Interview Lesezeit: ~ 6 min

Gottesdienst per Mausklick

Mit anderen Christen interaktiv Gottesdienst im Internet feiern – wie kann das aussehen? Pfarrer Rasmus Bertram erzählt vom Online-Gottesdienst seiner Gemeinde.

Fernseh- und Radiogottesdienste ersetzen für viele Menschen mittlerweile den sonntäglichen Gottesdienst. Gerade alte und kranke Menschen nutzen diese Angebote gerne. Noch relativ neu sind dagegen Online-Gottesdienste. Die Jugend-Kultur-Kirche sankt peter in Frankfurt am Main veranstaltet schon seit über zwei Jahren den Online-Gottesdienst sublan.tv. ERF Online hat bei Pfarrer Rasmus Bertram nachgefragt, was das Besondere an diesem Gottesdienst ist und welche neuen Chancen Online-Gottesdienste gegenüber normalen Gottesdiensten bieten.

ERF Online: Sie veranstalten als Pfarrer seit September 2011 zweimal im Jahr einen „interaktiven Gottesdienst“ im Internet. Wie kam es dazu?

Rasmus Bertram: Junge Christen sind auf mich zugekommen und wollten gerne eine LAN-Party in der Kirche veranstalten. Ihr zweites Anliegen war in diesem Zusammenhang auch ihren christlichen Glauben weiterzugeben. Unfreiwillige Zuhörer sollte es aber nicht geben. Daher war klar: Wir können das nicht in dem Saal veranstalten, wo die LAN-Party-Teilnehmer sitzen. So kam die Idee auf, dass wir in der Kapelle eine Andacht gestalten, in die die Teilnehmer sich freiwillig reinklicken können. Das hat sich dann weiter entwickelt, so dass wir die Andacht irgendwann online schalteten. Daraus hat sich im Laufe der Zeit ein ganzer Gottesdienst entwickelt.

Rasmus Bertram ist Pfarrer der Jugend-Kultur-Kirche sankt peter in Frankfurt und begeistert von den neuen Möglichkeiten, die Online-Gottesdienste bieten. (Bild: privat)

ERF Online: Gottesdienst im Netz feiern, da melden sich auch kritische Stimmen zu Wort und behaupten, dass der Besuch eines „richtigen“ Gottesdienstes nicht durch ein Video im Internet ersetzt werden kann. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Rasmus Bertram: Unser Gottesdienst ist kein Gottesdienst, der allein per Videostream übertragen wird. Es ist ein interaktiver Gottesdienst, den Menschen von ihren Rechnern aus mitgestalten können. sublan.tv bietet Möglichkeiten, wie es sie im normalen Gottesdienst nicht gibt, nämlich die spontane und barrierefreie Beteiligung der Zuhörer. Besonders auch von Menschen, die keine Kirche betreten würden. Viele werden zufällig auf den Gottesdienst aufmerksam und merken, dass sie etwas zu dem Thema sagen können. Aufgrund der Anonymität trauen sie sich uns ihre Gedanken mitzuteilen und einen Moment später ist ihr Impuls schon Teil des Gottesdienstes.

Diese Dimension von Gottesdienst ist großartig. Es stehen nicht nur meine Gedanken im Vordergrund, sondern wir versammeln uns quasi mit allen Besuchern zusammen im Kreis und gestalten den Gottesdienst gemeinsam. Wir machen aus Zuschauern aktive Gestalter des Gottesdienstes. Das begeistert mich und ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeiten des Internets.

Mit einem Klick den Gottesdienst mitgestalten

ERF Online: Kann man diese Atmosphäre mit der in einem Hauskreis vergleichen, sozusagen Hauskreis im Netz?

