Söldner oder Missionar?

Machine Gun Preacher: nur ein Marketinginstrument

Sam Childers rettet Kinder- notfalls mit Waffengewalt

Der Prediger mit dem Maschinengewehr – unter diesem Titel setzt sich der ehemalige Drogendealer Sam Childers für Waisen und vom Bürgerkrieg traumatisierte Kinder im Norden Ugandas und im Südsudan ein. Mitten im Kriegsgebiet gründete er ein Waisenhaus. Statt Gewaltverzicht zu predigen, schreckt er beim Schutz der Kinder sogar vor dem Einsatz von Waffen nicht zurück. Ein Interview mit dem kontroversen Gottesmann.

ERF Online: Sie sind für wenige Wochen in Europa, um ihr Buch und ihren Dokumentarfilm vorzustellen. Bald kehren Sie zu den Kinderheimen im Südsudan zurück. Wie schätzen Sie die aktuelle politische Lage ein?

Sam Childers: Die Regierung war relativ stabil bis der Vizepräsident des Südsudan, Riek Machar, einen Putschversuch angezettelt hat.  Er ist dann schnell zurückgerudert und hat behauptet: „Es war kein Putsch, sondern eine Rebellion.“ Ich sehe da keinen Unterschied. Wenn man sich gegen die Regierung auflehnt, ist das ein Putsch.

Aber mal ganz unabhängig davon: Es werden abertausende unschuldige Menschen getötet, nur weil Vizepräsident Machar und viele seiner Anhänger keine Einigung anstreben. Der Putschversuch wird von Umar al-Baschir, dem Staatspräsidenten des Sudan, unterstützt. Ich sage das schon seit vielen Jahren: Baschir ist Auslöser der Probleme in Darfur, Südsudan und den benachbarten Ländern.

Mit Mördern kann man nicht verhandeln

ERF Online: Wenn Baschir in der Lage ist, den Süd-Sudan so zu destabilisieren – ist dann die Unabhängigkeit des Süd-Sudan nur eine Fassade?

Sam Childers: Präsident Baschir will noch immer Kontrolle über den Südsudan und Darfur ausüben. Der Grund dafür sind die Ölquellen. Außerdem glaube ich, dass Baschir die Scharia, das islamische Recht, etablieren will. Er ist der einzige Präsident in der Geschichte, gegen den während seiner Amtszeit ein Haftbefehl wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen ausgestellt wurde. Er hetzt die unterschiedlichen Stämme gegeneinander auf und finanziert die Rebellen, um die Kämpfe aufrecht zu erhalten und für Chaos zu sorgen. Es wäre wichtig, dass die Welt von ihm verlangt, sein Amt niederzulegen.

ERF Online: Welche politische Strategie würde den Menschen im Sudan und in Südsudan am ehesten helfen?

Sam Childers: Im Moment wird gezielt der Verhandlungstisch gesucht. Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird. Wie kann man mit Mördern verhandeln? Wie kann man sich mit jemandem an einen Tisch setzen, der im Hintergrund die Fäden eines Putschversuchs in den Händen hält? Ich halte es für falsch, das einfach zu vergeben und zu vergessen und so weiterzumachen, als ob nichts passiert wäre. So jemanden darf doch nicht im Amt belassen.

ERF Online: Für einen potentiellen Versöhnungsprozess spielt Vergebung eine gewichtige Rolle. Halten Sie es für möglich, dass die verfeindeten Parteien im Sudan einander vergeben?

Sam Childers: Ich glaube, darauf können wir nur hoffen. Aber seien wir ehrlich: Jede Nation auf der ganzen Welt hat schon Krieg erlebt. Mit der Zeit kann man das verarbeiten und in Frieden leben. Es liegt an jeder einzelnen Person. Jeder muss für sich beschließen, keinen Kampf mehr kämpfen zu wollen. Nehmen Sie mein Leben. Ich war vor vielen Jahren ein sehr unangenehmer Zeitgenosse. Heute sagt jeder zu mir: „Sam, was willst Du den Menschen zeigen?“ Ich möchte, dass man an meinem Leben erkennen kann, dass auch böse Menschen Gutes tun können. Ihr guten Menschen da draußen solltet noch viel mehr gute Dinge tun.

ERF Online: Sprechen wir über Ihre Arbeit im Sudan. In einem Ausschnitt  des Dokumentarfilms „Machine Gun Preacher“ sieht man, wie Sie einem älteren Jungen befehlen, vom Pick-up Truck zu steigen. Das Problem ist: Je größer und älter die Kinder, desto weniger können Sie retten. Für den betroffenen Jungen ist das eine Art Todesurteil.

Sam Childers: Stimmt genau. Wir waren auf einer Rettungsmission in einer Gegend, in die wir nicht mehr zurückkehren konnten. Dort waren etwa 40 Kinder und wir konnten nur einmal dorthin fahren. Wir konnten aber nur 15-18 von den 40 Kindern mitnehmen. Der Junge war schon etwas älter und ist aus eigener Kraft auf den Truck geklettert. Er dachte, er kann sich einschmuggeln.

