Offensive gegen Abtreibung

Ungeborene Kinder - nur ein Zellklumpen?

Thomas Schührer kämpft gegen Kindstötungen.

ERF Online: Am 12. Juli haben Sie in der Ulmer Fußgängerzone 984 Paar Kinderschuhe aufgestellt. Wofür steht diese Symbolik?

Thomas Schührer: Diese Kinderschuhe stehen für die Zahl der Kinder, die laut Statistischem Bundesamt pro Monat allein in Baden-Württemberg durch Abtreibung ihr Leben verloren haben. Natürlich beobachten wir auch die statistischen Zahlen für das bundesweite Geschehen, aber wenn wir wie in Ulm an die Öffentlichkeit gehen, ist es wichtig, einen nahen regionalen Bezug zu schaffen.

ERF Online: Wie ist die Reaktion der Passanten – was bewirken ihre Aktionen?

Thomas Schührer: Die Passanten sind überwiegend interessiert und positiv eingestellt. Viele sind überrascht und erschüttert über das Ausmaß der Abtreibungen. Es gibt ganz wenige, die schimpfen und emotional reagieren, weil sie direkt oder indirekt betroffen sind. Damit gehen wir dann entsprechend rücksichtsvoll um. Wer die Tötung seines Kindes zu verarbeiten hat oder bei anderen mitschuldig wurde, ist in einer schwierigen Lebenssituation. Direkte negative Reaktionen kommen aber selten vor.

Mehr als eine Million Plastikembryos

ERF Online: Was hat es mit dem Embryomodell auf sich, das Sie zusammen mit Infoflyern in Briefkästen verteilen?

Thomas Schührer: Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten Menschen nicht wissen, wie weit Kinder 10 Wochen nach der Empfängnis bereits entwickelt sind. Eine Abtreibung ist sogar noch bis zur 12. Schwangerschaftswoche möglich. Viele meinen, bei einer Abtreibung würde einfach Schwangerschaftsgewebe abgesaugt oder es handele sich nur um einen Zellklumpen. Die Meisten sind dann sehr erstaunt darüber, dass das Kind schon Arme, Beine, Augen, Ohren, Nase, Mund und Finger besitzt. Zum Zeitpunkt der Abtreibung ist also oft bereits alles entwickelt!

Nach der Betrachtung des Modells erübrigt sich erfahrungsgemäß die Diskussion darüber, ob man den Embryo schon als Menschen bezeichnen kann. Die Leute stimmen schnell zu, dass diese ungeborenen Menschen nicht leichtfertig durch Abtreibung getötet werden dürfen. Ein Bild sagt ja bekanntlich mehr als tausend Worte. Und unser Embryomodell sagt mehr als tausend Bilder. Man kann es buchstäblich begreifen und erfassen.

ERF Online: Wie kamen Sie auf die Idee, das Embryomodell im großen Stil zu verteilen?

Thomas Schührer: Das Modell an sich gibt es schon länger. Aber weil es sehr teuer war, wurde es nur vereinzelt eingesetzt. Durch eine hohe Stückzahl wollten wir es kostengünstiger produzieren lassen, damit wir es in sehr großer Zahl einsetzen können.

Wenn wir das Modell nur vereinzelt an Infotischen zeigen, bleibt seine volle Wirkung aus und uns geht wertvolle Zeit verloren. Wir wollen das Modell in großer Zahl zu den Menschen bringen und dabei auch die Medien zur Hilfe nehmen, um ein Bewusstsein dafür zu fördern, wie weit ein Mensch in der 10. Woche schon entwickelt ist. Wir wollen massenhaft Menschen erreichen, weil wir auch auf breiter Ebene ein Umdenken benötigen. Dieses Projekt finanzieren wir ausschließlich über Spenden von Privatpersonen. Bis jetzt haben wir insgesamt 1,2 Millionen Modelle unter die Leute gebracht – neben süddeutschen Großstädten zum Beispiel im gesamten Saarland.