Rasmus Betram: Auf diese Idee bin ich noch nicht gekommen, aber der Vergleich ist gar nicht schlecht. Denn das Besondere eines Hauskreises ist ja, dass sich alle einbringen können: Die, die erste Schritte im Glauben machen, und die, die schon lange dabei sind. Unser Angebot führt hier noch weiter, denn in einem Hauskreis gibt es oft die Barriere, ob man sich traut dorthin zu gehen. Das Tolle bei unserem Gottesdienst ist, dass er im Netz stattfindet, wo man erstmal nur reinschnuppern kann, ohne dass die Leute einen gleich erkennen. Außerdem ist eine Beteiligung von Hunderten von Leuten mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Erfahrungen möglich. Das Einzige, was diese Menschen verbindet, ist, dass sie sich zu diesem Gottesdienst haben einladen lassen, sonst nichts.

ERF Online: Sie sprachen jetzt schon mehrfach von Interaktion. Welche Möglichkeiten haben die Zuschauer denn sich einzubringen und wie funktioniert das?

Rasmus Bertram: Zentral auf dem Bildschirm läuft das Gottesdienstgeschehen in einem großen Fenster ab. Daneben gruppiert bieten sich verschiedene Möglichkeiten aktiv zu werden. Es gibt ein Textfeld, in das man seine Erfahrungen, Fragen und Gedanken hineinschreiben kann. Diese landen dann bei unserem Redaktionsteam. Dieses sortiert die Einsendungen in unterschiedliche Rubriken und gibt sie an passender Stelle an mich oder die Moderatoren weiter.

Zusätzlich gibt es einen Button für Gebet. Diese Anfrage geht dann in den Gebetsraum, der während des Gottesdienstes immer wieder eingeblendet wird. Dort zündet das Gebetsteam eine Kerze für den Einsender an. Gleichzeitig ist es auch möglich, konkrete Anliegen an das Gebetsteam zu schicken. Außerdem kann man Gebetsanliegen für die Fürbitte am Ende des Gottesdienstes einsenden, die dann gemeinsam gehalten wird.

Des Weiteren gibt es die Möglichkeit zur Online-Seelsorge im Eins-zu-Eins-Chat. Wir haben ausgebildete Online-Seelsorger, zu denen Zuschauer weitergeleitet werden, wenn sie auf den Button „Möchtest du ein Gespräch mit einem Seelsorger?“ klicken. Das sind die Möglichkeiten zur Interaktion, die wir jetzt haben. Wir entwickeln aber auch neue Module. Im Moment scheitert es daran, dass wir gar nicht alle Ideen umsetzen können, weil das ein hoher Programmieraufwand ist.

„Es ist noch keine gottesdienstliche Gemeinschaft entstanden“

ERF Online: Sie sind auch ganz normaler Pfarrer. Womit erreicht man denn mehr Menschen – mit einem Gottesdienst im Netz oder mit traditionellen Gottesdiensten?

Rasmus Bertram: Es wird in dem Moment schief, in dem wir miteinander vergleichen, was moderner ist. Das Internet ist heute der Marktplatz, wo früher das Kirchengebäude und die Schule standen. Heute suchen die meisten Leute Rat und Hilfe im Netz. Es ist wichtig, dass dort als eine Plattform der Beratung und Unterstützung auch ein Gottesdienst seinen Platz hat. Ob das moderner ist als ein normaler Gottesdienst, kann ich nicht sagen. Aber es gibt keinen, der so niedrigschwellig ist wie unser Angebot, und deswegen ist es wichtig, ihn zu haben. Aber andere Gottesdienste haben deshalb kein Manko, sie haben bloß andere Vorteile.

ERF Online: Mit sublan.tv wollen Sie nicht nur Christen erreichen. Wie erreichen Sie Menschen, die auf der Suche sind?

Rasmus Bertram: Wir erreichen sie zum Einen durch Werbung, die wir auf Facebook schalten. Und wir erreichen sie über die Themen. Wir wählen keine Themen aus, die nur innerkirchlich interessant sind oder die eine Gemeinde bewegt. Wir wählen stärker Themen aus, die Einsteiger ‒ also Leute, die keinen intensiven Kontakt zu einer Gemeinde haben ‒ interessant finden könnten. Und wir formulieren unser Thema auch eher provokativ.

ERF Online: Wie geht es weiter, wenn jemand durch sublan.tv Interesse am Glauben gefunden hat? Gibt es Angebote, die Menschen mit Fragen nach dem Gottesdienst weiterbegleiten?