Manchmal muss man harte Entscheidungen treffen. Mir selbst tun diese Entscheidungen sehr weh. Am liebsten wäre ich damals in ein Dorf gefahren und hätte jedes Kind gerettet. Aber das konnten wir einfach nicht. Und dann muss man eben schwere Entscheidungen treffen.

Sam Childers muss über Leben und Tod entscheiden

ERF Online: Wie gehen Sie damit um, solche Entscheidungen treffen zu müssen? Es ist doch fast grausam, dazu gezwungen zu werden.

Sam Childers: Das Wichtigste ist, sich mit dem Guten zufrieden zu geben, das man täglich tut. Man darf sich bei seinen Entscheidungen nicht darauf konzentrieren, was man nicht tun kann.  Sonst kann man keine Entscheidungen treffen. Man muss auf das Machbare schauen. Ich glaube, man muss hoffen und beten, jeden Tag die richtige Entscheidung zu treffen.

ERF Online: Bei Ihrem Einsatz für Kinder schrecken Sie auch vor Waffeneinsatz nicht zurück. Fühlen Sie schuldig, wenn bei einem solchen Einsatz jemand zu Tode kommt?

Sam Childers: Darüber habe ich bisher nie gesprochen. Ich bin seit 17 Jahren im Südsudan. Ich habe noch nie mit einem Nachrichtenreporter über diese Form von Gewalt gesprochen – und ich war schon bei CNN oder der BBC. Ich werde heute nicht damit anfangen.

ERF Online: Sie haben Ihr Leben riskiert, um Kinder im Kriegsgebiet zu retten. Ihre Familie in den USA musste mit der Furcht leben, Sie nie wieder zu sehen. Hat es Ihnen zu schaffen gemacht, Ihrer Familie diesen emotionalen Druck zuzumuten?

Sam Childers: Ich verstehe, was Sie meinen. Aber meine Familie war gut versorgt. Sie hatten ein Haus und ausreichend zu essen. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass es heute nicht annähernd so gefährlich ist wie Anfang 2000. Aber selbst wenn mir damals etwas passiert wäre: ich habe eine Lebensversicherung abgeschlossen und meine Familie hätte das Geld aus dieser Versicherung bekommen. Für meine ganze Familie wäre also sehr gut gesorgt gewesen.

ERF Online: Die Art und Weise, wie Sie ihre Aufgabe erfüllen wird überaus kontrovers diskutiert. Stört Sie das?

Sam Childers: Seien wir ehrlich. Jesus selbst war doch überaus umstritten. Man muss sich nur mal anschauen, was über ihn alles gesagt wurde. Deswegen ist es bei einem überzeugten Christen nicht anders. Wenn Jesus gehasst wurde und man auf Ihm herumgehackt hat, warum sollte es mir da anders gehen? So ähnlich steht das übrigens auch in der Bibel.

Unabhängig davon bin ich ein Mann der Freiheit. Ich bin Davon überzeugt, dass jeder Mensch auf der Welt die Freiheit haben sollte, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen leben zu können und dem zu dienen, dem man dienen will. Egal, ob man Muslim ist, Buddhist, Atheist oder Christ. Nichts anderes bedeutet es, in Freiheit zu leben.

„Ich bin nicht gewalttätig“

ERF Online: Gab es Momente in Ihrem Leben, wo  Sie versucht waren, aufzugeben?

Sam Childers: Ja. Es gab einen Moment, als ich darüber nachgedacht habe, alles hinzuschmeißen. Aber dann habe ich mir gefragt: „Was wäre das Ergebnis dieser Entscheidung?“ Und es dreht sich alles um die Kinder - nicht nur die in Afrika. Jeder von uns muss sich um das Wohlergehen aller Kinder dieser Welt kümmern. Es waren immer wieder die Kinder, die mich aufgebaut und neu belebt haben.

ERF Online: Ihnen wird nachgesagt, notfalls auch auf Gewalt zurückzugreifen. Auch Ihr Spitzname „Machine Gun Preacher  (Der Prediger mit dem Maschinengewehr) ist sehr martialisch. Haben Sie keine Angst, für Ihre Kinder ein schlechtes Vorbild zu sein?

Sam Childers: Nein, das glaube ich nicht. Der Name „Machine Gun Preacher“ ist nur ein Marketinginstrument. Viele, die mich als Redner erleben wollen – egal ob in Kirchen, Universitäten oder bei Tagungen – kommen aufgrund meines Spitznamens. Wenn man mich aber reden hört, stellt man schnell fest, dass ich keine gewalttätige Person bin. Mir geht es nur um Bildung und darum, Kinde zu wiederherzustellen, die Formen des Missbrauchs erlebt haben. Allein in den letzten 3 Jahren haben wir 4 Schulen gebaut.

