Interview Lesezeit: ~ 6 min

"Ich will mit meinen Stücken nicht predigen."

Theater macht nicht nur Spaß, sondern hilft auch in der Persönlichkeitsentwicklung. Darum bietet Sabine Ivens theaterpädagogische Workshops an.

Sabine Ivens ist Schauspielerin. Doch ihr größter Wunsch ist nicht, einmal auf einer großen Bühne zu stehen, sondern Menschen durch Theater zu helfen, sich in ihrer Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Das möchte die Schauspielerin nicht nur durch ihre Stücke, sondern auch durch theaterpädagogische Workshops erreichen. ERF Online hat nachgefragt.

ERF Online: Sie sind Schauspielerin mit dem Ziel „Menschenherzen zu erreichen“. Wie erreicht man Menschen durch Theater?

Sabine Ivens: Theater spricht ähnlich wie Musik den inneren Menschen an und geht ohne Umwege direkt ins Herz. Manchmal sehen wir ein Theaterstück oder einen Film und plötzlich berührt uns eine Szene tief im Herzen. Wenn Sie dann nicht darüber hinweggehen, sondern sich fragen „Was hat das mit mir gemacht?“, stoßen Sie vielleicht auf Situationen in ihrem Leben, die ähnlich waren. Ich denke, die meisten Schauspieler möchten mit ihren Stücken oder Filmen Menschen berühren und bewegen; sie wachmachen für sich selbst und ihre Umwelt.

Viele Menschen drehen sich nur um sich selbst oder sind so sehr in ihrem Alltag und in ihren Problemen gefangen, dass sie ihre Umwelt kaum mehr wahrnehmen und sich in ihrer Persönlichkeit nicht mehr weiterentwickeln. Ich möchte mit meinen Theaterstücken erreichen, dass Menschen anfangen, sich bewusster zu werden in ihrer Identität und auch ihr Gegenüber besser in und trotz aller Vielfalt und Andersartigkeit wahr- und anzunehmen lernen.

Theater als Spiegel

ERF Online: Nun schauen viele Menschen sich Filme oder auch Theaterstücke an, ohne dass es zu einer persönlichen Veränderung kommt. Welche Form von Theater braucht es, um Menschen wirklich in ihrem Innern anzusprechen?

Sabine Ivens: Jeder Mensch steht an einem anderen Punkt im Leben. Ich denke, es muss jedem selbst überlassen bleiben, ob er sich berühren lässt. Ich kann als Schauspielerin nur meinen Teil dazu tun und ein Stück auf die Bühne bringen, das provoziert, wachrüttelt oder zum Nachdenken anregt. Aber ob jemand sein Herz öffnet und selbst noch mal darüber nachdenkt, liegt nicht in meiner Hand. Ich versuche meine Stücke offen zu lassen, sodass jeder sich selbst überlegen kann, wie die Situation für ihn weitergeht. Ich will mit meinen Stücken nicht predigen.

ERF Online: Damit wären wir schon bei dem nächsten Thema: Sie sind Christin. Wie spiegelt sich das in Ihren Stücken wider?

Sabine Ivens: Das kommt immer darauf an, wo und in welchem Rahmen ich spiele. Ich bin oft bei Veranstaltungen, wo mein Theaterstück im Kontext einer christlichen Veranstaltung steht. Ich habe in meinem Repertoire zum einen Stücke, die speziell für Gemeinde gedacht sind. In diesen Stücken setze ich mich mit meinem Glauben auseinander und bringe Situationen auf die Bühne, wo ich im Glauben gereift bin, aber auch wo ich gezweifelt habe oder unsicher war. Zum anderen spiele ich aber auch Stücke, die einfach Alltagssituationen darstellen. Da geht es eher um die Frage: „Wie gehe ich mit mir und anderen um?“ Diese Frage muss dann jeder Zuschauer für sich selbst klären. Meine Stücke halten dem Zuschauer eher einen Spiegel vor, als dass sie eine versteckte Botschaft vermitteln.

ERF Online: Sie bieten auf Ihrer Webseite theaterpädagogisch fundierte Workshops an. Was ist an diesen anders als bei einem normalen Theaterworkshop?

Sabine Ivens: Der Schwerpunkt ist ein anderer. Die Elemente sind ähnlich, aber ich stelle die Übungen anders zusammen. Ich achte mehr darauf, was für eine Gruppe solch einen Workshop bei mir macht. Sind es Kinder, Jugendliche oder Senioren? Ich lasse mir nach Möglichkeit im Vorfeld die Altersstruktur der Teilnehmer und die Vorkenntnisse geben, damit ich niemanden über- oder unterfordere. Aufbauend auf den Bedürfnissen der Gruppe konzipiere ich dann den Workshop. Wenn es sich zum Beispiel um Jugendliche mit hohem Konfliktpotenzial handelt, baue ich mehr Übungen ein, die teambildend sind. Und bei Kindern, die oft mit Konzentrationsproblemen zu kämpfen haben, mache ich Übungen, die ihnen helfen ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern.

Theaterspielen gibt Selbstvertrauen und lehrt Teamwork

ERF Online: Welche Form der Persönlichkeitsentwicklung fördern Sie durch Ihre Workshops?

