Textauszug

Hitlers Rache

Welche Folgen das Stauffenberg-Attentat für die Familien der Attentäter hatte.

 

Hitlers Rache 
Kurzbeitrag aus: Gott sei Dank!

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurden nicht nur die Attentäter und ihre Verbündete hingerichtet. Auch ihre Familien blieben nicht verschont. Friedrich-Wilhelm von Hase, dessen Vater im Zusammenhang mit dem 20. Juli verurteilt und hingerichtet wurde, hat mit „Hitlers Rache: Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer“ im Juni dieses Jahres ein Buch zu diesen Ereignissen herausgeben. Er selbst und andere Zeitzeugen berichten darin, was sie und ihre Familien nach dem Hitler-Attentat zu erdulden hatten. In einem gekürzten Textauszug präsentieren wir hier die Erinnerungen von Margarethe von Hase, der Mutter des Herausgebers.

Am 1. August wurde ich, und einige Stunden später wurden meine beiden Kinder von der Gestapo verhaftet. […] Ich wurde in das Gefängnis nach Berlin-Moabit gebracht und kam in eine Einzelzelle des Ganges, wo die zum Tode Verurteilten untergebracht waren. Jede Nacht wurden aus den Nebenzellen Frauen zur Hinrichtung abgeholt; diejenigen, die zu schwach waren, um gehen zu können, wurden auf einen Wagen gelegt und so aus dem Gefängnis geschafft. Unbeschreiblich war das Schreien der gequälten Opfer, nie kann ich das vergessen. […] Ich erfuhr weder etwas über meinen Mann noch über unsere Kinder.

Wochenlange Einzelhaft und Verhöre durch Gestapo

Erst nach einigen Wochen Einzelhaft wurde ich verhört. Die Verhöre begannen abends und wurden am nächsten Morgen früh fortgesetzt. Noch jetzt erscheint es mir als ein Wunder, dass ich in einem Verhör, das von fünf Kommissaren geführt wurde und einen ganzen Tag dauerte, standgehalten habe. Einer der Kommissare schüttelte mich bei seinen Worten: „Sie regen sich ja gar nicht auf.“ Nun fing die Gestapo an, mit anderen Mitteln auf mich einzuwirken. Der Kommissar schrie mich an, dann zeigte er eine triumphierende Miene: „Ihre Tochter hat uns schon gestanden, dass sie alles wusste; sie hatte doch die geheimen Befehle Ihres Mannes für ihn abgetippt.“ Ich erwiderte dieser Bestie: „Ich weiß, dass Sie ein Opfer haben wollen, schlagen Sie mich in Stücke, aber verschonen Sie mein unschuldiges Kind.“

Vom Schicksal meines Mannes erfuhr ich immer noch nichts. Eines Tages wurden mehrere verhaftete Damen für das politische Verbrecheralbum photographiert. Ich sah da die Gräfin York [sic], die neben mir stand; sie war erst viel später eingeliefert worden. Ich konnte nur wenige Worte mit ihr sprechen und fragte sie: „Was ist mit unseren Männern?“, und sie erwiderte: „Sie sind zusammen hingerichtet worden.“ Da die Gräfin mir nichts sagen durfte, musste ich all meine Kräfte zusammennehmen, um mir nichts anmerken zu lassen. […]

Unser Jüngster, mein siebenjähriger Sohn Friedrich-Wilhelm wurde um elf Uhr nachts von zwei Gestapoleuten aus dem Bett gerissen und fortgebracht. Wie wir später erfuhren, wurde er mit anderen Kindern der wegen des Anschlags vom 20. Juli Verhafteten nach Bad Sachsa (Harz) in ein Kinder-KZ gebracht. (…)