ERF Online: Spüren Sie bei der Planung und Durchführung ihrer Aktionen auch Gegenwind?

Thomas Schührer: Sicher gibt es Menschen, die anders über Abtreibung denken als wir und ihre Bedenken auch äußern. Doch auch diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – gegen unsere Aktionen sind, registrieren doch, dass wir sie ernst nehmen. Wir wollen ja niemanden verärgern, sondern Rücksicht auf die Befindlichkeiten der anderen nehmen. Niemand soll sich durch uns belästigt fühlen.

Wir verteilen die Embryomodelle in verschlossenen Kuverts, auf denen aufgedruckt ist, was sich darin befindet. Niemand soll sich mit dem Embryomodell konfrontieren müssen, der das nicht möchte. Wir respektieren die Freiheit des anderen.  Und wir machen die Erfahrung, dass dieses Vorgehen eventuell vorhandene Aggression mildert. Aber insgesamt handelt es sich dabei um Einzelfälle.

Warum Abtreibung Gott schmerzt

ERF Online: Sie erleben, dass Frauen nach einer Abtreibung leiden. Was macht eine Abtreibung zu einem traumatischen Erlebnis?

Thomas Schührer: Die Psychologie sagt: Ein Trauma kann entstehen, wenn man in einer Notsituation weder kämpfen noch flüchten konnte. Bei einer Abtreibung lässt man etwas an sich geschehen. Danach müssen Betroffene sehen, wie sie mit dem Ereignis fertig werden. Mich rührt es wirklich zu Tränen, wenn sich Frauen melden, die teilweise über 70 Jahre alt sind. Ihre Abtreibung liegt Jahrzehnte zurück und ihr ganzes Leben war von diesem Ereignis überschattet, weil es nicht verarbeitet wurde.

ERF Online: Was raten Sie Frauen, die nach einem Schwangerschaftsabbruch Schuldgefühle oder Depressionen haben?

Thomas Schührer: Zuerst einmal stört mich der Begriff „Schwangerschaftsabbruch“. Denn Schwangerschaft ist die Reaktion des Körpers der Frau auf die Empfängnis. Diese Bezeichnung verschleiert eigentlich das wahre Wesen der Abtreibung.  Denn es geht dabei um die vorgeburtliche Kindstötung. Auch Begriffe wie "werdendes Leben" werden von anderer Seite bewusst eingesetzt, um den Vorgang der Kindstötung zu verschleiern. Denn das Leben entwickelt sich nicht erst, sondern es besteht ab der Empfängnis. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht diese Begriffe übernehmen und damit am Wesentlichen vorbeigehen.

Ungeplant schwanger?
Bei der Telefon-Hotline von vita L können schwangere Frauen sich rund um die Uhr anonym beraten lassen: 0800 / 36 999 63.

Betroffenen rate ich zum Kontakt mit Rahel e.V.. Dort sind Frauen, die vor längerer Zeit selbst eine Abtreibung erlitten haben, für akut betroffene Frauen da. Wer sich dem christlichen Glauben öffnen kann, dem empfehle ich außerdem, eine  geeignete Seelsorge aufzusuchen. Am besten bei Therapeuten, die Erfahrung in diesem Bereich haben. Denn Frauen, die eine Abtreibung erlitten haben, benötigen eine ganz besondere Für- und Seelsorge. Immer wieder zeigt sich, dass Schuld nicht therapierbar ist. Zerreden oder Verdrängen heilt nicht. Aber Schuld kann vergeben werden. Jesus hat sie ans Kreuz genommen und bezahlt. Diese frohe und befreiende Botschaft dürfen wir weitergeben.

ERF Online: Warum muss ungeborenes Leben geschützt werden?

