Buchrezension

Dann mach doch die Bluse zu

In „Dann mach doch die Bluse zu – Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ tritt Kolumnistin und vierfache Mutter Birgit Kelle für das Leben als Hausfrau ein.

Anfang des Jahres ging ein Aufschrei durch Deutschland. Anlässlich eines Artikels der Jungjournalistin Laura Himmelreich begannen verschiedene Frauen unter dem Hashtag #aufschrei zu berichten, wo und wie sie Sexismus erlebt haben. Es folgten unzählige Diskussionen in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen. Auch die Kolumnistin Birgit Kelle bezog mit ihrem Artikel „Dann mach doch die Bluse zu!“ Stellung. Im Gegensatz zu vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen vertrat sie die These, dass in der Diskussion viele Dinge als Sexismus ausgelegt würden, die strenggenommen gar nicht sexistisch gemeint seien. Für diese Ansicht wurde sie kritisiert, aber auch von vielen still bejubelt.

Nun hat Birgit Kelle noch mal nachgelegt. Unter dem gleichen Titel nimmt sie jetzt in einem Buch zu den Themen Sexismus, Gendermainstreaming, dem Betreuungsgeld und der Frauenquote konkret Stellung. Dies tut Kelle – wie schon in dem Artikel von Ende Januar – auf die ihr eigene bissige und direkte Art. Dabei verschweigt sie den Lesern den Grund für dieses Buch nicht: Sie will ganz konkret eine Stimme sein für alle Frauen, die wie sie Hausfrau und Mutter sind und sich dafür nicht immer rechtfertigen oder entschuldigen wollen. Diese Frauen möchte sie in ihrem Lebensstil ermutigen und stärken.

„Wir müssen nicht befreit werden!“

Doch was heißt das für die Autorin? Sollen alle Frauen jetzt wieder zurück an den Herd? Keineswegs, denn Kelle ist klar: „Nicht jede Frau will heiraten, nicht jede Frau will Kinder, nicht jeder Mann will der Ernährer der Familie sein. Das ist Freiheit und Selbstverwirklichung in einer demokratischen Gesellschaft, und niemand hindert sie daran.“ Aber Kelle fordert, dass auch die Entscheidung für die Familie und das Leben als Hausfrau wieder gesellschaftlich anerkannt wird. Sie wurde nicht dazu gedrängt, sondern hat diese Entscheidung bewusst getroffen: „Nein, verdammt, wir müssen nicht befreit werden aus dieser Situation. Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir sind in keiner Zwangslage und wir lieben unsere Kinder, unsere Ehemänner, unsere Familien.“

Deswegen erteilt Birgit Kelle dem Feminismus auch frech eine Absage, indem sie schreibt: „Ich bin längst Teil der Frauenbewegung, ich bewege mich nur in eine andere Richtung.“ Beide – die erwerbslose Hausfrau als auch die berufstätige Mutter – sollen ihrer Ansicht nach in unserer Gesellschaft eine Stimme haben.

Mütter sichern Renten, sind aber selbst benachteiligt

Deswegen muss Familienunterstützung für sie auch mehr umfassen als einen landesweiten Kita-Ausbau. Den Ansatz, Kinder immer früher und immer länger in staatliche Einrichtungen zu geben, hält sie sogar für problematisch. Hier weist Birgit Kelle auf die mangelhafte Qualität vieler Krippen hin und macht deutlich, dass Kinder einen direkten Ansprechpartner brauchen. Denn, so Kelle, „sie brauchen eine direkte Reaktion, dann, wenn sie danach fragen, dann wenn etwas passiert, dann wenn sie etwas freut, etwas ärgert, etwas belastet.“ Das können laut der Autorin Kitas und Krippen nur unzureichend leisten. Deswegen tritt sie auch dafür ein, dass die häusliche und erzieherische Arbeit von Frauen – und Männern ‒ gesellschaftlich wieder anerkannt wird. Das Betreuungsgeld sieht sie hier als guten Ansatzpunkt, der allerdings noch zu kurz greift.