„Hier hat Ihr Mann vor seiner Hinrichtung gesessen!“

Eines Tages betrat ein Pfarrer meine Zelle; es bedeutete auch für ihn eine große Gefahr. Pfarrer Poelchau brachte mir die letzten Grüße meines Mannes; dann sagte er, ich müsse nun auch bald vor Gott stehen, und gab mir einen Spruch für den letzten Gang. Gott aber hat es anders gewollt; ganz unerwartet waren wir eines Tags frei. Am Vormittag dieses Tages wurde die Zellentür geöffnet, und die einzige nette Beamtin, Frau H. flüsterte mir zu: „Heute werden Sie eine große Freude haben.“ Ich verstand sie nicht und dachte darüber nach, was sie wohl meine, vielleicht würde mir etwas Wärmeres zum Anziehen gebracht? Ich war doch im Sommerkleid verhaftet worden und fror nun sehr, war es doch inzwischen Oktober [sic] geworden. […] Nach einiger Zeit kam Frau H. wieder und rief mir zu: „Kommen Sie mit, Sie dürfen nun die Zelle mit Ihrer Tochter teilen.“ Ich wusste wirklich nicht, wie mir da zumute war, ich sollte meine Tochter Maria wiedersehen! Die Freude überwältigte mich fast. Wir eilten nun die Treppen hinab und hinauf zur Zelle 44 [sic]. Die Tür wurde aufgerissen, und meine Maria stand vor mir; sprachlos sah sie mich an, es war fast zu viel für uns beide. Meine so sehr geliebte Maria, nun stand sie wirklich vor mir. Da trat eine andere Beamtin ein und sagte nur, sich an uns beide wendend: „Sie sind frei!“

Als wir auf den Flur hinaustraten, standen auch mehrere andere Damen, die zu den Verhafteten des 20. Juli gehörten, da. Uns wurden jetzt die Ringe und all das, was uns bei der Einlieferung abgenommen worden war, wieder ausgehändigt. Danach wurden wir mit einem Kraftwagen zu einer SS-Dienststelle in die Meineckestraße in Berlin-Wilmersdorf gefahren. Hier wurden wir in einen Raum gewiesen, in dem wir warten sollten. Da fragte ein Gestapomann eine der schon anwesenden Damen: „Wie finden Sie diesen Raum?“ Die Gefragte begriff nicht recht, was mit dieser Frage beabsichtigt sei, und meinte nur: „Nun, wie soll ich mich schon hier fühlen?“, worauf der Mann weiter fragte: „Heimelt Sie dieser Raum nicht sehr an?“. Da sie auch diese Frage nicht verstand, setzte der Kommissar zynisch hinzu: „Hier hat doch Ihr Mann vor seiner Hinrichtung gesessen!“

Ich wurde dann in ein sehr elegantes Zimmer geführt […]. Ein Sturmbandführer wandte sich mit folgenden Worten an mich: „Der Reichführer SS lässt Ihren jüngsten Sohn, der nun anders heißt, also nicht mehr den Namen seines Vaters führt, auf seinem Gut erziehen.“ War das noch menschlich? Nur mit aller Kraft konnte ich mich aufrechterhalten [sic] und fragte, wo er sich denn befinde; seelenruhig antwortete er: „Das darf ich Ihnen nicht sagen.“ Warum bin ich denn nicht hingerichtet worden, dass ich auch diese Seelenqual noch erdulden muss?, so fragte ich mich. Der Sturmbandführer fuhr fort: „Sie wissen, dass Sie nichts mehr besitzen, auf Grund des Urteils des Volksgerichtshofs ist Ihr Vermögen und alle anderen Werte zu Gunsten des Staates eingezogen worden. Ihre bisherige Wohnung dürfen Sie nicht mehr betreten; sollten Sie in Berlin bleiben, haben Sie sich jeden Tag bei der Polizei zu melden.“

Frei und doch nicht frei

Nachdem meiner Tochter Maria dasselbe eröffnet worden war, durften wir die Meineckestaße verlassen. Auf der Straße überlegten wir, wohin wir nun gehen könnten, und wir entschlossen uns, Schleichers um Rat zu fragen. Frau Schleicher, geb. Bonhoeffer, war eine Nichte meines Mannes. Ein furchtbares Gefühl war es für mich, anderen Menschen zur Last zu fallen und ihnen vielleicht noch Schwierigkeiten zu bereiten. Zögernd klingelten wir an der Haustür. Und nun geschah etwas, was mir unvergesslich bleiben wird: Schleichers empfingen uns mit nicht zu beschreibender Herzlichkeit. […]