Sabine Ivens: Ich möchte Menschen durch Theater motivieren sich selbst, ihre Umwelt und die Bedürfnisse anderer Menschen wieder mehr wahrzunehmen. Es geht um das Miteinander und Füreinander. Dazu gehört unter anderem die Körpersprache des anderen zu verstehen. Man lernt beim Theaterspielen, was Körperhaltung ausdrücken kann. Ich habe bei Workshops oft erlebt, dass jemand etwas ausdrücken wollte und sein Gegenüber etwas völlig anderes verstanden hat, weil der Inhalt und die Betonung der Worte nicht mit der Körpersprache übereingestimmt haben. Da ist es sinnvoll sich die Fragen zu stellen: Wie rede ich eigentlich? Wie stehe ich? Welche Signale sende ich und was kommt beim anderen davon an? Wenn ich als Mensch und als Figur auf der Bühne authentisch wahrgenommen werde, bin ich glaubwürdig.

Hier ist mir wichtig, Vielfalt und Andersartigkeit von Menschen positiv darzustellen. Denn auch wenn jemand anders ist, kann er mir doch etwas geben, indem er mich ergänzt. Teamfähigkeit ist beim Theater sehr wichtig. Denn es nützt nichts, wenn jemand auf der Bühne steht und die Rolle seines Lebens spielt und die anderen Schauspieler kommen überhaupt nicht zur Geltung.

ERF Online: Nun hat Theater ja auch in Ihrer eigenen Geschichte eine sehr wichtige Rolle gespielt. Was haben Sie persönlich durch das Theaterspielen über sich gelernt?

Sabine Ivens: Ich habe durch das Theater gemerkt, dass ich vorher oft sehr egoistisch durchs Leben gegangen bin. Ich habe gelernt Menschen auf einer anderen Ebene zu begegnen und eine neue innere Haltung anderen gegenüber entwickelt: Offen zu sein, zuzuhören, den anderen in seiner Persönlichkeit bewusst wahr- und anzunehmen; mit ihm zu spielen – nicht gegen ihn. Nur gemeinsam wird ein Stück gut. Das lässt sich auch auf das Leben übertragen.

ERF Online: Apropos: Es gibt ja auch Menschen, die allein aus Schüchternheit nicht auf andere zugehen. Kann Theaterspielen hier eine Hilfe sein?

Sabine Ivens: Ja, denn Theater stärkt unwahrscheinlich das Selbstvertrauen. Es kann Menschen helfen, wieder neu Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu entwickeln, weil es viel Mut erfordert, sich auf die Bühne zu stellen. Die Erfahrung, dass man sich auf eine Bühne getraut und ein Theaterstück aufgeführt hat, überträgt sich auf den Alltag und hilft auch dort, mutiger zu handeln. Aber das ist eine Entwicklung und die ist mit einmal Theaterspielen nicht getan. Doch je öfter ich mit anderen probe, spiele, improvisiere oder auf der Bühne stehe, desto eher verändert das auch meine Persönlichkeit.

Auch Theaterspielen ist eine Gabe Gottes

Sabine Ivens ist seit 2011 zertifizierte Theatertrainerin und leitet die Theatergruppe der FeG Eutin. Auf ihrer Webseite finden sich weiterführende Informationen zu ihren Workshops und Theaterstücken.

ERF Online: Sie arbeiten gerade an Ihrem Solostück „Leben leben“. Worum wird es in dem Stück gehen?

Sabine Ivens: Um Gottes Geschichte mit mir. Ich möchte meinen Weg mit Gott in Bezug zu dem Weg, den er mit den Israeliten gegangen ist, beschreiben. Dabei will ich den Menschen mitgeben: „Gott ist kein ferner Gott: Er heilt, befreit und führt auch heute noch.“ Das kann ich mit meinem Leben bezeugen und das möchte ich auch auf die Bühne bringen. Aber wie das genau aussehen soll, weiß ich noch nicht.

ERF Online: Sie sprachen bereits über ihre eigene Geschichte und darüber, dass Sie durch Theaterspielen viel über sich selbst gelernt haben. Sehen Sie denn Theater auch als Werkzeug Gottes an, um Menschen zu prägen?

Sabine Ivens: Ja, für mich ist Theater genauso eine Gabe wie Lehre, Prophetie oder Lobpreis – auch eine Art der Verkündigung. Ich denke, es kann eine moderne Variante der Gleichnisse sein. Als Christen sollen wir alle Begabungen, die Gott uns geschenkt hat, dafür einsetzen, sein Reich zu bauen - auch das Theaterspielen.

ERF Online: Was würden Sie jemandem raten, der Interesse oder Spaß an Theater hat, aber nicht weiß, ob das seine Berufung von Gott ist?

Sabine Ivens: Ich glaube, dass es Gott immer begeistert, wenn jemand mutig neue Dinge ausprobiert. Im Theaterbereich gibt es viele Möglichkeiten, seine Gaben einzusetzen, ob das nun Requisite, Regie oder Bühnenbild ist. Mein großer Rat ist immer: „Anfangen, ausprobieren!“ Irgendwann wird einem klar, was zu einem passt. Man wird vielleicht entdecken, dass man eine unheimlich gute Beobachtungsgabe hat oder eine große Sensibilität für Zusammenhänge. Und vielleicht entwickelt man sich nicht zum Schauspieler, sondern zum Regisseur oder Autor. Wichtig ist einen ersten Schritt zu machen und keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen oder zu versagen, sondern erst mal auszuprobieren und seine Talente zu entdecken.


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