Denn auch Vollzeit-Mütter leisten etwas für das System, in dem sie durch das Großziehen von Kindern die Renten anderer sichern, selbst aber keine Absicherung im Alter haben. Die Absurdität dieses Problems macht Kelle an einem Beispiel deutlich: „Hätte ich […] mit meiner Nachbarin die Kinder getauscht, hätte sie meine vier und ich ihre vier Kinder großgezogen und hätten wir uns gegenseitig für die Arbeit als Tagesmütter bezahlt, dann wären wir voll berufstätig gewesen und bekämen die Anerkennung der Gesellschaft und der Rentenkasse. Nein, Sie müssen das nicht verstehen, ich verstehe es auch nicht.“

Frauenquote ist Zwangsbeglückung

Aber Kelle wendet sich in ihrem Buch nicht nur gegen die Renten- und Familienpolitik, sondern nimmt auch zu der Sexismus-Debatte und der Frauenquote Stellung. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass sie sich als Frau nicht als benachteiligt wahrnimmt und sich gerade für ihre Töchter keine Frauenquote wünscht. Kelle dazu: „Ich weigere mich außerdem, dieses Gedankengut an meine Töchter weiterzureichen. Sie sind schön, sie sind klug, sie werden ihren Weg gehen. Nach der Logik der „Es ist noch immer nicht genug“-Fraktion […] müsste ich sie darauf vorbereiten, dass sie es ohne Quote nicht schaffen werden. Dass sie trotz aller Anstrengung ewig Opfer bleiben. Hat der Feminismus wirklich dafür gekämpft, dass ich meinen Töchtern das sagen soll?“

Deswegen ist für sie die Frauenquote eine Zwangsbeglückung, die den Opferstatus der Frauen nur weiter zementiert, vielleicht sogar „die perfideste Form der Unterdrückung“. Ein ähnliches Problem sieht sie in einem zu weiten Verständnis von Sexismus, denn wo jedes falsche Wort und jeder falsche Blick sexistisch gewertet ist, werden Frauen vorschnell zu Opfern gemacht. Dagegen wehrt sich Kelle, indem sie sagt: „Ich fühle mich nicht als Opfer. Als Frau nicht und auch nicht als Mensch.“

Fazit

Wie nun ist dieses Buch zu bewerten? Eines ist sicher: Birgit Kelles Buch „Dann mach doch die Bluse zu – Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ polarisiert. Sie nimmt in ihren Ausführungen kein Blatt vor den Mund. Dabei ist ihr Ton zum Teil spitz, an vielen Stellen ironisch oder schlichtweg sarkastisch. Hier hat kein „Heimchen am Herd“ seinen Lebensstil verteidigt, sondern eine kluge und gebildete Frau auf witzige und provokante Art ein Plädoyer dafür verfasst, als Hausfrau und Mutter ernstgenommen zu werden.

Birgit Kelle ist eines der besten Beispiele dafür, dass eine Frau nicht weniger intelligent ist, nur weil sie bei den Kindern daheim bleibt. Man spürt ihren Worten ab, dass sie gerne und freiwillig Vollzeitmutter ist, gleichzeitig aber spricht Kelle auch deutlich ihren Frust darüber aus, dass sie als solche nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt wird. Dabei kennt sie die Argumente ihrer Gegner genau und weiß sie gekonnt auszuhebeln. Kelle versteht es die Diskrepanz deutlich zu machen, dass Frauen zwar alles dürfen und sollen ‒ nur nicht Hausfrau und Mutter werden.

Kelle ist sicherlich nicht in allen Punkten zuzustimmen, viele ihrer Thesen und Argumente gelte es noch genauer zu diskutieren. Auch muss man sich im Klaren sein, dass die Kolumnistin nicht für alle Frauen spricht, geschweige denn sprechen will. Selbst in der Gruppe der Hausfrauen und Mütter, für die Kelle Position bezieht, wird man unterschiedliche Ansichten zu diesen Themen antreffen. Dennoch ist Kelle Stellvertreterin für viele Frauen. Sie kennt den Alltag derjenigen, die durch keine Partei vertreten werden, und sie spricht klar aus, was diese Frauen denken und brauchen. Man muss Birgit Kelles Ansichten daher noch lange nicht zustimmen, doch man darf nicht ignorieren, was sie zu sagen hat.

 

 


Kommentare

Von Cornelia A. am .

Ich bin sehr froh darüber das Birgit Kelle die Spirale des Schweigens durchbrochen hat und so klar und deutlich Misstände beim Namen nennt. Sie ist für mich eine wahre Heldin, die ohne Furcht für die Wahrheit steht Danke Birgit!!!

Von Marianne am .

Den Einwand von "esther" bezüglich des Titels kann ich gut verstehen. Beim Lesen des Buches konnte ich aber feststellen, dass es Frau Kelle selbstverständlich fernliegt, Frauen die Schuld an echten Übergriffen durch Männer zu geben. Wer angesichts des Titels das Buch erst gar nicht liest, kann die Argumentation im gesamten nicht kennen lernen. Mich hat das Buch restlos begeistert! Daher fällt es mir nicht schwer, den Titel zu „entschuldigen“. Ich meine, dass die mediale Informationsflut mehr

Von Jaques L. am .

