Interview Lesezeit: ~ 6 min

Tausche Blue-Jeans gegen Tracht!

Hanna Ritscher wird mit 20 Jahren Diakonisse. Bis heute bereut sie diese Entscheidung nicht.

Während früher viele junge Frauen in den Dienst als Diakonisse gegangen sind, geschieht das heute nur noch im Ausnahmefall. Hanna Ritscher ist Diakonisse. Sie hat sich bereits mit 20 Jahren für dieses Leben entschieden. Über die Zukunft der Diakonissenhäuser und das Leben als junge Diakonisse hat ERF Online mit ihr gesprochen.

ERF Online: Mit 20 Jahren haben Sie sich dafür entschieden, als Diakonisse zu leben. Haben Sie sich auch davor schon Gedanken darüber gemacht?

Hanna Ritscher: Ja, natürlich habe ich mir schon vorher viele Gedanken darüber gemacht. Ich hatte eine recht lange Berufungsgeschichte mit einigen Etappen. Schon seit meinem 12. Lebensjahr kam immer wieder einmal die Sorge auf, dass Gott für mich den Weg einer Diakonisse vorgesehen hat. Ich selbst hatte ganz andere Vorstellung über mein Leben. Mit 18 Jahren erlebte ich dann ziemlich konkret die Berufung von Gott, verbunden mit einer klaren Beauftragung für das Mutterhaus Bleibergquelle in Velbert. Trotzdem habe ich zwei Jahre gebraucht, bis ich mich für dieses Leben entschieden habe.

Berufung puzzelt sich zusammen

ERF Online: Was hat Sie ermutigt, diesen Schritt zu machen?

Hanna Ritscher: Viele kleinen Puzzleteile haben sich letztendlich zusammengefügt. Mein Vater beispielweise hatte eine sehr konkrete Vorstellung darüber, was ich als Diakonisse tun könnte. Und das passte genau mit dem überein, was Gott mir gesagt hatte. Eine Freundin war zu Beginn dagegen, dass ich Diakonisse werde. Sie hat dann für mich in der Entscheidungsphase gebetet, dass ich Klarheit kriege. Insgeheim hoffte sie, dass Gott mir klarmachen würde, dass das nicht mein Weg ist. Später kam sie dann auf mich zu und erzählte mir, Gotte habe ihr gesagt: „Lass Hanna los, lass Hanna gehen. Das ist mein Weg, den ich mit Hanna gehen will.“ Seitdem unterstützt sie mich.

Außerdem habe ich für einige Zeit im Mutterhaus mitgelebt. In dieser Zeit habe ich mir von Gott ein konkretes Wort erbeten. Abends schlug ich dann die Bibel auf und dabei fiel ein Schnipsel raus, den ich irgendwann hineingelegt hatte. Ich fing an diesen zu lesen und da heißt es in Daniel: „Du aber geh deinen Weg zu Ende. Dein Erbe wird dir zuteil werden.“ (Daniel 12,13) Und dabei fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte Schritte in diese Richtung gemacht. Ich war bereits Teil der Diakoniegemeinschaft des Mutterhauses und hatte auch die Bewerbung geschrieben. Trotzdem zögerte ich nun. Doch ich sollte den Weg weitergehen. Diese Puzzleteile meiner Berufung sind für mich Bestätigungspunkte, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

ERF Online: Sie haben sich immer eine große Familie und einen Ehepartner gewünscht. Warum haben Sie sich trotzdem ganz bewusst für ein Leben als Diakonisse entschieden?

Hanna Ritscher: Also für mich war es zu irgendeinem Zeitpunkt zwischen dem 18. und dem 19. Lebensjahr klar, wenn ich diesen Weg nicht gehe, nehme ich Segen von meinem Leben. Ich wusste, das ist meine Bestimmung von Gott. Und ich wusste, ich will Gott gehorsam sein und ihm vom ganzen Herzen dienen.

„Die Tracht engt mich nicht ein.“

ERF Online: Eine Diakonisse fällt aufgrund ihrer Tracht sofort auf. Die Tracht verrät die Lebensweise und die Berufung. Vermissen Sie es manchmal, dass Sie sich nicht modisch kleiden können?  

Hanna Ritscher: Es gibt Momente, wo ich mich lieber anders kleiden würde und mit Kleidung noch stärker meine Persönlichkeit ausdrücken will. Ich war jetzt nie jemand, der jedem Trend hinterhergelaufen ist und sich immer topmodisch gekleidet hat. Trotzdem war Kleidung für mich auch immer Ausdruck meiner selbst. Als Diakonisse kleide ich mich jetzt immer gleich. Doch im Mutterhaus trage ich nicht immer meine Tracht. Auch im Urlaub tragen wir reguläre Kleidung.

ERF Online: Haben Sie nicht den Eindruck, dass die Tracht Sie einengt?

Hanna Ritscher: Die Tracht engt mich nicht ein, aber sie stellt mich in einen gewissen Fokus. Als ich kürzlich mit meiner Freundin spazieren war, fiel sehr auf, wie intensiv die Menschen uns angeschaut haben. Als Diakonisse wird man besonders beobachtet und das finde ich manchmal anstrengend. Doch ich muss einen guten Umgang damit finden. Wenn mich eine Person auffällig anschaut, sage ich manchmal bewusst: „Du bist auch gesegnet von Gott.“ So kann ich es positiv nutzen, dass ich auffalle.

Kürzlich ist einer Freundin und mir die kreative Idee gekommen, die „Unendlich geliebt – Chips“ von Mandy zu verteilen. Wenn mich jemand nett anschaut, gebe ich der Person einfach den Einkaufschip als kleines Geschenk weiter. Das unterstreicht vielleicht auch, dass ich mit meiner Tracht ein Zeichen in die Welt setze.

