Flüchtlingshelferin Andrea Wegener berichtet aus dem Irak Lesezeit: ~ 6 min

“Kann man sich an so viel Gewalt gewöhnen?“

IS-Terroristen begehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Andrea Wegener war mit der Hilfsorganisation GAiN (Global Aid Network) im Irak – genau zu dem Zeitpunkt, als die Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) Christen in Mossul unter Todesdrohungen zur Konversion oder Flucht gezwungen hat. Während ihrer Zeit im Irak hat sie Tagebuch geschrieben. Wir dürfen es in Auszügen veröffentlichen. Den ersten Teil des bewegenden Berichts können sie hier nachlesen.

Mittwoch, 23. Juli, morgens

Flüchtlinge aus Mossul haben berichtet, wie mit dem Einmarsch der ISIS nach und nach alle Staatsgewalt abzog: Die Polizei wurde mit ISIS-Leuten besetzt, die Gerichtsbarkeit von ISIS-Sympathisanten übernommen. Alle erinnern sich daran, wie das offizielle irakische Militär die Stadt verließ und ISIS das Feld überließ. Christen und andere Minderheiten, die auf der Abschussliste der ISIS standen, fühlen sich ausgeliefert und von ihrem Staat und ihrer Armee verraten.

Es ist wirklich bitter: Der Irak ist reicher an Bodenschätzen als Saudi-Arabien, und wenn Frieden wäre, könnten alle Iraker in Wohlstand leben. Aber es ist eben kein Frieden. Wir fragen M., wie es wohl weitergehen wird und welche Lösung sich die Christen für ihr Land wünschen. Er schüttelt nur den Kopf. „Darauf gibt es keine einfache Antwort. Bei uns scheint immer irgendwer gegen irgendwen zu kämpfen. Wir beten nur, dass in all den Unruhen keine Menschen zu Schaden kommen und dass wir in allen Umständen Menschen ins Reich Gottes führen können.“

Freitag, 25. Juli, nachmittags

Es ist schwer, das Tagesgeschehen auszublenden. Neben meinem Zimmer ist eine neue Familie von Vertriebenen eingezogen, deren vielleicht dreijähriges Kind fast ununterbrochen schreit. Auch um die Familie, die seit letzter Woche hier wohnt, machen wir uns etwas Sorgen. Die Frau schleicht mit hängenden Schultern durch die Wohnung und schafft es kaum, irgendwem in die Augen zu schauen. Sie ist fast nicht ansprechbar, und wir haben den Eindruck, dass das nicht nur an ihren eher dünnen Englischkenntnissen liegt. Der Mann spricht uns immer an:  Können wir ihm helfen, einen Asylantrag für ein anderes Land zu stellen – egal in welchem?

Als ich eben in die Küche ging und meine Wasserflasche auffüllen wollte, saß er wieder da: „An-darea. Ich bin so traurig.“ Ich glaube nicht, dass Tränen zur Standardausstattung irakischer Männer gehören, und sein leises Weinen, bei dem ihm die Tränen über die Wangen liefen, hat mich doch etwas aus der Bahn geworfen. „Es ist gut, wenn du weinen kannst“, habe ich hilflos gemeint. Vielleicht spülen die Tränen ein bisschen Trauer weg.

Andrea Wegener (Foto: Privat)

Er hatte ein Handyvideo von „zuhause“ in Mossul angeschaut: nur ein paar Sekunden Film, in denen der Vierjährige vergnügt in einem Planschbecken auf dem Hausdach quietscht. Als er mir den Film zeigt, kommt sein Sohn auch dazu und fängt an zu jammern. „Er will schwimmen gehen“, übersetzt sein Vater und bricht wieder in Tränen aus. Ich flüchte mich in unser Zimmer. Frei machen ist nicht ganz einfach, wenn man mit traumatisierten Menschen zusammen wohnt.

 

Mittwoch, 30. Juli 2014

Einer unserer einheimischen Kollegen – ein Papa von vier kleinen Jungs – hat heute Morgen bei der Andacht kaum die Augen auf bekommen: Drei Verwandte haben sich mit ihren Familien bei ihm einquartiert. 16 Leute wohnen in der Dreizimmerwohnung – davon zehn traumatisierte Menschen, die bis in die Morgenstunden hinein reden und beten möchten, um irgendwie über ihren Schrecken hinwegzukommen. Die Alteingesessenen tragen es mit Humor und Geduld, aber die Nerven liegen langsam blank. Dabei wissen sie, dass alle, die bei Familien unterschlüpfen können, es noch gut erwischt haben. Am Rand der Stadt haben wir einige Dutzend Flüchtlinge gesehen, die sich im Rohbau eines großen Gebäudes einquartiert haben, das vielleicht mal ein Parkhaus oder Bürogebäude werden soll. Tücher hängen in den Fensterhöhlen, sanitäre Anlagen gibt es nicht.

Von einer Demonstration vor der UN letzte Woche abgesehen, wird die Situation der Christen aus Mossul nicht öffentlich wahrgenommen. Die irakischen und kurdischen Medien haben nur in einer Fußnote darüber berichtet. Die Bevölkerung kennen die Bedrohung, dass nur 50 oder 70 Kilometer entfernt Kämpfer auf beiden Seiten sterben, wenn ISIS irgendeine medizinische Einrichtung oder ein Dorf überfällt und die Peschmerga sie zurückschlägt.

