Buchrezension

Nur einer sah meine Seele

Drei Jahre lang zog Harmony Dust im Stripclub blank. Mittlerweile hilft sie anderen Frauen aus der Branche. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte.

„Nur einer sah meine Seele“ könnte man als typische Bekehrungsgeschichte ansehen, wie es sie auf dem christlichen Buchmarkt zu Hauf gibt. Doch dieses Buch bietet mehr, denn Harmony Dust beschreibt als Ex-Stripperin sehr eindrücklich das Leben und Arbeiten in der Sexindustrie. Dust beginnt ihren Erfahrungsbericht bereits mit ihrem 13. Lebensjahr und zeichnet überzeugend nach, wie es dazu kommen kann, dass ein junges, intelligentes Mädchen eine Karriere als Stripperin anfängt.

Teils ausführlich, teils in Schlaglichtern schildert Dust Vernachlässigung, Missbrauch und Ausnutzung, die sie in ihrer Jugendzeit erlebt hat. Als sie mit ihrem ausbeuterischen Freund Derrick zusammenzieht, ahnt der Leser bereits, dass diese Beziehung negative Auswirkungen auf Harmonys weiteren Lebensweg haben wird. Und tatsächlich ‒ nur ein Jahr später beginnt Harmony als Stripperin zu arbeiten.

Schonungslose Ehrlichkeit, die wehtut

Harmony Dust nimmt den Leser mit hinein in ihr damaliges Lebensumfeld. Der Leser erfährt, wie sie damit ringt, Stripperin zu werden, wie aufgeregt und voller Scham sie bei ihrem ersten Auftritt im Stripclub ist, wie sie sich langsam an ihr neues Arbeitsumfeld gewöhnt und dort Bekanntschaften knüpft. Die Drogensucht anderer Stripperinnen, die immer stärkere Ausbeutung durch Harmonys Freund – all dies erlebt man als Leser förmlich mit.

An vielen Stellen hätte ich am liebsten das Buch zugeschlagen und stattdessen einen unterhaltsamen Liebesroman gelesen. Harmony ist so schonungslos ehrlich über ihr Leben als Stripperin, dass es beinahe wehtut. Sie schildert, wie sie sich von ihrem Freund immer weiter ausnutzen lässt. „Steig aus, lass das nicht mehr mit dir machen“, will man ihr immer wieder zurufen. Insgesamt drei Jahre arbeitet sie als Stripperin. Doch irgendwann kommt durch eine Bekannte aus einem Ballettkurs Gott in Harmonys Lebens. Ihr Leben ändert sich dadurch nicht sofort, aber nach und nach löst sie sich von ihrem Freund und schafft schließlich den Absprung aus dem Leben als Stripperin.

Gott geht ungewöhnliche Wege, um Menschen zu retten

Harmonys Geschichte hat mich als Leserin sehr bewegt. An ihrer Biografie wird deutlich, auf welch ungewöhnliche Weise Gott wirkt, um Menschen aus Zwängen zu befreien. Besonders bewegend fand ich die Stelle, als Harmonys Manager im Stripclub mit ihr dafür betet, dass sie einen Weg aus dieser Szene findet. Diese Episode stellte mein eigenes Gottesbild in Frage und stieß mich darauf, dass Gott eben ganz andere Wege mit uns geht als wir manchmal für möglich halten würden.

Harmonys Lebensgeschichte ist voller kleiner Wunder und dennoch braucht es letztlich Harmonys eigene Entschlossenheit, um Schluss mit dem Strippen zu machen. Gegenüber manch anderen Bekehrungsgeschichten punktet „Nur einer sah meine Seele“ damit, dass Dust den Kampf mit dem Strippen aufzuhören klar schildert. Der Leser erlebt mit, wie sich Hamonys Leben von dem Moment an verändert, in dem sie zum ersten Mal eine Gemeinde betritt. Gleichzeitig ist nicht alles gut mit der Bekehrung, sondern Harmony lässt auch die vielen, kleinen Zwischenstationen nicht aus, die es braucht, bis sie endgültig mit dem Strippen aufhört.

Zeugnis für Gottes Macht und Statement gegen Sexarbeit zugleich

„Nur einer sah meine Seele“ hat mich voll überzeugt. Es ist nicht nur die gut geschriebene Bekehrungs- und Lebensgeschichte einer ungewöhnlichen Frau. Dieses Buch hat auch gesellschaftliche Relevanz, denn es zeigt auf, welche Auswirkungen es auf die Seelen junger Frauen hat, ihren Körper zu verkaufen. Es ist einerseits Zeugnis für die Macht Gottes, andererseits ein klares und starkes Statement gegen jegliche Form der Sexarbeit.

Das Buch hilft zu verstehen, wie Sexarbeiterinnen denken und fühlen. Es macht deutlich, wieso ein Ausstieg oft schwer fällt. Und es ermutigt dazu, alles daran zu setzen, diesen Frauen wieder ihren Selbstwert zurückzugeben. Mittlerweile geht Harmony Dust nicht mehr in Stripclubs, um zu strippen, sondern um anderen Frauen zu zeigen, dass sie wertvoll sind. Die von ihr ins Leben gerufene „Treasures Ministries“ besucht im Jahr 170 Stripclubs in Los Angeles, Orange County und Las Vegas, um den Frauen dort zu helfen. Harmonys Autobiografie ist damit auch ein Zeugnis dafür, wie Gott unseren eigenen Schmerz gebraucht, um anderen Menschen zu helfen.

Ein absolut lesenswertes Buch, das bewegt. Empfehlenswert für jeden, der Biografien mag, sowie für alle, die wissen wollen, wie Sexarbeit und Prostitution sich aus Sicht einer Betroffenen anfühlt.


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.