Interview

Geben macht glücklich

Warum Maggie Gobran sich leidenschaftlich für arme Menschen in Kairo einsetzt. Ein Interview

Maggie Gobran ist eine Frau, die keine Schwierigkeiten scheut. Im Gegenteil: 1989 gab sie ihre akademische Laufbahn auf und gründete die Wohltätigkeitsorganisation Stephen's Children, die sich für die Bewohner der Kairoer Slums einsetzt. Damit konfrontiert sie sich bewusst mit Leid und Armut. Dieser Schritt hat ihre persönliche Werte ganz neu geordnet. ERF Online hat sie interviewt

ERF Online: Frau Gobran, Sie waren wohlhabend, bevor Sie die Organisation “Stephen´s Children“ gegründet haben. Wie kam es bei Ihnen zu der Entscheidung, sich für arme Kinder in Ägypten einzusetzen?

Maggie Gobran: Im Laufe des Lebens versucht man immer wieder etwas Neues, bis irgendwann das Neue nicht mehr attraktiv erscheint. Dann fragt man sich, ob das alles war. In dem Moment beginnt man, tiefer nach Sinn zu graben. Leider ist es so, dass wir manchmal zu beschäftigt sind, um dem Sinn des Lebens nachzuspüren. Besonders dann, wenn wir reich sind, erfolgreich und Macht haben. Doch wir müssen dem wahren Sinn auf die Spur kommen. Mich ließ dieses Gefühl nicht mehr los und genau das brachte mich zu den wirklich bedeutungsvollen Dingen.

„Geben bewirkt Wunder.“

ERF Online: Wie hat Ihr soziales Engagement Ihre Persönlichkeit und Ihren Glauben an Gott geprägt?

Maggie Gobran: Wenn ein Mensch immer nur von anderen etwas erwartet und beschenkt werden will, prägt das seine Persönlichkeit. Er wird immer nur darauf warten, noch mehr zu bekommen. Trotzdem wird er nie zufrieden sein. Ganz anders jemand, der beginnt zu schenken und zu geben. Er wird einen ganz neuen Sinn in seinem Leben entdecken. Geben bewirkt Wunder. Doch das kann nur derjenige nachvollziehen, der das auch umsetzt. Als ich diese Einstellung bekam, hat das meine Persönlichkeit enorm verändert und damit auch viele Menschen um mich herum. Dadurch habe ich die Geschenke des Lebens erkannt.

ERF Online: Jedes Engagement bleibt letztendlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Lohnt es sich trotzdem, sich für die Armen einzusetzen?

Maggie Gobran: Jedes Engagement ist nur ein Tropfen im Ozean. Doch der Ozean wäre ohne diesen einen Tropfen nicht derselbe. Dieser Tropfen ist wichtig. Außerdem profitiert die gebende Person davon, denn wird durch das Geben verändert.

Menschen sollen wahre Menschen sein. Sie sollen sich nicht gegenseitig ermorden oder sich nur um sich selbst drehen. Das ist nicht menschlich. Menschen sollen glücklich sind und das werden sie, wenn sie anfangen zu geben. Gib deine Rechte ab und du wirst verstehen, was Zufriedenheit und Freude ist. Nur wenn du akzeptierst, weniger zu bekommen, bekommst du mehr. Aber du wirst nur dann die Tiefe der Freude erleben, wenn du gibst.

„Liebe und tu, was immer du kannst.“

ERF Online: Macht es einen Unterschied für einen Menschen, ob er Hilfe von einem Christen oder einem Nichtchristen erfährt?

Maggie Gobran: Wenn ein Christ jemandem etwas weitergibt mit vielen Gebeten, ist es gut. Wenn ein Ungläubiger etwas von Herzen weitergibt, ist es auch sehr gut. Doch gerade Christen sollten anderen mit ganzem Herzen helfen, denn das ist wahre Liebe. Christsein bedeutet letztendlich, den Nächsten zu lieben. Wahres Christsein heißt, aus der Liebe zu schöpfen und diese anderen weiterzugeben. Christsein heißt, zu lieben. Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Liebe und dann tu, was immer du kannst. Die Frucht ist direkt erkennbar, wenn das Herz dabei ist. Liebe bedeutet: Geben und mit Freude vergeben.