Wir besuchen eines der christlichen Dörfer, in das sich seit dem Ultimatum vorletzte Woche Christen geflüchtet haben: Vier Familien mit insgesamt 18 Personen haben in einem vielleicht 60 oder 70 Quadratmeter großen Bungalow Zuflucht gefunden. Es gibt zwei Betten, einen Herd ohne Gas, eine nicht-angeschlossene Spüle, eine Handvoll Holzmöbel, Ess-Utensilien und sonst buchstäblich nichts. (Uns wird trotzdem ein Glas Wasser angeboten.) Die meisten schlafen auf dem Betonboden.

Wir haben das Haus kaum betreten, als eine ältere, gehbehinderte Frau uns auf Englisch mit dem Satz anspricht: „Sie haben uns alles abgenommen.“ Jetzt sitzt diese hochgebildete Frau, die mehrere Sprachen spricht, mit einem Laken über den Beinen auf einem Holzstuhl, den sie nicht verlassen kann. Sie erzählt von dem Haus, das sie hinter sich lassen musste, und von den Schikanen am Kontrollpunkt, bei denen man ihr alles abgenommen hat – sogar ihren Rollstuhl. Sie beginnt sofort zu schluchzen. 

Donnerstag, 31. Juli 2014, abends

Meine Zeit im Irak geht zu Ende.  So viele traurige Geschichten haben uns alle in den letzten Wochen müde gemacht, dass ich manchmal dachte, ich mag eigentlich nichts mehr hören. Aber jede dieser Geschichten mit jedem einzelnen gemeinen Detail verdient es, gehört zu werden. Was mich ganz neu fasziniert und tröstet, sind diese Sätze in den Psalmen, die wir morgens in der gemeinsamen Andacht lesen: Wie leidenschaftlich Gott auf Seiten der Unterdrückten steht und wie sein Zorn gegen die Übeltäter entbrennt. Und dass er denen Recht schaffen wird, die sich zu ihm halten. Bei Gott ist keine dieser Geschichten vergessen.

Eine Familie, die zur Chaldäisch-Orthodoxen bzw. Armenisch-Orthodoxen Kirche gehört, erzählt: „Sie haben uns befohlen auszusteigen, und sie haben uns durchsucht. Alle Wertsachen haben sie uns weggenommen, sogar meine Brille und meinen Ehering.“ Seit ihrer Flucht kann J. nur unklar sehen; es erklärt, warum sie immer ein bisschen verwirrt dreinschaut. Erst jetzt, nach fast zwei Wochen, kann sie zu einem Augenarzt gehen. „Uns haben sie auch aus dem Auto gescheucht“, schluchzt G. „Ich habe zu ihnen gesagt: ‚Ich bin doch eine alte Frau und mein Mann hat Rückenprobleme. Wir können nicht so einfach aussteigen.’ Aber der eine Mann hatte ein Gewehr und das hat er auf uns gerichtet. Wir haben uns also aus dem Auto gequält.“

„Sie haben uns angeschrien: ‚Wo ist euer Gold?’ Ich hatte solche Angst, dass ich ihnen einfach meine Tasche in die Hand gedrückt habe. Aber dann haben sie mir auch mein Gebiss abgenommen. Seither habe ich deswegen im Oberkiefer keine Vorderzähne mehr. Sie haben mir auch mein Blutdruckmessgerät abgenommen und unsere Haustürschlüssel. Ich hatte auch einen Rosenkranz dabei, den sie mir weggenommen haben, und ein Bild von Jesus. Das hat mir einer von den Männern aus der Hand gerissen. Er hat es auf den Boden geworfen und zertreten. Er hat mich angeschrieen und beschimpft. Dann haben sie mir auch noch befohlen, die Schuhe dazulassen.“ 

Kann man sich an so viel Gewalt eigentlich gewöhnen? Ich bin froh, dass ich gerade in den letzten Wochen hier sein konnte. Aber ich glaube, ich bin auch froh, wenn ich am Sonntag nach Hause komme.

Den gesamten Text finden Sie hier ...


Kommentare

Von ingrid am .

Andrea Wegener, danke für diesen aufwühlenden Bericht! Was können wir tun? Wie können wir helfen? Welche Antworten?: Unsichere, zögernde Politiker; schweigender schlafender Klerus.
Der Antichrist prescht vor, und keiner will es wahr haben. Hitler trat seine Machtan. Keine Instanz trat ihm entschieden entgegen! Wehret den Anfängen!
Ingrid

Von Felix am .

SCHNELL muß die IS geschlagen werden, um noch Menschenleben zu retten. Ohne USA / Europa geht dies sicher nicht mehr.
@Imre: christliche Werte gibt es sehr wohl auch in der Kirche, und ICH vermute, mehr als anderswo. Auch wenn es die gibt, die nur reden.
Aber was hilft diesen Irakern? Bzw. wer? Wofür beten wir Christen hier? Wie sieht eine "christliche" Hilfe aus? Ich weiss es nicht und wüßte es gern, glaube aber, dass dieser bestialische Terror die schnellste und effektivste Antwort braucht, mehr

Von Imre A. am .

Wer haben ISIS ausgerüstet,und auf den Weg gemacht?Putin,Iran,Lukasenko oder Viktor Orban?Ob West oder Ost christlicher ist?Auch davon musste die Rede sein.Die Lage hat sich verändert,und Ost ringt um die christliche Werte,weil die Kirche in West fast vollstän
dig unter die Wand der Kirche geriet.
Gott segne uns!


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