Thomas Schührer: Die Menschwürde und das Recht auf Leben ist nicht teilbar. Man darf sie  jemandem nicht absprechen, weil er zu einem ungünstigen Zeitpunkt zum Leben gekommen, unerwünscht oder unpassend ist oder nicht die Rasse, die Gesundheit oder das Geschlecht hat, das sich die Erzeuger wünschen.

Wenn man hier eine Ausnahme macht, dann zieht man den entscheidenden Stein aus dem Staudamm: Die Menschenwürde und das Recht auf Leben werden dadurch komplett in Frage gestellt.

Für Christen kommt die Erkenntnis dazu, dass jeder, egal unter welchen Umständen er gezeugt wurde, ein von Gott unendlich geliebter Mensch ist. Gott hat die Menschen aus Liebe und für die Liebe geschaffen. Die Tötung eines Menschen ist für Gott ein unsäglicher Schmerz. Gott ist ein Gott des Lebens. Ich fühle mich verpflichtet, mich in Seinen Dienst zu stellen. Er hat mich erschaffen, mich erlöst und liebt mich mit unbegreiflicher, unendlicher Liebe. Das verlangt eine Antwort.

Aber ich möchte in der Öffentlichkeit nicht religiös argumentieren. Wir verteidigen nämlich kein Glaubensgut. Das ginge dann nur Christen etwas an. Wir verteidigen ein Menschen- und Bürgerrecht. Das universale Recht auf Leben ist das fundamentalste Recht überhaupt - und das geht alle an!

ERF Online: Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Eindrücke von der Kinderschuhaktion in Ulm (Juli 2013):

 


Kommentare

Von G.. am .

Ich habe mal den Film "Der stumme Schrei" gesehen: Da wird gezeigt, dass selbst das Ungeborene schon im Mutterleib Angst hat, wenn die eine Schlinge ihn um den Hals gelgt wird. Ob das heute anders gehandhabt wird bei der Abtreibung weiß ich aber nicht.

Von U.K. am .

In allen bisher geschriebenen Sätzen höre ich immer nur das Leid u. die Not von Frauen, die das getan haben. Kann es sein, daß auch Männer Gefühle, Seele und ein Gewissen haben. Vielleicht haben Sie es mitentschieden oder wurden vor eine Entscheidung einer Frau einfach hingestellt!

Von C. R. am .

Das ist ja wunderbar. Wußte nicht, dass es eine solche Aktion gibt. Sichtbar machen, was da im Geheimen passiert, ist angesagt. Embryomodelle im Kuvert, wo könnte man sie beziehen? C. R.

Von Gerstner C. am .

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihre so wichtige Arbeit. Als selbst Betroffene habe ich das Wunder der Vergebung dieser erdrückenden Schuld erleben dürfen. Ich wünsche mir, dass noch viele Andere das erleben dürfen und das Frauen durch diese Aktionen vor dieser falschen und schwerwiegenden Entscheidung bewahrt werden.

Von Britta F. am .

Finde ich gut, das du deine Meinung weiter gibst, aber besser würd ich finden, wenn Frauen die in der Situation sind "treibe ab weil ich kein Ausweg habe" Hilfe anzubieten, Beratung und Seelsorge, der erhobene Zeigefinger dannach, kann jeder machen... Hilfe vorher bringt mehr... meine Meinung, leider kann ich keine Kinder bekommen und hatte nie den Zwiespalt was mache ich? aber ich stell mir das ganz schrecklich vor... biete Hilfe an, ist das Beste dafür glg Britta

Von Regina H. am .

Wie froh bin ich ,dass Sie (ERF, Thomas Schürer, Claudia Wellbrock) dieses Thema zur Sprache bringen, denn viele Frauen sind sprachlos geworden auf Grund einer Abtreibung und wären froh, man hätte sie vor den Folgen gewarnt.

Von Erdmute D. am .

Vielen Dank für den aufschlußreichen Bericht! Ich denke, dass diese Aktion viele Menschen erreichen wird, weil sie so lebensnah ist und verständlich ist. Gottes Segen für Thomas Schührer!


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