Gemeindegründung in Hannover

„Dreisechzehn“ versteht Kirche anders

Die gute Botschaft in neuem Gewand.

Als Petrus von Jesus aufgefordert wurde, auf dem Wasser zu gehen (Matthäus 14,22-32), musste er seine Komfortzone verlassen. Seine Beine über die Reling schwingen und mit den Füßen Kontakt aufnehmen mit dem unruhigen, kühlen Wasser des Sees Genezareth. Das Experiment gelang – solange Petrus Jesus im Blick behielt. Einen übertragbaren Schritt hat Pastor Markus Schmidt mit „Dreisechzehn“ gemacht: Raus aus der beruflichen und geistlichen Komfortzone, hinaus aufs Wasser.

Dreisechzehn – das ist keine Telefondurchwahl und keine Hausnummer. Hinter dieser Zahl steckt auch nicht ein Gericht bei dem Griechen um die Ecke. Nein, Dreisechzehn ist der Name einer neuen Gemeinde, die vor einem Jahr in Hannover gegründet wurde.

Nicht nur der Name, vieles ist bei Dreisechzehn anders als in einer „herkömmlichen“ frei-evangelischen Gemeinde. Hinter der Bezeichnung „Dreisechzehn“ verbirgt sich die Bibelstelle aus dem Johannesevangelium, die in Kapitel 3 Vers 16 zu finden ist. „Dieser Name soll zum Ausdruck bringen, dass es uns in erster Linie um Evangelisation geht“, sagt Markus Schmidt, Gründer und Pastor der jungen Gemeinde.

Wenn von dieser Zahlenfolge gesprochen wird, wissen zumindest Christen sofort, worum es geht. Max Ludaco beschrieb die drei Ziffern mit seinem  Buchuntertitel als „Zahlen der Hoffnung“. Kein schlechter Gedanke also, die Kernbotschaft als Namensgeber der Gemeinde wirken zu lassen.

„Hannover braucht keine weitere Kirche“

„Dreisechzehn – Stadtkirche Hannover“ lautet der vollständige Titel der Gemeinde und soll beim ersten Hören ein Nachfragen auslösen. Neben der evangelistischen Ausrichtung ist der Name nämlich gleichzeitig ein Werkzeug, um Freunden, Kollegen und Nachbarn das Evangelium weiterzusagen. „Wer über seine Zugehörigkeit zu unserer Gemeinde spricht, muss im gleichen Atemzug auch das Evangelium erklären“, sagt Schmidt. Doch wozu der Begriff „Stadtkirche“ – der ja nun wirklich alles andere als neu ist?

Pastor und Gemeindegründer Markus Schmidt (Bild: David Traxel Fotografie)

„Wir wollen ganz bewusst Kirche in der Stadt und für die Stadt sein, so Schmidt. Hier verdichten sich die entscheidenden gesellschaftlichen Trends und in Großstädten werden viele neue geboren.“ Deshalb sieht der Gemeindegründer in der niedersächsischen Landeshauptstadt den idealen Ort für seine Gemeinde. Man will als Kirche vor Ort direkt dort positiven Einfluss nehmen, wo er sich bündelt und entsteht.

Aber braucht Hannover diese neue Kirche wirklich? Ein kurzer Blick in das städtische Gemeindemagazin zeigt: Es bestehen bereits rund 40 verschiedene Freikirchen unterschiedlichster Couleur. Schmidt kontert: „Hannover braucht mit Sicherheit keine weitere Kirche, aber eine andere.“ Die Gründung der Gemeinde basiert nämlich auf einer intensiven Auseinandersetzung mit einer bestimmten  Zielgruppe.

Das Evangelium in unerreichtem Gebiet                                     

Das Sinus-Institut gliedert unsere Gesellschaft in 10 verschiedene Milieus, d.h. Gruppen gleichgesinnter Menschen. Ein Beispiel hierfür ist der bekannte Begriff der „bürgerlichen Mitte“, die eins der zehn Milieus darstellt. Laut Schmidts Analysen sind die bestehenden Kirchen und Freikirchen in maximal 2-3 von 10 Milieus vertreten. Alles kirchliche Leben spielt sich also nur in einem kleinen Teil der Gesellschaft ab.

„Das bürgerliche und traditionelle Milieu ist derzeit zwar noch am größten, aber in Zukunft wird sich das ändern“, so Schmidt weiter. Für diese Veränderung ist seine Kirche gewappnet: Dreisechzehn schafft einen gemeindlichen Raum für die Menschen, die sich innerhalb von anderen, wachsenden Milieus bewegen.

Natürlich kann eine Gemeinde nicht alle der „unerreichten“ sieben bis acht Milieus ins Visier nehmen. Doch das ist auch nicht das Ziel. Dreisechzehn richtet sich an das so genannte adaptive Milieu und die Performer.  „Wir wollen Leute erreichen, die ohne uns nie mit Kirche in Berührung kämen, geschweige denn eine Entscheidung für Jesus treffen würden.“

Neue Gemeinde – neue Ergebnisse?