Kaum saßen wir, da läutete der Fernsprecher, und die Gestapo fragte, ob wir dort seien. Ich wollte fort, aber meine Tochter meinte, wir werden ja doch überall gefunden. Am nächsten Tag, als wir am Frühstückstisch saßen, wurde sehr stark an der Haustür geklingelt, und herein stürzten Gestapoleute mit vorgehaltenen Revolvern. Durch unsere Freilassung wollte man also nur erfahren, wer uns aufnimmt, also zu uns gehört. Der Schwager des Hausherrn, der gekommen war, uns zu begrüßen, wurde verhaftet und später auch Professor Schleicher. Dass wir somit Ursache des Todes dieser ritterlichen Herren waren, die uns so hilfsbereit zur Seite standen, werde ich bis zu meinem Tode nicht überwinden können. Welche Seelengröße beweist unsere Nichte mir gegenüber, die für meine Selbstvorwürfe immer nur tröstende Worte findet. […]

Nun wurde auch unser ältester Sohn Alexander aus der Haft entlassen, und es gelang ihm in das Panzergrenadierregiment nach Schwedt a. d. Oder zu kommen. Wie sehr hatte ich mich auch um ihn gesorgt, hatten doch die Gestapoleute während der Autofahrten geprahlt, wen sie alles „im Gestapogefängnis erschossen“ hätten und „dass sie alles drankommen“. Es schien ihnen Freude zu machen, hervorzuheben, dass sich Alexander noch in diesem Gefängnis befindet. Diese Teufel hatten die Absicht, mich für die Verhöre zu zermürben. An dieser Stelle ist es mir eine Ehrenpflicht, den Namen des Heerespsychologen, Herrn Dr. Simoneit zu erwähnen, der sich selber anbot, Alexanders Vormund zu werden, und das obgleich er damit sein eigenes Leben auf Spiel setzte.

Glaube gab Kraft durchzuhalten

Von meinen vier Kindern wurde nur meine älteste Tochter Ina, verehelichte Medem, nicht verhaftet; sie wurde zwar stundenlang verhört, und auch an seelischen Qualen blieb auch ihr nichts erspart. Man bedenke, dass meine Tochter einen wenige Monate alten Sohn hatte und ihr Mann sich mit seiner Truppe im schwersten Osteinsatz gegen die Bolschewiken befand. So war meine Tochter in diesen schweren Monaten völlig allein; sie selbst meinte später einmal: „Ihr wart alle wie von einem Vulkan verschluckt und ich stand ganz allein.“ […]

Lange, schwere Wochen folgten zwar für uns, und dennoch wusste ich Gott nicht genug zu danken, dass er mir meinen sehr geliebten jüngsten Sohn Friedrich-Wilhelm wiedergab. Wie gleichgültig war mir da, dass uns alles genommen war. […] Wenn ich meine Erinnerungen hiermit beschließe, möchte ich es mit den Worten tun, die meine Freundin Ilse Braune in mein Gästebuch schrieb: „Schließlich sind es doch die Beziehungen der Menschen untereinander, die dem Leben seinen Wert geben.“ Die Richtigkeit dieser Worte lernt man erst in Zeiten der Not richtig verstehen. […]

Nun liegt ein langer Lebensweg hinter mir; Jahr um Jahr verging. Wie viel Leid und Not ich auch erlebt habe, die eine Gewissheit bleibt in mir, dass wir Kraft haben, das Leben zu bestehen, nur durch unseren christlichen Glauben, denn „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde, wenn der Wind darüber gehet, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ (Psalm 103, 15-16)

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Hitlers Rache

Hitlers Rache

Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer

Autor:
Hase, Friedrich-Wilhelm von (Hrsg.)
Art:
Gebunden, 368 S.
Preis:
19,95 EUR

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Kommentare

Von Jaques LeMouche am .

Ein sehr guter, wichtiger Beitrag. Der Wert des Buches kann nicht hoch genug geschätzt werden. Vor allem deswegen, weil in Qualitätsmedien gerne ein völlig falsches Bild vom Widerstand gegen Hitler propagiert wird. Der Grund ist darin zu suchen, dass Widerstand fast ausschließlich aus einer Richtung kam, die dem heute mehrheitlichen linken Journalismus nicht behagt. Es ist auch widerlegt, dass viele Widerständler zu Beginn begeisterte Hitler-Anhänger waren. Die Leute um General Ludwig Beck mehr


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