte ihre Zeit.

Mit Statistiken kann man die Kirche nicht erfassen. Es ist im Grunde ein Geheimnis, eine verborgene Realität. Diese Realität wird sichtbar an dem, was Christen tun und wo sie sich von anderen unterscheiden. Ich habe keine Angst, dass sich nicht herauskristallisieren wird, dass wir nicht auf die Reste der Volkskirche bauen. Sondern, dass wir versuchen, Menschen zu versammeln im Namen Jesu Christi. Dort gewinnen sie so viel, dass sie das in ihrem Leben nicht missen möchten, sondern bereit sind, für die Kirche ihr Engagement einzubringen.

ERF Online: Wie würden Sie die vorrangige Aufgabe evangelischer Christen in unserer Gesellschaft heute sehen?

Die gesellschaftliche Wirksamkeit insgesamt lässt nach. Wir haben keinen Einfluss darauf, ob sich die Gesetze so nah wie möglich an Gottes Geboten orientieren. Es wird zum Beispiel bei der Sterbehilfe immer mehr liberalisiert. Der Glaube wird mehr und mehr eine Frage des persönlichen Entschlusses. Der gesellschaftliche Einfluss  wird indirekt auch immer wieder am Werk sein: Wo der Christ seinen Glauben lebt, merken es auch andere.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview!


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