Die Gemeinde soll neue Menschen erreichen, anstatt Menschen von anderen Gemeinden abzuziehen, die bereits Christen sind. Schmidt ist überzeugt: „Gemeindegründung ist der beste Weg zur Evangelisation. Ich leide darunter, dass es so viele Menschen gibt, die die beste Botschaft der Welt nicht wahrnehmen.“ Bei dieser Aussage wirkt Schmidt nicht einmal fromm. Er sieht folgendes Problem: Die Menschen suchen zwar nach spirituellen Erfahrungen, bringen dieses im Grunde positive Bedürfnis aber leider nicht mit dem Glauben an Gott in Verbindung. Der Hauptbeweggrund für die Gemeindegründung ist also eine innere Betroffenheit für die Menschen, die Gott nicht kennen, und damit nicht die schlechteste Voraussetzung für ein Projekt, dass auch langfristig Früchte tragen könnte.

Wie packt die Gemeinde die Herausforderung an, eine alte Botschaft neu an den Mann zu bringen? Gottesdienste zum Beispiel finden sonntags nicht wie gewohnt um 10 Uhr, sondern um 15 Uhr statt. Ist das schon alles? „Natürlich müssen wir uns irgendwie von anderen Gemeinden unterscheiden“, meint Schmidt. „Das lässt sich am allerwenigsten durch die Gottesdienstzeit ausdrücken, aber es verkörpert einen guten Gedanken. Als Gemeinde müssen wir neue Wege beschreiten, um neue Ergebnisse zu erzielen, denn neuer Wein gehört in neue Schläuche. Natürlich erfinden wir nicht das Evangelium neu. Aber wenn wir alles so machen, wie wir es immer schon gemacht haben – in diesem Fall Gottesdienste am Vormittag – dann erhalten wir auch die Ergebnisse, die wir immer schon erreicht haben.“

Schmidts Ansatz zeigt Wirkung. Nach einem Jahr Gemeindearbeit besuchen 50-60 Leute regelmäßig den Gottesdienst am Sonntagnachmittag. Die Besucher wurden jedoch nicht aus anderen Gemeinden angelockt. Grundsätzlich schickt Schmidt Leute wieder weg, die Mitglied in einer anderen Gemeinde sind. Natürlich besteht sein Starterteam aus Christen, die schon Gemeindeerfahrung haben. „Man braucht ja auch eine kritische Masse von engagierten Christen, um als neue Gemeinde wahrgenommen zu werden“, sagt Schmidt. Aber es geht ihm nicht darum, Christen von einer Gemeinde in die andere zu transferieren.

Im Auftrag der Stadt Hannover

Es ist nichts Weltbewegendes, wenn man einfach die Gottesdienstzeit verändert. Doch Dreisechzehn setzt seine Passion, die sich in „neue Wege für neue Ergebnisse“ zusammenfassen lässt, auch in anderen Bereichen der Gemeindearbeit konsequent um.

Die Stadt „schöner“ machen gehört laut Gemeindegründer Schmidt zum Beispiel untrennbar zur Verkündigung des Evangeliums dazu. „Wir glauben, dass das Evangelium letztlich nicht nur einzelne Menschen verändert, sondern alles. Im Endeffekt bringen wir Gottes Herrlichkeit nach Hannover“, erklärt er. Was das bedeutet? Schmidt zitiert den Apostel Paulus, der die Gemeinde als „Ecclesia“ bezeichnet. „Damit ist die historische Vollversammlung von Bürgern gemeint, die zusammenkommen, um zum Wohle der Stadt Entscheidungen zu treffen.“ Genau dieses Verständnis hat Dreisechzehn auch von sich selbst; die Gemeinde wurde zum Wohle der Stadt gegründet.

Zugegeben – das hört sich in der Theorie alles sehr weise und durchdacht an. Doch wie wird es praktisch umgesetzt? Dreisechzehn versucht nicht, das Rad neu zu erfinden oder bringt ausschließlich eigene Projekte ins Rollen. So setzt sich die Gemeinde dafür ein, dass im kommenden Jahr die aus Belgien stammende Initiative „Serve-the-City“ (zu Deutsch: Diene der Stadt) in Hannover aktiv wird. „Sie passt gut zu uns, weil gesellschaftliche Transformation einer unserer drei Grundwerte ist“, so Schmidt. Dabei geht es darum, als Christen positiven Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben.  Auf der Gemeindehomepage sind zwei weitere Schwerpunkte zu finden: Freiheit durch das Evangelium und ganzheitliche Nachfolge.