Es ist jedes Mal eine Freude Frau Kelles Veröffentlichungen zu lesen. Endlich jemand, der gegen den politisch-medialen Komplex anbürstet, deren VertreterInnen der gesamten Bevölkerung den eigenen Lebensstil verordnen.

Von Doris E. am .

Endlich ein Buch und eine ermutigende Stellungnahme, die in unserer Gesellschaft der oft vertretenen Einseitigkeiten - den Denkhorizont erweitert.

Von Dieter am .

Sehr gut Ihr Viedeo und Ihre Declaration.
Ich bekomme es sehr stark zu spühren -
Bin Opa mit 2 erwachsenen Töchtern
und Enkel
seit 1976 treu verheiratet - doch merke ich
daß es nach 37 Jahren Ehejahren
immer schwieriger wird - da Frauen sehr
dominant agieren und reagieren und
scheinbar in Ihrer Lage "nicht ganz
glücklich" sind.
D a n k e - für Ihren Aufschrei gegen
den Gleichheitswahn.
Schöne Zeit wünscht D.P. Alles Gute !

Von esther am .

Ich finde den Titel unmöglich- er erinnert mich an die früheren Standardsätze, dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, das ja itgendwie durch ein provozierendes Verhalten forciert haben müsste. Mir dreht sich der Magen um , wenn ich den Titel lese. Ich glaub ja , dass die Autorin in dem Buch etwas anderes vermitteln will- aber so würde ich mir das Buch nicht kaufen wollen. Der Titel impliziert auch"die Frau ist selbst für Ihre Situation verantwortlich" was ja immer nur zum Teil stimmt- auch heute noch!

Von Marie am .

Wenn Frau Kelle keine Karriere anstrebt, aber gleichzeitig die Frauenquote ablehnt und schlecht macht, passt die Argumentation nicht: Wer kein Interesse an Karriere hat, und wer die Familie wichtiger als den Beruf findet, liegt jenseits der großen Gruppe arbeitstätiger Frauen, die gerne besser bezahlt, mehr geachtet und weniger an den Rand der Verhandlungen geschoben werden wollen. Und diese Frauen wollen und brauchen die Frauenquote - im Gegensatz zu Frau Kelle: Sie braucht und sie will sie mehr

Von Annegret am .

Ich bin sehr froh, dass endlich, eine Frau wie Birgit Kelle mal Klartext redet. War längst überfällig. Wir Mütter machen die verantwortungsvollste Arbeit, die es überhaupt gibt. Wir prägen die Erwachsenen von morgen. Ein Kind erziehen und versorgen kann man nun mal nicht so nebenbei. Dafür ist es viel zu wertvoll. In der ehemaligen DDR hat man erkannt wie schädlich es ist, kleinste Kinder schon in Kitas zu stecken. Nun wird bei uns genau dasselbe getan...der gleiche Fehler wiederholt! Ich kann mehr

Von Jomi am .

Eine Journalistin nachts an einer Bar, sollte keine hochpolitischen Gespräche erwarten - hat mir ein Journalist erzählt. Rainer Brüderle ist bei der Wahl abgestraft worden. Dahinter steckt vielleicht auch eine höhere Gerechtigkeit.
Aber es gibt, denke ich, tatsächlich die Tendenz nur noch politisch sehr Korrektes zu sagen -gerade in der Kirche. Der Grat ist schmal. Jesus ist zu seinen Lebzeiten oft genug abgestürtzt. Da ist Frau Kelle zuzustimmen: Es muss Unterstützung geben für jede Familie, egal wie sie sich ihr Leben gestalten will.

Von Margita am .

Gefällt mir. Ich war 9 Jahre zu Hause und habe meiner Familie ein schönes zu Hause gegeben. Meine Tochter ist ein sehr glückliches, zufriedenes Kind. Es hat ihr gutgetan, daß ich für sie da war. Die Kritik geht an unsere Politik. Sie machen in die andere Richtung Lobbi, da berufstätige Frauen auch Steuern zahlen müssen. Der Staat verdient daran. Ich hatte auch das Glück, daß mein Arbeitgeber mich 9 Jahre freigestellt hat. Wäre schön, wenn Firmen und Politik familienfreundlicher wären.


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