ERF Online: Nun ist es nicht der Regelfall, dass sich eine junge Frau für das Leben als Diakonisse entscheidet. Auch in Ihrem Diakonissenhaus sind Sie mit Abstand die jüngste Diakonisse. Wie geht es Ihnen damit, dass Sie keine Schwester in Ihrer Lebensphase haben?

Hanna Ritscher: Meistens geht es mir sehr gut damit, weil ich den Altersunterschied nichtmerke. Aber manchmal vermisse ich den Austausch. Anfang diesen Jahres habe ich eine Schwester aus der Kommunität Christus Bruderschaft Selbitz kennengelernt, die auch in meinem Alter ist. Zwischendurch schreiben wir uns nun immer mal wieder Emails. Ich finde es ermutigend zu sehen, dass Gott auch mit anderen jungen Frauen auf ähnliche Weise Geschichte schreibt und dass man eben nicht alleine ist.

Immer weniger junge Frauen entscheiden sich für ein Leben als Diakonisse.

ERF Online: Ihr Zitat in einem TV-Beitrag im Format „Gott sei Dank“ ist: „Ich will nicht die Letzte sein, die die Tür zuschließt“ in Bezug auf die Demografie in Ihrem Diakonissenhaus. Welche Zukunft sehen Sie für Diakonissenhäuser?

Hanna Ritscher: Ich denke, dass es eine Zukunft gibt. Ich kann mir vorstellen, dass sich ein stückweit die Form dessen, wie Diakonissen miteinander leben und Gemeinschaft pflegen, ändern wird. In Mutterhäusern oder in Kommunitäten wird teils schon jetzt ein starker Schwerpunkt auf das gemeinschaftliche Leben gesetzt und weniger auf die gemeinsame Dienstbereitschaft. Damit noch mehr junge Frauen diese Entscheidung treffen, muss diese Veränderung der Ausrichtung in den Mutterhäusern passieren.

Ich glaube, dass Gott auch weiterhin Geschichte schreibt und junge Frauen in diesen Dienst berufen wird. Wahrscheinlich wird die Gemeinschaft nie wieder so groß, wie sie einmal war: In Hoch-Zeiten hatten wir 500 Schwestern. Trotzdem bleibt das Diakonissenhaus auch zukünftig ein geistliches Zentrum.

Hanna Ritscher hat sich mit 20 Jahren für ein Leben als Diakonisse entschieden. Ihre Familie und Freunde unterstützen sie dabei.

ERF Online: Warum haben sich denn früher viel mehr junge Frauen dafür entscheiden könne, als es heute der Fall ist?

Hanna Ritscher: Es hatte damals viele gesellschaftliche Gründe, dass sich Frauen für ein Leben als Diakonisse entschieden haben. Damals war eine alleinstehende Frau weniger abgesichert und konnte nicht so leicht einen Beruf ergreifen. Auch in den Kriegszeiten war das Leben als Diakonisse attraktiv, weil man wusste, dass es eine Gemeinschaft gibt, die hinter mir steht und mich versorgt. Soweit ich weiß, sind auch einige Schwestern nach der Kriegszeit wieder ausgetreten.  In unserer Gesellschaft gibt es vielfältigere Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Früher war nicht denkbar, dass eine Frau Theologie studiert. Diakonie war dagegen eine Möglichkeit in die Verkündigung zu gehen.

ERF Online: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit sich wieder mehr junge Menschen für das Leben als Diakonisse entscheiden?

Hanna Ritscher: Ich denke, um einen Einblick zu bekommen, kann schon ein zeitweises Mitleben im Diakonissenhaus helfen. Vielleicht hilft es, Barrieren und Vorurteile abzubauen. Vielleicht kann es eine Bestätigung auf dem Weg sein. Ich weiß auch von einer Frau, die diese Zeit ganz konkret als Berufungszeit erlebt hat.

ERF Online: Christliche Jugendliche stellen sich immer wieder die Frage, was Gott mit ihnen vorhat. Was würden Sie einer jungen Frau sagen, die auch mit dem Gedanken spielt, Diakonisse zu werden? 

Hanna Ritscher: Ich würde ihr sagen, dass sie ihre Entscheidung gründlich prüfen soll. Es wäre wichtig, dass sie viel darüber betet, mit Freunden spricht, mit anderen Diakonissen ins Gespräch kommt und vielleicht auch mal für eine gewisse Zeit im Mutterhaut lebt. Man sollte sich darüber klar sein, dass es einen großen Altersunterschied geben wird, da es eben kaum junge Diakonissen gibt. Und natürlich auch, dass man in so einer Gemeinschaft stärker aufeinander Rücksicht nehmen und sich gegenseitig achten muss.

Gleichzeitig kann sie sich auf den Gewinn freuen, dass sich viele Menschen hinter sie stellen – viele Schwestern für sie kämpfen. Es wird wunderschöne Zeiten geben, in denen sie sich aufgehoben fühlen wird. Aber auch Zeiten, wo sie denkt, dass alles nur Kampf ist. Aber ich sage immer, dass jeder Lebensstil und jede Lebensphase ihre besonderen Herausforderungen hat. Genauso wie jede Ehefrau und jeder Single hat eben auch jede Diakonisse ihre eigenen Kämpfe und Freuden.

ERF Online: Herzlichen Dank für das Interview.


 
Ein TV-Beitrag aus dem Format "Gott sei Dank" über Hanna Ritscher

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