ERF Online: Es heißt, der Zweck heiligt die Mittel. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Grenze, die man da nicht überschreiten sollte?

Sam Childers: Nein, nicht wirklich. Aber die Dinge haben sich auch sehr verändert. Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass die wirklich schweren Kämpfe Anfang 2000 nur ein paar Monate gedauert haben.  

ERF Online: Steht Ihr Engagement unter einer Art Motto?

Sam Childers: Jeder sollte jeden Tag versuchen, etwas für jemand anderen zu tun. In diesem Interview ging es hauptsächlich um Krieg und was im Krieg passiert. Vielleicht sollten wir alle uns mehr darauf konzentrieren, unserem Nächsten zu helfen. Jemandem, der Hilfe benötigt. Man kann nicht jeden Tag alle Probleme lösen. Aber wir können uns bemühen, jeden Tag unser Bestes zu geben. Wenn uns das gelingt, dann wird diese Welt ein besserer Ort.

ERF Online: Herzlichen Dank für das Interview.

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Childers, Sam (Hauptdarst) / Kevin, Evans (Regie)
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Die wahre Geschichte eines Predigers, der bis zum Äußersten geht, um Kinder zu retten

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Childers, Sam
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Kommentare

Von Oliver F. am .

Hallo,
ich habe selbst 13 Monate im Südsudan gelebt und weiß daher um die Situation der Einheimischen und Helfern.
Zu Sam Childers:
Gläubige die denken, dass
- Gott ihn gebraucht, unterstützt diesen Mann, denn diese Kinder haben wenige die wirklich helfen und es gibt tausende.
- er auf falschen Wegen wandelt, geht auf Eure Kniee und betet inständig für diesen Mann, dass er den Weg findet den Gott ihn vorgezeichnet hat. Eure Gebete werden erhört.
Es gibt dort auch andere christliche mehr

Von Helmut am .

Zum Beitrag vom " Knecht Jesu" ( sagt eigentlich alles!), hast du jemals ein vergewaltigtes Knd gesehen das mit einer Machete zerhackt wurde? Dann erklär mir nochmal das mit dem Gottes Geschöpf das dies getan hat und mit dem was Sam zur Not auch mit einer Waffe versucht zu verhindern!

Von Oliver am .

Dieser Mann ist ein ganz Großer unserer Zeit. Er hat alles aufgegeben um "unsere" Kinder zu retten. Ich bewundere ihn zutiefst. Jeder, der ihn, beschützt von unserer westlichen Dekadenz, denkt richten zu müssen, ist ein Heuchler. Wir wissen alle, daß wir auf Kosten der Ärmsten der Armen leben und sollten uns dafür schämen.

Von Mike S. am .

meiner meinung macht Sam Childers genau das richtige!
er redet nicht nur, sondern handelt wenn es sein muss.
ich wünschte ich könnte ihm helfen!!!?
meine hochachtung Sam Childers!
Mike

Von Linda S. am .

Christen sollten keine Menschen richten.
Ich bete für diesen Mann und ich bin überzeugt, dass man ihn nur verstehen kann, wenn man eine lange Zeit in seinen Schuhen läuft. Vom sicheren Deutschland aus kann man ihn und die Situation in Afrika sicherlich nicht beurteilen.

Von Knecht Jesu am .

Was dieser Mann dort tut hat nichts mit Jesus zu tun. Jesus hat seine Feinde und die Sünder geliebt und sein Leben für sie gegeben, Sam Childers schießt auf diese Menschen und Geschöpfe Gottes. Damit verdreht er das Evangelium und nutzt diese Kinder um Gewalt im Deckmantel der Bibel zu legitimieren. Dieser Mann ist kein Mann Gottes. Keine Seele auch nicht eine dieser Kinder geht verloren. Gott ist gerecht und wird diese Überltäter zu seiner Zeit richten. Dafür braucht er uns nicht. Warum haben mehr

Von Mike D. am .

Ich bin erschüttert und so sehr Berührt über die Arbeit die SAM CHILDERS dort im Süd Sudan da macht!! Auch ich habe eine kriminelle Vergangenheit und habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Mann. Wenn ich wüsste wie ich es Anstelle, so wäre ich sofort bereit auch mich dort einzubringen. Nur spreche ich ganz schlecht Englisch und bin auch sehr Arm. Aber gäbe es einen Weg, so würde ich ihn Nutzen.

Von Michael B. am .

Danke Herr Kaeseler für das Interview.
Ich habe von diesem Menschen zum ersten Mal gehört. Da es im Sudan kaum eine funktionierende staatliche Macht gibt, finde ich es sehr beeindruckend, wie Sam Childers dort sein Leben riskiert um Kinder aus der Gefangenschaft zu retten.
Ich persönlich wünsche ihm alles Gute.


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