Geistlicher Konsum allein ist verboten

Diese Werte setzt man unter anderem in den Hauskirchen um. „Wir haben den Begriff Hauskirchen für unsere Kleingruppen gewählt, weil hier alle wesentlichen Inhalte des Gemeindeslebens stattfinden.“ Das Konzept: Jede Woche treffen sich 7-12 Leute, tauschen sich über während der Woche gelesene Abschnitte aus dem Neuen Testament aus, beten füreinander und nehmen das Abendmahl. Am Ende so eines Treffens wird für VIPs gebetet. „So nennen wir unsere Nicht-Christlichen Freunde, die Jesus brauchen“, wirft Schmidt ein. „Wir beten gezielt für das, was sie in ihrem Leben gerade akut beschäftigt und dass sie darin Gott begegnen.“

Diese Art des Gemeindelebens soll die einzelnen Mitglieder in eine besondere Mündigkeit und Eigenständigkeit als Christ hineinführen. Es reicht nicht, durch Veranstaltungen den Besuchern etwas zu bieten und sie mit Wissen aus der Bibel zu konfrontieren. Dreisechzehn fordert ein gesundes Maß an Eigenverantwortung. Einfach nur geistlichen Konsum betreiben – Dreisechzehn ist nicht der richtige Ort dafür.

Guter erster Eindruck statt erhobener Zeigefinger

Neben vielen auf Veränderung ausgerichteten Angeboten sind auch die Treffpunkte der Gemeinde eher untypisch. Man begegnet den Leuten von Dreisechzehn beim gemeinsamen Feierabend-Stammtisch in angesagten Cafés, die Gottesdienste werden in verschiedenen Kulturzentren gefeiert. Diese Zusammenkünfte an öffentlichen Orten unterliegen einer Strategie. Schmidt dazu: „Wenn man zum Beispiel Gottesdienste in einer Lagerhalle im Industriegebiet fernab vom öffentlichen Leben feiert, weil man dort keine Nachbarn stört, jeder sein Gemeindefach hat und alles auf die Belange der Christen zugeschnitten ist, mag das vielleicht für die Mitarbeiter nett und praktisch sein. Doch es vermittelt auch gleichzeitig eine Botschaft. In einem solchen Fall ist das die Botschaft der Exklusivität, der Zurückgezogenheit. Das wollen wir ganz bewusst nicht.“

Wie schon Apostel Paulus den öffentlichen Raum in Athen auf dem Areopag suchte, um das Evangelium zu verkünden, will auch Dreisechzehn in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. „Natürlich haben wir nicht deckungsgleiche Grundsätze mit den Kulturzentren. Aber es ist doch schön, dass wir zumindest als kultureller Beitrag wahrgenommen werden“, sagt Pastor Schmidt.

Obwohl sich die Gemeinde in einem Spannungsfeld aus Anpassung und  klaren Werten bewegt, orientiert man sich konsequent an der Bibel. „Es geht uns nicht darum, mit dem erhobenen Zeigefinger unsere Mitmenschen darauf hinzuweisen, was sie dürfen und was nicht“, erklärt der Gemeindegründer.  „Wir wirken durchaus auch korrektiv. Aber in erster Linie schaffen wir einen Raum, in dem Menschen positive Erfahrungen mit Gott machen.“

Wunder wie aus Büchern

Die Gemeindegründung ist eine Herausforderung – auch für den Pastor persönlich. „Ich musste meine Komfortzone verlassen“, sagt Schmidt. Aber es hat sich gelohnt. Die Gemeinde erlebt Gottes Wirken – nicht nur durch die angestrebten Veränderungen im Leben der Menschen, sondern zum Beispiel auch in Form von wundersamer finanzieller Versorgung. Eine Einmalspende in der Höhe von 10.000 Euro hatte wohl niemand für möglich gehalten. „Das sind Sachen, die ich sonst nur aus Büchern kenne“, staunt Schmidt.

Aber ist bei Dreisechzehn deshalb alles nur rosa-rot? Der erste Eindruck zeigt: Abgehoben ist noch niemand. Auch der Gründungspastor reflektiert ausgewogen über das erste Jahr. Es koste viel Mut, wie Petrus aus dem Boot auszusteigen. Aber es lohne sich auch. Denn was Gott bestellt – in diesem Fall eine Gemeinde – das bezahlt er auch. Schmidt mahnt jedoch seine Zunft: „Wenn Gott irgendwann einmal scheinbar nicht zahlt, muss man sich natürlich auch fragen, ob er es vielleicht nicht bestellt hat. Ich habe meinem Team von Anfang an gesagt: ‚Wenn wir nach drei Jahren keine Nicht-Christen für Jesus gewinnen, machen wir den Laden wieder dicht.‘“

Niemand wünscht der Gemeinde, dass es so kommt. Und bis man mehr über die Früchte dieser Arbeit sagen kann, geht Dreisechzehn ihn mutig weiter, den Weg übers Wasser.


Kommentare

Von Brigitte am .

Ich habe mir die Homepage angesehen, aber nirgends stand da etwas, dass dort auch die Busse und die Umkehr von der Sünde gepredigt wird. Das gilt leider für viele Gemeinden


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