Rasmus Bertram: Wir haben nach dem Gottesdienst immer noch einen Chat, der wird aber nicht so intensiv genutzt. Doch es kommt vor, dass uns Leute schreiben und Kontakt suchen. Es kommt auch vor, dass Leute, die den Seelsorgechat nutzen, über das Onlineseelsorgeangebot eine längere Beratung erhalten. Aber da wir den Gottesdienst nur zweimal im Jahr veranstalten, ist noch keine gottesdienstliche Gemeinschaft entstanden.

Deswegen ist es unser Anliegen, die Gottesdienste in diesem Jahr häufiger zu veranstalten. Wir träumen davon, vierzehntägig oder wenigstens monatlich einen Gottesdienst anbieten zu können, damit die Zuschauer bewusst immer wieder daran teilnehmen. Doch im Moment haben wir außerhalb der Seelsorge noch keine Begleitung, sehen das selbst als Manko an und sind deshalb dabei, etwas zu verändern. Unser Gottesdienst soll auch nicht die Gemeinde oder den Hauskreis vor Ort ersetzen. Wir versuchen daher Gemeindeanschluss zu vermitteln.

Online-Gottesdienste als Säule unserer Gottesdienstkultur

ERF Online: Der nächste „sublan-Gottesdienst steht unter dem Thema „Tüftel dich geil“. Auf der Webseite steht, dass es um das Thema „Visionen fürs Leben" gehen wird. Warum halten Sie das für ein wichtiges Thema?

Rasmus Bertram: Leute schreiben uns, dass sie keinen Sinn im Leben sehen. Die Fragen dieser Menschen erschöpfen sich meist darin: „Was kann ich beruflich machen? Was ist mein nächstes Ziel?“ Das sind natürlich wichtige Fragen, aber diese Perspektive ist viel zu klein. Gott hat uns als Wesen geschaffen, die die Welt gestalten sollen. Das ist viel größer als die Frage „Will ich Lehrerin werden oder Ingenieur?“ Wir haben den Eindruck, dass viele im täglichen Einerlei nicht mehr nach oben schauen, sondern die Guten sind schon die, die zwei Meter vorwärts schauen. Hier wollen wir die Leute dazu ermuntern, nach der Vision für ihr Leben zu fragen, und ihnen einen weiteren Blick eröffnen. Deshalb haben wir dieses Thema gewählt.

ERF Online: Wir sprachen schon davon, wo Sie bisher noch Mankos sehen. Welche Visionen haben Sie für Ihren Gottesdienst für die nächsten Jahre?

Rasmus Bertram: Wir möchten durch unsere Gottesdienstpraxis zeigen, welche Power und welche Dimension das Internet für unser gottesdienstliches Leben mit sich bringt. Uns schwebt vor, dass wir sublan.tv von der Software her so entwickeln, dass wir Bausteine zur Hand haben, die jede Gemeinde nutzen kann. Wir wollen, dass unsere Online-Gottesdienste so regelmäßig stattfinden, dass eine Gemeinschaft von Menschen entsteht, die das als ihre Art begreifen Gott zu begegnen.

Deshalb ist unsere Vision, dass sublan.tv mindestens einmal im Monat stattfindet, mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung hineinkommt und Online-Gottesdienste zu einer normalen, selbstverständigen Säule in unserer Gottesdienstkultur werden ‒ genau wie Radio- und Fernsehgottesdienste es bereits sind.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.


Kommentare

Von Brigitte am .

Da bin ich skeptisch. Wie sollen auf diese Art Menschen bekehrt werden?, (wenn keine persönliche Beziehung entsteht, zu jemanden, der JESUS schon kennt. Es sollte doch darum gehen, diejenigen, die Christen sind, zu lehren, zu ermahnen und aufzubauen, und diejenigen, die den HERRN noch nicht gefunden haben, aufzuzeigen, wie sie ohne JESUS zu kennen, vor GOTT stehen können. Ich weiss, das klingt hart und kompromisslos, aber die Bibel beschreibt das


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