ERF Online: Menschen denken gelegentlich, dass Christen anderen Menschen nur praktisch helfen, damit diese Christen werden. Wäre diese Motivation in Ordnung?   

Maggie Gobran: Der hauptsächliche Sinn im Leben ist, anderen Menschen dabei zu helfen, die Wahrheit zu erkennen. Ich kann nicht für andere Menschen die Wahl treffen, was sie glauben oder nicht. Wir Christen sollten nicht anderen unsere Vorstellungen vom Glauben überstülpen wollen. Vielmehr ist wahres Christsein, anderen Menschen in die Nachfolge Gottes zu helfen. Wahres Christsein ist, das Beste für den anderen zu wollen und ihm den Freiraum und die Unterstützung zu geben, damit er eine gute Entscheidung treffen kann. Er soll sein persönliches Ziel erreichen, nicht mein Ziel. Diese Spannung muss ich als Christ aushalten.

ERF Online: Darf ich mir dann überhaupt wünschen, dass Menschen Jesus kennenlernt?

Maggie Gobran: Natürlich. Du kannst es dir wünschen und du kannst beten. Aber es ist wichtig, die Entscheidungen der Menschen zu respektieren. Häufig sind wir Christen schwach und leben nicht wie wahrhaftige Christen. Vielleicht messen wir auch unseren geistlichen Erfolg an den Besucherzahlen unserer Gemeinden. Das ist falsch. Jedes Wort, das wir beten und auch jedes Ergebnis gehört Gott. Ich will Menschen nicht von meinem Glauben überzeugen, sondern sie dabei unterstützen, ihren persönlich besten Weg zu finden.

Nichts geht ohne persönliche Ruhezeiten

ERF Online: Wenn Menschen immer ein offenes Ohr für die Sorgen anderer Menschen haben, besteht die Gefahr, dass sie sich dabei selbst verlieren. Wie schützen Sie sich davor, sich zu überarbeiten?  

Maggie Gobran: Das ist ein wichtiger Punkt für jeden Menschen. Viele Menschen überlasten sich mit zu viel Arbeit, weil sie ihnen viel Freude macht. Doch an diesem Punkt verliert man alles. Das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Ruhe ist für mich sehr wichtig. Ich habe für viele Menschen ein offenes Ohr, gleichzeitig kenne ich meine persönlichen Grenzen und gönne mir Auszeiten. Diese nutze ich, um zu meditieren und nachzudenken und auch meinen Einsatz für Menschen zu hinterfragen. Wenn wir anhalten und hören, ist es wie mit Wasser. Wenn es läuft, kann ich mich selbst nicht sehen. Doch wenn das Wasser ruhig ist, kann ich mein Gesicht im Wasser sehen.

Genauso ist es auch mit der Seele. Wenn ich permanent laufe und arbeite, verliere ich mich aus dem Blick. Doch nur wenn ich mich selbst wahrnehme und erkenne, weiß ich auch, wo ich mich verändern sollte. Mein Ziel wird klarer präsent sein. Ich will das Beste aus dem Leben rausholen. Dabei bin ich nicht alleine, Gott ist da. Er ist viel größer als ich selbst. Wenn ich mir eine Auszeit nehme und mit ihm über mein Leben spreche, wird er durch mein Leben gespiegelt.

Wenn ich Gott kein Gehör schenke, erkenne ich auch nicht die Wahrheit über mein Leben. Wie könnte ich dann verändert werden? Aus diesem Grund brauche ich jeden Tag Zeit für mich. Jede Woche benötige ich einen ganzen Tag um zu hören und jeden Monat einige Tage. Mir ist es wichtig, dass meine Prioritäten richtig sind und ich in der richtigen Spur bin. Wenn ich diese einfache Regel der Ruhe vor Gott befolge, werde ich meine Vision nicht aus den Augen verlieren.

ERF Online: Herzlichen Dank für das Interview. 


Kommentare

Von Libby am .

Diese Erfahrung hat der Schriftsteller Graham Greene auch gemacht: Durch Langeweile kam er ans Charity. Ich glaube, das kann wirklich erfüllend sein, mit einfachen Menschen, die mit wenigem zufrieden sind, zusammen zu sein und von ihnen zu lernen, und nicht nur die Einstellung haben, was bewirken zu wollen / können ... denn WIR können nichts tun, ohne Jesus schonmal gar nicht .. das nimmt viel Druck von uns


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